Wir schlafen gut. Fast hätten wir verschlafen, als wir heute erst um 7:00 Uhr aufwachen. Eilig hängen wir unsere Hängematten ab, denn wir wissen inzwischen, wie schnell die Zeit vergeht und um neun haben wir uns bereits mit Aldo verabredet. Auch Tamaira und Hilario sind schon auf und das Frühstück wird schon zubereitet, als wir wieder am Boot ankommen. Es gibt wieder Arepas mit geriebenem Schinken.
Tatsächlich, Aldo steht um neun neben unserem Boot. Wir sind gerade mit dem Frühstück fertig geworden. Die Puripuris sind auch schon wach und umschwirren uns in gewohnter Weise unaufhörlich. Wir packen noch schnell unsere Rucksäcke und Hilario gibt mir den Akku für den Video zurück. Man kann es kaum glauben, aber der Akku ist voll geladen. Gemeinsam gehen wir durch das Dorf. Die Fliegenplage lässt hier, etwa 20 m über dem Fluss, deutlich nach. Aldo zeigt uns ein Haus, in dem ein paar Frauen und einige Jugendliche Maniok verarbeiten. Der saure Maniok wird gewässert, gerieben und in einem Bastgeflecht, das in Prinzip und Wirkungsweise unseren Mädchenfängern im Gipsraum gleicht, in einem Holzgestell gepresst. Auf einem Ofen liegen schon einige Halbmeter große Casave-Brote, die etwa ein Jahr haltbar sind. Danach führt er uns weiter, vorbei an den Häusern seiner Dorfbewohner. Zeigt uns seinen roten Ara und noch ein paar kleinere Dinge, die zum Leben in einem Dorf gehören. Der Weg zum Garten führt auch über den Sportplatz der Gemeinde. Von der Größe übertrifft dieser fast die Fläche der Gemeinde, und die Länge des Grases lässt ahnen, wann zuletzt jemand darauf gespielt hat. Womöglich ist der einzige Fußball kaputt. Gleich neben dem Spielfeld beginnt der erste Garten, der mit süßem Maniok für den täglichen Gebrauch bebaut ist. Rechts neben dem Fußweg wird gerade ein neues Feld angelegt.
Es geht wieder leicht bergab und nach kurzer Zeit tauchen wir aus der brütenden Hitze hinein in das etwas kühler wirkende Dampfbad des Regenwaldes. Der Weg wird mal schmaler, mal wird er wieder breiter. Links und rechts wachsen neue grüne Büsche und Sträucher, überall liegen umgestürzte Bäume, die langsam vor sich hin modern. Ivan stochert mit seiner Machete fortwährend in den morschen Hölzern, um den Mikrokosmos des Urwaldes zu erforschen. Auch Mario wird von der Neugier, was wohl unter der faulenden Rinde so alles lebt, infiziert und stochert ebenfalls überall hinein. Es ist eine wunderbare Symbiose vielzähliger Käfer, Larven, und Ameisen, die miteinander den Baum als Nahrungsquelle oder Behausung nutzen.
Der Weg endet plötzlich an einer überschwemmten Stelle im Wald. Drei Bongos liegen am Ufer, von denen eines als Bassin für kleinere Fische verwendet wird.
Da wir nicht alle gleichzeitig in ein Bongo passen, setzen zuerst Mario, Ivan und Markus über, bevor Aldo Bodo und mich zur Überfahrt abholt. Es sind zwar nur etwa 40 m zu überwinden, doch Aldo muss des öfteren vor und zurück rangieren, damit das lange Boot zwischen den Bäumen hindurch passt. Auf der anderen Seite schlängelt sich der Weg weiter durch den Wald. An manchen Stellen versinken wir knöcheltief im Morast, anderswo müssen wir über schmale Bäumchen balancieren um über ein matschiges Loch zu kommen. Aldo zeigt uns unterwegs verschiedene interessante Dinge. Er gräbt eine kleine Pflanze aus, deren Wurzel eine anästhesierende Wirkung hat; er zeigt uns, wie man mit einem dünnen Stecken eine Vogelspinne aus ihrem Bau lockt. Wir berichten ihm von dem blutenden Baum in Yagua, und kurze Zeit später schlägt er mit seiner Machete ein Stück Rinde von einem Baum. Sofort läuft orange farbener Saft aus seinen Poren, dessen Wirkung gegen Magengeschwüre helfen soll. Er zeigt uns meterlange Hängewurzeln, die gegen die Gonorrhö eingesetzt wird. An einem mächtigen Baum sehen wir einen großen schwarzen Fleck und denken dabei an eine Art Flechte, doch als wir näher kommen, erkennen wir Hunderte schwarz-gelbe, etwa 10 - 12 cm lange und 1,5 cm dicke Raupen. Der Größe nach zu urteilen müssten sie zum Morpho-Falter gehören, die sich gerade auf den Weg von der Baumkrone hinunter zur Erde machen, wo sie sich verpuppen werden und sich weiter zu dem wunderschönen blauleuchtenden Falter entwickeln. Ivan ist wieder Feuer und Flamme und tut kund, dass er auf dem Rückweg einige mitnimmt, um sie später zu verspeisen.
Schließlich gelangen wir nach einer halben Stunde Fußmarsch durch den Wald zum Garten, den man hier als Conuco bezeichnet. Auf einer rechteckigen Fläche von ca. 200 x 150 m werden die Bäume gefällt und bleiben schließlich für den kommenden Humus einfach liegen. Anschließend wird nach einer kurzen Trocknungsphase die Fläche in Brand gesetzt. Danach wird das Feld etwa 5 Jahre genutzt, bevor an einer anderen Stelle ein neues Feld angelegt wird. Es dauert nicht allzu lange, bis sich der Urwald das genutzte Feld wieder holt, und in seiner ursprünglichen Form weiter wächst. In Aldos Garten wachsen wild durcheinander Ananas, Bananen, Kürbisse, rote und gelbe Paprika, Zuckerrohr, Passionsfrüchte, die gleichzeitig Früchte und wunderschöne violette Blüten tragen, sowie Maniok. Wir dürfen von allem etwas probieren.
Auf dem Rückweg führt uns Aldo noch zu zwei weiteren Gärten, die zum einem seinem Onkel und zum anderem einem "Bauern" aus der Nachbargemeinde gehören. Das eine Feld wird beherrscht vom Gurken- und Melonenanbau. Über die gefällten Bäume balancieren wir diagonal über das ganze Feld. Auf dem anderen befinden sich überwiegend Ananas, von denen wir uns ein paar mitnehmen oder gleich an Ort und Stelle vertilgen. An einem Baum finden wir merkwürdige etwa 80 bis 100 cm lange Hülsenfrüchte, deren rechteckige Kerne mit einem weißen samtenen, aber wohlschmeckendem Fruchtfleisch überzogen sind. Der Name lautet Guama und dient lediglich den Kindern als Ersatz für Süßigkeiten.
Wir machen uns wieder auf den Heimweg durch den Wald und kommen dabei wieder an den Bäumen vorbei, an denen die Raupen in Scharen herunter gewandert sind. Schnell sind mit einem Stock ein paar von der Rinde geholt und Ivan packt sie in eine Kunststoffdose, die er extra für Insekten mitgenommen hat. Es ist wirklich nicht zu beschreiben, wie krass die Klimaunterschiede zwischen dem Feld und dem Urwald sind: eben noch die pralle Sonne und die glühende Hitze auf dem Feld und gleich darauf der scheinbar kühlende Dampf des Urwaldes. Uns wird klar, dass auf weiten Flächen, die gerodet werden, die dünne Humusschicht durch die extreme Sonneneinstrahlung so schnell austrocknet, dass ein Wiederwachsen nicht mehr möglich ist. Ich erinnere mich an den berühmten Spruch:
Aus dem geplanten 1 1/2 Stunden-Ausflug sind es nun 3 1/2 geworden. Im Dorf angekommen lädt uns Aldo zum Abschied noch in sein Haus ein. Wir gehen aber zunächst noch einmal zum Boot, um die Geschenke, die wir heute morgen noch zusammen gepackt haben, zu holen. Es ist nicht viel: ein paar Angelhaken, T-Shirts, kurze Hosen und noch ein paar Müsliriegel. Nach kurzem Anklopfen betreten wir Aldos Haus.
Es ist für die Verhältnisse schon fast luxuriös eingerichtet. Der Anstand verbietet uns jedoch weiter ins Hausinnere vor zudringen und wir belassen es bei der Besichtigung des ersten Zimmers an der Eingangstür. Die eine Wand ist mit dunklem Holz vertäfelt und an der anderen hängen 2 Werbeprospekte von Jaime Turon, dem Alkalde vom Regierungsbezirk Alto Orinoco. Des weiteren befindet sich noch eine alte Holzbank und ein großer runder Tisch mit 2 Stühlen im Raum. In einer Ecke steht ein KW-Funkgerät und auf der anderen Seite der Fernseher von gestern Abend. Uns wird Limonade angeboten, das jedoch nur eine wohlschmeckende erfrischende Mischung aus gepresstem Fruchtsaft und Wasser ist, was aber nicht als abwertend betrachtet werden soll. Wir überreichen Aldo die Geschenke und er begleitet uns danach zum Boot, um uns zu zeigen, wie die Raupen zubereitet werden. Zunächst muss mit einem dünnen Ästchen der Kopf ins Leibesinnere gedrückt und durchgeschoben werden, bis das gesamte Tier umgestülpt auf dem Stecken ist. Danach werden die Innereien im Fluss abgewaschen und die Raupe wird durch Abrollen vom Ast wieder in seine ursprüngliche Form umgedreht. Im heißen Fett kurz angebraten schmecken sie ähnlich wie Hühnerfleisch. Ivan probiert als erster, danach wir anderen. Raupen stehen nicht mehr auf dem regulären Speiseplan der Indianer. Durch den Einsatz der Gewehre und dem schnelleren Vorankommen mit dem Motorboot ist das Essen inzwischen immer gesichert. Nur noch in ganz schlechten Zeiten wird auf diese Art der Nahrung zurückgegriffen.
Während unserer Abwesenheit hat Tamaira und Hilario das Boot komplett ausgeräumt und gesäubert. Sie haben auch die Spritfässer aus dem Boot gehoben und die stinkenden Fische, die uns beim Angeln zwischen die Tonnen gefallen sind, entfernt. Tamaira hat uns auch zum Mittagessen gepökelte Kassler Rippchen mit Reis gekocht. Von Aldo kaufen wir noch Bananen, süßen Maniok und ein Lappa, das heute morgen von Bewohnern des Dorfes gejagt wurde. Ein Lappa ist ein kleines, etwa 12 Kilo schweres Nagetier, das ähnlich unserem Meerschweinchen aussieht. Um kurz nach 2 Uhr nachmittags setzen wir unsere Reise Richtung Südosten fort. Mario berechnet die verbleibenden Tage und stellt uns vor die Frage: Entweder wir bleiben einen Tag in einer Schwarzwasserlagune am Rio Siappa, oder wir machen mit Aldo noch eine Fahrt auf den kleinen Schwarzwasserflüssen, oder wir verlängern um einen Tag und machen dann beides. Wir entscheiden uns, einen Tag zu verlängern.
1 1/2 Stunden später sehen wir zum ersten mal den Duida-Tepui, der jedoch noch weit im Osten im Strömungsgebiet des Cunucunuma liegt. Wir trinken gerade unser letztes Bier, als wir um 16:00 Uhr in Gallo, einem verlassenem Dorf auf einer Halbinsel, eine Pause zum Angeln einlegen. Da der Erfolg ausbleibt, fahren kurz darauf weiter. Mario will uns von der Puripuri-Plage in LaoLao schützen und wir legen deshalb unterhalb von dem Dorf auf einer Sandbank eine weitere Pause ein.
Sie ist wunderschön. Tausende von Schmetterlingen sitzen auf einem Fleck und es reizt, durch sie hindurch zu spazieren. In einem Gewirr aus gelben und weißen Flügeln wird man fast eins mit den Schmetterlingen. In einer anderen Ecke der Sandbank stehen verschiedene Bäume mit süßlich riechenden Früchten. Gelb-schwarze Webervögel und leuchtend Blaue mit schwarzen Flügeln laben sich an diesen.
Langsam senkt sich die Sonne hinter dem Urwald und wir machen uns auf das letzt Stück nach LaoLao. Selbst Mario zieht sich lange Kleidung - was er bis jetzt nicht tat - an, um sich vor den Puripuris zu schützen, die dort zu Abertausenden ihr Unwesen treiben. Gott sei Dank gehen diese Dinger Abends schlafen. Auf der Fahrt verliert Ivan eine Plombe aus dem Zahn. Doch er hat an alles gedacht, selbst an eine Masse, aus der man ohne weitere Hilfsmittel ein Provisorium basteln kann. Einfach eine Kugel rollen und in das Zahnloch legen, draufbeißen und fertig. Dem Gesicht nach zu urteilen, könnte der Geschmack noch etwas verbessert werden. Gegen 18:00 erreichen wir dieses Dorf und tatsächlich, kaum hört der Fahrtwind auf, stürzen sie sich auf uns - die Puripuris. Von der Anlegestelle bis zu den ersten Häusern führt ein breiter Weg ungefähr 20 m nach oben. Vielleicht sind dort ein paar weniger. Doch der Wunsch bleibt unerhört. Selbst die Dorfbewohner werden malträtiert. Jeder ist in irgend einer Weise damit beschäftigt sich die Biester vom Leib zu halten, sei es mit Tüchern oder nur mit den bloßen Händen.
Wir werden vom Dorfvorstand Jesus, einem Baniva-Indianer aus dem Atabapo-Gebiet,
begrüßt und auch er bietet uns sein Kulturhaus zum übernachten an. Die Gemeinde besteht aus ungefähr 10 Häusern, die nahezu alle in einer anderen Bauart erbaut wurden. Zentral in der Mitte befindet sich wieder ein übergroßer Sportplatz. Unser Kulturhaus ist in Pfahlbauweise mit einem Dachstuhl aus Bambus, welcher mit Palmzweigen bedeckt ist, errichtet worden. Die Mauern der Außenwände wurden nur etwa halb hoch gemauert und der Rest blieb frei. Gleich hinter unserem Haus ist ein ausgewachsenes Schwein in einen kleinen Käfig aus Maschendraht und Wellblechdach gepfercht. Nach Einbruch der Dunkelheit wird das Stromaggregat eingeschaltet, das bis etwa 21:00 Uhr in Betrieb ist. Wie auch in Bella Vista versammeln sich abends die Bewohner des Dorfes im Kulturhaus um fern zu sehen. Aus diesem Grunde warten wir noch mit dem Aufbau unseres Nachtlagers und gehen wieder zurück zum Boot.
 
Um 19:00 Uhr legt neben uns eine Fähre mit etwa 60 Indianern an und fast alle steigen aus. Ein Kind ist erkrankt und hat Zahnschmerzen. Wir werden gefragt, ob wir Medizin gegen Schmerzen dabei hätten.
Bevor Ivan jedoch das Medikament heraus gibt, sieht er sich erst einmal den Zahn an. Ein fürchterliches Gebiss, alle Zähne sind schwarz und angefault. Der Zahn, der schmerzt, liegt dick auf Eiter. Eigentlich hätte er gezogen werden müssen, doch Mario rät ab. Die Indianer sind sowieso unterwegs nach Pto. Ayacucho und könnten dort einen Zahnart aufsuchen. So gibt ihnen Ivan ein paar Tabletten Paracetamol und lässt durch Mario die Dosierung übersetzen. Zu unserer Beruhigung legt die Fähre wieder ab, was die Indianer genau hier wollten, kann uns niemand sagen. Tamaira hat inzwischen begonnen uns Abendessen zu zubereiten. Es gibt heute Lappabraten mit Yuka, ein anderes Wort für den süßen Maniok. Nach dem Abendessen, gehen wir noch einmal zum Kulturhaus um nach zusehen, wie weit der Fernsehabend schon fortgeschritten ist, denn wir wollen nicht unbedingt unsere Hängematten wieder im Finstern aufhängen. Es sind nur noch wenige Indianer da, die sich ein Fußballspiel ansehen. Sie haben nichts dagegen, dass wir unsere Hängematten derweilen hinter ihnen an den Balken festschnüren. Die letzte bereiten wir soweit vor, dass wir sie später nur noch an dem Balken hinter dem Fernseher festknoten brauchen. Am Boot unterhalten wir uns noch einwenig und gehen kurz nach dem Abschalten des Stromaggregates ins Bett.