6. Tag

Bella Vista

Mittwoch, 01.11.2000

 

Um 5:00 Uhr morgens wache ich durch lautes Geplätscher hinten an der Stelle, an der Mario den Kanister mit dem Köder befestigte, auf. Ein Caiman will sich gerade den Pirhana vom Haken holen. Wie wild zerrt er an der starken Nylonschnur und es gelingt ihm den Haken vom Kanister zu reißen. Er verschwindet wieder im Dickicht und war nicht mehr gesehen. Ich bleibe wach und lausche. Etwas weiter flussabwärts geht scheinbar ein mächtiges Orinoko-Krokodil auf Jagd. Unser Bongo und im Hintergrund der Yapacana Tepui am Rio Orinoco Laut hört man das Klappen seines riesigen Maules. Kurz vor der Morgendämmerung ist auch wieder der Lärm des Dieselmotors von gestern zu hören. Ich schäle mich aus meiner Hängematte und mache mich ein weiteres Mal auf die Suche nach der Lärmquelle. Ein großer Frachtkahn mit einem Tanklastwagen kommt den Fluss herauf getuckert. Er bringt Sprit nach Esmeralda, eine größere Ansiedlung am Cunucunuma. Als der Kahn an uns vorüberfährt, sind alle wach und wir beginnen sofort mit dem Lagerabbau. Die Natur bietet heute ein wunderschönes Naturschauspiel: Aus dem Fluss steigen Nebelschwaden in die Höhe und die Sonne, wie eine große Scheibe, versucht ihre Strahlen durch den Dunst über dem Regenwald auf die Erde zu schicken. Eine nahezu gespenstische Szenerie. Über einem kleinen Feuer kocht Ivan in einem Topf mit Salzwasser Pirhana-Köpfe für unsere Kinder. Während dessen helfen Mario und ich Hilario beim Umfüllen der Spritfässer. Mit großem Kraftaufwand müssen dazu zwei 80-Literfässer aus dem schaukeligem Boot auf die Sandbank gehoben werden, um durch den Höhenunterschied und dem Schlauch den Sprit in die großen Fässer im Heck laufen zu lassen. Die Akkus meiner Videokamera sind inzwischen auch leer und müssen geladen werden. Doch der Stecker meines Ladegerätes passt nicht in die Buchse des Transformators. Mit einer abenteuerlichen Kabelkonstruktion, bei der ein jeder Elektriker die Hände über dem Kopf zusammenschlagen würde, gelingt es Hilario, eine Verbindung zwischen dem Motor und meinen Akkulumatoren herzustellen. Ob das funktioniert? Jedenfalls leuchtet schon die Diode am Ladegerät.

 

Um halb neun ist alles wieder im Boot verstaut und wir fahren weiter dem Orinoko flussaufwärts. Der Fluss ist hier "nur" noch etwa doppelt so breit wie der Rhein. Vor uns liegen nun ca. 5 Stunden Fahrt. Nach einer halben Stunde ist das Frühstück fertig. Mario wartet mit selbstgebackenen Semmeln auf, dazu gibt es noch ein paar Scheiben Käse. Danach ist etwas Zeitvertreib angesagt. Ivan baut an seine Angel neue Haken, er möchte sich gerne an dem Riesenfisch rächen, der ihm gestern den Haken geklaut hatte. Alle anderen dösen. Da Hilario wieder die Fahrrinne in der Flussmitte benutzen muss, kann ich auf die Entfernung am Flussufer nichts erkennen. So beschäftige ich mich mit dem Zählen meiner Puripuri-Bisse. Bei 200 wird mir das zu langweilig und dabei habe ich bis jetzt nur die an meinen Beinen gezählt. Bei Bodo sieht es noch schlimmer aus. Es ist wirklich schlimm. Während der Bootsfahrt ist die Hitze durch den kühlenden Fahrtwind in T-Shirt und kurzen Hosen angenehm zu ertragen. Bei Landgängen muss man sich jedoch voll anziehen, das heißt lange Hosen, langes Hemd und am besten noch Handschuhe und Gesichtsmasken. Denn dann kommen sie, die kleinen etwa 2 mm großen Fliegen, die zu Hunderten über dich herfallen und schneller zubeißen als du dich wehren kannst. Das ist lästig, dazu kommt dann noch die gnadenlose Hitze. Innerhalb weniger Minuten ist man dann völlig durchgeschwitzt. Man freut sich auf jeden kleinen Luftzug, der etwas Abkühlung bringt und wenigstens für kurze Zeit diese Mistdinger vertreibt.

 

Später befreien Ivan und ich die gekochten Fischköpfe mit kleinen Stecken und einer Pinzette vom Fleisch. Man muss sehr behutsam vorgehen, damit die zarten Knochen nicht brechen und sich die Knorpelverbindungen der Kiefer nicht lösen. Am schwierigsten ist es das Gehirn durch die Nervenaustrittslöcher aus der kleinen Knochenhöhle zu fieseln. Die sauberen Köpfe legt Ivan behutsam in den Deckel seiner Blechdose und stellt diese an eine Spritzwasser geschützte Stelle auf die Spritfässer zum Trocknen. So vergeht die Zeit wie im Flug.

 

Bis jetzt ist es der Sonne noch nicht gelungen ihre Strahlen durch die Wolken zu schicken. Bucht am Rio Orinoco Ab und an fallen auch ein paar Regentropfen herunter, die jedoch kaum Abkühlung bringen. Erst um 11:00 Uhr, gerade als wir eine Pinkelpause einlegen wollen, gelingt es ihr, die Wolken zu durchbrechen. Die stehende Luft gleicht der, die man vergleichsweise in einem türkischen Dampfbad erwartet. An unserem Rastplatz liegen sehr viele Steine im Wasser, die zu unterschiedlichen Strömungen führen. Eine gute Gelegenheit um die Angeln auszuwerfen. Und tatsächlich; flup - flup - flup fliegen die Barsche. Ich bekomme so einen riesigen Brocken an den Haken, dass ich die Angel kaum halten kann. Mario eilt mir zu Hilfe, doch gerade als der Kopf aus dem Wasser schaut, reißt der Haken aus dem Tier. Ich erinnere mich an zu hause, als Ivan und ich die Angelausrüstung in einem Angelshop in Neumarkt/Opf. kauften. Die Angelhaken, die uns damals mit der Bemerkung `Was habt Ihr denn vor ?!?´ verkauft wurden, bezeichnet Hilario als zu klein. Nachdem ich noch einen großen schwarzen Pirhana an Land ziehe, necken mich die anderen mit den Worten `Noch nie geangelt und dann solche Dinger!´ Die Fische werden noch auf dem Felsen ausgenommen und zu Fischsuppe verkocht.

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Kurz nach Mittag besteigen wir wieder das Boot und fahren weiter. Am Nachmittag liegt die Fahrrinne häufiger in Ufernähe, so dass ich gespannt in den Wald schauen kann. Doch im Gegensatz zu den Natur-Reportagen bei uns im Fernsehen, in denen die wilden Tiere und die zauberhaften Blüten und Pflanzen geballt gezeigt werden, herrscht in Wirklichkeit endloses Grün vor. Der dichte Wald wird durch einen noch dichteren Vorhang aus Lianen und anderen Kletterpflanzen verdeckt. Nur an Stellen, an denen der Fluss das Ufer unterspülte und kürzlich einen Baum ins Wasser fallen lies, ist der Vorhang aufgerissen und man hat freien Blick in den Wald. Von Zeit zu Zeit wird das Grün von leuchtend violett und orange blühenden Bäumen unterbrochen. Je nach Wasserstand sieht man das senkrecht ins Wasser fallende Ufer, in denen sich die Wasservögel ihre Nisthöhlen bauten und in denen sich die Schlangen zurückziehen. Deutlich ist zu erkennen, wie dünn die Humusschicht des Urwaldbodens ist. Von den mächtigen Baumkronen der Urwaldriesen reichen die Luftwurzeln der Würgefeigen bis nach unten ins Erdreich. Die Seitentriebe dieser Lianen umklammern die Stämme ihrer Wirtsbäume und schnüren ihnen die Wasserzufuhr ab. Danach sterben diese ab. Unzählige Insekten sorgen durch ihre ungezähmte Gier nach Nahrung für einen beschleunigten Verrottungsprozess. Übrig bleibt dann nur noch ein hohler Turm aus miteinander verschlungenen Wurzeln. Durch den sinkenden Wasserpegel kommen vermehrt Sandbänke zum Vorschein, auf denen Reiher im Sand nach Essbarem suchen. Auf manchen sind noch alte Pfähle von früheren Lagern zu sehen. Nach dem Mittagessen und dem Nachmittagskaffee taucht hinter einer Kurve ein Hügel auf. Bald darauf fahren wir an einer kleinen Indianer-Siedlung namens Cariche vorbei. Illegalerweise schürfen die Bewohner dieses Dorfes in dem dahinterliegenden gleichnamigen Berg nach Gold und Diamanten. Der Orinoko macht hier einen weiten Bogen und fließt uns nun aus dem Südosten entgegen.

 

Am Spätnachmittag erreichen wir das erst 1990 von Piaroa-Indianern aus dem Tama-Tama-Gebiet gegründete Dorf Bella Vista. Hier wollen wir für heute Nacht um Asyl bitten. An den großen Felsen legen wir an. Roland umgeben von einen Schmetterlingsschwarm am Rio Orinoco Hunderte von gelben Schmetterlingen lecken die Mineralien von Schweiß und Waschmittel von den Felsen am Fluss. Im Baum über uns hängen an den Zweigen etliche Nester der schwarz-gelben Gelbpurzel-Kaziken, eine Art der Webervögel, die wie wild umherfliegen. Ihr Geschrei ähnelt einem Lachen. Neugierig werden wir von etwa einem Dutzend badender Kinder begutachtet. Das Dorf mit den 10 Häusern aus Pfählen mit Lehmwänden liegt etwas auf einer Anhöhe. Während wir den Trampelpfad nach oben gehen, folgen uns die Kinder und Jairo, der hier der Dorflehrer ist, kommt uns entgegen. Er und Mario kennen sich von früheren Begegnungen und Mario stellt uns ihm der Reihe nach mit dem Namen vor. Antonio sagt uns eine Übernachtung im Kulturhaus zu, jedoch müssen wir auf das endgültige OK von Aldo, dem Dorfvorstand, noch warten. Dieser ist jedoch noch mit dem Bau eines neuen Bongos im Wald weiter flussabwärts beschäftigt. Tatsächlich hören wir in der Ferne das Heulen einer Motorsäge. Wir brauchen nicht lange auf ihn zu warten, denn die einbrechende Nacht nimmt ihm das Licht zur Weiterarbeit. Aldo ist etwa so alt wie wir und wie die meisten anderen nur etwa einmeterfünfzig groß. Seine dunkle Haut ist von unzähligen Mückenbissen gegerbt. Er stimmt nun endgültig einer Übernachtung im Kulturhaus zu.

 

Inzwischen wurde das Stromaggregat angeworfen, das etwas abseits in einem Häuschen steht, und die Laternen beleuchten den Dorfplatz. Aus den Fenstern der Häuser hört man aus Radios lateinamerikanische Musik. In der Regel läuft der Generator von 19:00 bis 21:00 Uhr. Aldo führt uns zum Kulturhaus und zeigt uns unseren Schlafplatz. Es ist das größte Gebäude im Dorf und misst etwa 20 x 10 Meter. Wie die anderen Gebäude bestehen die Wände aus weiß getünchtem Lehm und etlichen mit Fliegengittern geschützten Fenstern. An den dicken Balken des mit Palmwedeln gedeckten Daches können wir später unsere Hängematten aufhängen. Einige Stühle mit einem an einer Lehne befestigtem Brett erinnert mich an meine Schulzeit im Musiksaal der Realschule Roth. Sie zeigen, dass hier während des Ein Abend am Boot bei Bella Vista Tages unterrichtet wird. Aldo bittet uns mit dem Aufhängen der Hängematten noch zu warten, denn sie würden heute Abend noch gerne ein "Mad Max" - Film im - man höre und staune - im Satellitenfernsehen anschauen. Man merkt, der Fortschritt ist nicht mehr aufzuhalten. So gehen wir erst einmal zurück zu unserem Boot. Während Tamaira die Fischsuppe kocht, beobachten wir die Kinder beim Baden im Fluss. Es ist erstaunlich, wie unbekümmert selbst die kleinsten in der starken Strömung umherschwimmen und planschen. Etwa 4 - 5 jährige achten hier auf die Kleinsten, während ihre Mütter im Fluss die Wäsche waschen. Andere, größere Kinder spülen das Geschirr. Nachdem die Frauen mit ihren Kindern zurück zu ihren Häusern kehrten, kommen nun die Männer und waschen sich im Fluss. Auch wir nutzen die Zeit für ein ausgiebiges Bad, während sich der zunehmende Mond im Wasser spiegelt.

 

Ivan findet einen Stein, der ihn zum ins Wasserwerfen reizt. Doch Mario kann ihn davon abhalten, denn diesen Stein benützen die Indianer zu Schleifen ihrer Macheten. Auch anderswo sollten wir darauf achten, nicht unbedacht solche Schleifsteine ins Wasser zu werfen. Während wir unsere Fischsuppe mit Paprika und Krautsalat zu uns nehmen, kommt Antonio und berichtet, dass die Dorfbewohner beschlossen haben ihren Mad-Max im Freien anzuschauen. So gehen wir nach dem Essen mit unserer Tonne nach oben und hängen die Matten an die Balken. Vor dem Haus haben die Bewohner einen Tisch gestellt, auf dem ein alter Fernseher und ein nagelneuer Satelliten-Receiver, ein Geschenk der letzten Wahlkampfkampanie stehen. In einem großen Kreis sitzt fast die gesamte Dorfgemeinschaft und schaut gespannt in das TV-Gerät. Wir bleiben zwar auch kurz stehen, aber wir haben kein Verlangen nach so viel Lärm und Hektik und gehen gemeinsam wieder zurück zum Fluss.

 

Ivan und ich suchen etwas Holz und machen am Ufer in einer Felsspalte ein kleines Feuer. Nester der Webervögel bei Bella Vista Wir wollen noch zwei weitere Pirhanaköpfe auskochen. Dabei gesellt sich Antonio zu uns. Obwohl wir uns nicht verbal verständigen können, kommt es mit Hilfe von Händen und Füßen zu einer freundlichen und lustigen Unterhaltung. Auch Aldo stattet uns noch einen Besuch ab und wir verabreden uns für morgen früh zu einem Besuch seiner Gartenanlage. Am Boot unterhalten wir uns noch bei Bier und Rum über den Tourismus und seine Folgen für die Indianer. Der Alkohol treibt die Müdigkeit in unsere Leiber und irgendwann brechen wir auf, um uns nieder zulegen. Der Strom ist inzwischen weg, doch der Mond scheint so hell, dass wir auch ohne Taschenlampen den Weg zum Kulturhaus finden.

 

Während wir uns alle ausziehen, beginnt Markus plötzlich zu fluchen. In seinem Mosquitonetz haben sich ´zig Falter, Wespen und Käfer eingefunden, die aufgeregt versuchen wieder heraus zu kommen. Markus hat seine Hängematte genau unter einer Lampe aufgehängt und nachdem das Netz den Betonboden nicht berührte und unten offen war, haben sich etliche dieser Insekten darin verirrt. Gemeinsam machen wir Jagd auf die Tiere, so dass Markus doch noch zu seinem Schlaf kommt.