Um 6:00 Uhr stehen wir wieder auf und beginnen gleich mit dem Abbau des Nachtlagers. Jesus wartet schon auf uns. Er hat gesehen, dass wir gestern abend einem Kind geholfen haben und irgendwie hat er auch erfahren, dass wir im Krankenhaus arbeiten. Sein Kind ist auch erkrankt und schon bald halten Ivan und ich im Haus des Dorfvorstehers eine Sprechstunde. Mario hilft uns beim Übersetzen. Zwei 2-jährige Kinder leiden an Bronchitis und Durchfall, denen wir mit Ratschlägen mit warmen Brustwickeln und Kohle-Compretten versuchen zu helfen. Ein weiterer etwa 6-jähriger Junge leidet an Zahnschmerzen. 2 seiner Backenzähne sind bis auf die Grundmauern abgefault. Ihm können wir nur den Ratschlag geben, sich die Zähne ziehen zu lassen. Nach der Sprechstunde gehen wir wieder zum Boot um zu Frühstücken. Tamaira hat Pfannkuchen mit Marmelade und Banane vorbereitet.
Um 9:00 holt uns Jesus zu einem Spaziergang im Wald ab. Der Weg führt uns hinter seinem Dorf über einen kleinen Hügel,
vorbei an seinem Garten, auf dem überwiegend Maniok angebaut wird. Obwohl es erst früher Vormittag ist, brennt die Sonne schon heftig vom Himmel. Nach wenige hundert Metern verlassen wir das Feld und tauchen ab im satten Immergrün des kühler wirkenden Waldes. Es ist wunderbar auf dem weichen humosen Boden zu laufen, doch in den Senken ist der Boden vom Hochwasser noch durchtränkt und sumpfig. Diese Stellen überqueren wir auf abgebrochenen Bäumen oder mitten durch den knöcheltiefen Matsch. Der Weg führt uns immer tiefer in den Wald. Bäche überqueren wir ebenfalls über Bäume oder durchlaufen sie einfach. Für uns ist der Weg kaum noch sichtbar, höchstens nur noch zu erahnen. Umgestürzte Urwaldriesen versperren uns zeitweise den Weitermarsch. Wenn es möglich ist wird um sie herum gegangen, ansonsten schlagen wir uns den Weg mitten durch den Baum mit unseren Macheten frei. Ivan und Mario sind ständig am herumstochern. An jedem umgestürzten verrottendem Baum heben sie mit ihren Macheten die Rinde ab und beobachten das Getier, welches sich an den Holzfasern labt. Jesus bemerkt unser großes Interesse am Wald und erklärt uns soviel wie möglich. Er scheint sich in seiner Rolle als Biologielehrer wohl zu fühlen. So zeigt er uns z.B.
Interessiert lauschen wir Jesusī Erklärungen, Mario dolmetscht. Während des Marsches geht uns zeitweise Bodo verloren. Er geht als letzter und bleibt manchmal stehen, um nach etwas zu schauen. Schon nach wenigen Metern ist der Sichtkontakt im Dickicht verloren gegangen. Nur durch unsere Zurufe kann er uns dann wieder orten. Weiter geht es. Für mich ist nun kein Weg mehr erkennbar. Doch zielstrebig marschiert Jesus weiter.
Dort wo kein Weg mehr ist, wird mit den Macheten wieder einer geschlagen. Vom Dach des Urwaldes hören wir lautes Vogelgeschrei. Mario erzählt, dass die Indianer die Vögel nach ihren Lauten benennen. Derjenige, den wir gerade am deutlichsten hören, heißt zum Beispiel Yupikakao - Kakao. Wenn man diesen Namen mit einer etwas höheren Tonlage laut liest, kann man sich den Klang vorstellen. Nach 2 Stunden Fußmarsch erreichen wir einen Bach, an dem eine zerfallene Hütte steht. Sie wurde vor einigen Jahren von einem holländischen Aussteiger erbaut, der damals versuchte im Wald zu überleben. Doch der Versuch scheiterte: gegessen hatte er täglich bei Jesus zuhause und nachdem nach einer Woche seine Bierdosen aufgebraucht waren, hat er alles liegen und stehen lassen - auch den Müll - und ist wieder verschwunden. Den Ort, den er sich zum Überleben ausgesucht hat, ist in der Tat ausgesprochen schön, denn gerade mal 20 Meter weiter ist ein Wasserfall, wo das glasklare Wasser über 3 Stufen den Granitfelsen hinunter rauscht. Hier haben auch wir unser Ziel unseres Ausfluges erreicht. Am fuße des Wasserfalles hat sich ein etwa 1,7 m tiefes Becken gebildet, in dem wir zusammen mit einigen Salmlern baden. Ivan findet die Haut der Mapanare-Schlange, der giftigsten Art des Venezolanischen Regenwaldes. Sie muss sich erst vor kurzen hier gehäutet haben, da sich noch keine Insekten über die Haut hergemacht haben. Jesus macht sich sofort auf die Suche, aber sie ist unauffindbar. Wir dagegen baden weiter, duschen uns unter den Kaskaden und waschen unsere völlig durchschwitzten T-Shirts aus. Nach 1 1/2 Stunden machen wir uns auf den Rückweg.
Tamaira hat für uns unterdessen das Mittagessen zubereitet, das sie uns gleich nach der Ankunft in LaoLao serviert. Heute gibt es ein paar gekochte Teile des Lappas, das wir gestern bei Aldo in Bella Vista gekauft hatten. Danach gehen wir wieder zu Jesus um uns für seine Führung durch den Regenwald zu bedanken und überreichen ein paar Angelhaken, Turnschuhe und Zigaretten als Dank für die freundliche Bewirtung und dem interessanten Ausflug. Wir verabschieden uns und besteigen unser Bongo für die Weiterfahrt. Gerade als wir ablegen, holt ein kleines Mädchen einen toten Affen aus dem Bongo neben unserem. Ihr Vater hatte ihn kurz vorher auf der Jagd erlegt. Gegen 14:45 Uhr steuert Hilario unser Bongo in das Fahrwasser des Orinoco, der hier eine Biegung macht und uns nun aus nördlicher Richtung entgegen fließt. Von hier aus sind es lediglich noch etwa 10 Kilometer Luftlinie zum Rio Casiquiare, jedoch fließen beide auf den nächsten siebzig Kilometern parallel neben einander.
Gegen halb fünf kommen wir in die Nähe der Ansiedlung El Cajal, einem kleinen Dorf der Yanomami Indianer. Mario bittet uns alles weg zu räumen, unter anderem auch meine Video- und Fotoausrüstung, da die Yanomamis alles haben möchten. Sie leben nach dem Motto: "Du hast 2 von dem Ding und ich keines. Es ist besser wir beide haben je eines." Da wir mehrere Fotoapparate an Bord haben, ist es schwierig zu begründen, warum wir die überzähligen nicht abgeben. Wenn sie sie dann nicht bekommen, können sie auch ziemlich unangenehm werden. So sind wir auf den ersten Kontakt mit den Yanomamis gespannt. Auf einer Lichtung können wir am Ende einer Wiese am Waldrand einige Hütten mit Chiki-Chiki-Dächern und ... einen Sportplatz erkennen. Gleich nach dem Anlegen am hohen sandigen Ufer versammelt sich eine Schar Frauen und Kinder an der Böschung und betrachten uns mit misstrauischen Blicken. Ihrer Tradition entsprechend sind einige unbekleidet und tragen nur einen Lendenschurz. Die anderen haben alte Shirts und kurze Hosen oder Trainingsanzüge an. Auffällig ist der Beinschmuck, den jeder in Form von unterschiedlichen Bändchen an seinen Fesseln trägt, und der Gesichtsschmuck. Dieser besteht aus kleinen dünnen Holzstäben, die sie sich durch die Wangen, Nase und Lippen gestochen haben. Ein alter Mann - ich kann sein Alter nicht schätzen - kommt gebrechlich auf Mario zu und setzt sich neben ihm in Hocke. Diese Sitzweise ist für Yanomami typisch und zugleich praktisch: Man kommt so mit den überall am Boden herumlaufenden Ameisen nur mit den Füßen in Kontakt. Er wechselt mit Mario ein paar wenige Worte und verschwindet gleich darauf wieder. Seine lange Unterhose findet an dem ausgemergelten, verbrauchten Körper kaum mehr Halt. Wackelig tappst er über die Steine am Ufer und lässt sich nur wenige Meter neben uns nieder, um sich seines Stuhles zu entledigen. Ob es nur die Altersschwäche oder ein Zeichen des Verachtens ist - wir wissen es nicht. Jedenfalls erscheint kurz darauf ein junger Mann auf Mario und berichtet, dass der Dorfvorstand zur Zeit nicht in der Lage ist zu kommen, da er betrunken im Bett liegt. Am Beispiel El Cajal kann man sehr deutlich den Niedergang einer Kultur verfolgen, die vor einiger Zeit aufgebrochen war, um sich vom Kuchen des Reichtums der Zivilisation ein Stückchen abzuschneiden. Mario übermittelt dem jungen Mann Informationen über einen Stammesangehörigen, der sich mit einem Außenbordmotor beinahe einen Arm abgetrennt hat und sich zur Zeit in Pto. Ayacucho befindet. In den nächsten Tagen wird er wieder zurück kommen. In diesem Zusammenhang ist es erwähnenswert zu sagen, dass viele öffentliche Krankenhäuser in Venezuela vom Staat getragen werden und die medizinische Versorgung dort gratis ist. Bewegt vom Anblick und der Geschichte dieser Menschen setzen wir bald darauf unsere Fahrt wieder fort.
Kurz vor fünf Uhr erreichen wir die Abzweigung des Rio Casiquiare. Völlig unscheinbar, als ob es eine Einfahrt in eine Lagune wäre. Einzig auffällig ist die Tatsache, dass man plötzlich flussabwärts fährt. Hilario hat das Bongo kurz hinein gesteuert, um uns das Gefühl, den Casiquiare befahren zu haben, zu geben. Er kehrt aber gleich wieder um, da sich unser heutiges Ziel noch etwas weiter dem Orinoco flussaufwärts in Tamatama befindet. Gleich darauf kommen wir zu einer Kontrollstation. Ausgiebig werden unsere Pässe und auch das Boot von zwei bewaffneten Guardisten durchsucht. Dabei wird die halbe Kiste Rum moniert. Von hier aus beginnt in Richtung Südosten Das Yanomami-Natur-Reservat, in das keine alkoholischen Getränke eingeführt werden dürfen. Mario erzählt ihnen jedoch, dass wir erst einmal nach Tamatama fahren möchten und dort den Rum bei Aldos Onkel abgeben würden. Sie haben es uns geglaubt und ließen uns eine viertel Stunde später weiterfahren. Gleich neben der Kontrollstation befindet sich eine Amerikanische Missionsstation, die auch im amerikanischen Stil mit weißen Holzhäusern und einem gepflegten kurzgeschnittenen Rasen angelegt wurde. Sie verfügt auch über eine eigene Landepiste von der aus man ohne weitere Kontrolle in die Vereinigten Staaten fliegen könnte. Diese Möglichkeit wird auch - so sagt man - für illegale Geschäfte und Schmuggel genutzt. Der Fluss wird wieder breiter und macht jetzt eine Kurve Richtung Südosten. Wir jedoch fahren in den aus Nordosten einfließenden Caņo Tamatama, einen glasklaren Schwarzwasser-Fluss. Schon bald sehen wir auf einer Anhöhe die ersten Häuser, fahren am Hafen vorbei und umrunden das Dorf in einem großen Bogen. Santos, der Onkel von Aldo, hat eine eigene Anlegestelle, an der wir unser Bongo neben einem noch nicht ganz fertiggestellten fest machen. Sofort fällt uns die Ordnung im Dorf auf. Ich schätze es sind etwa 20 aus Steinen gemauerte Häuser, die weitläufig verstreut inmitten von kurzgeschnittenem Rasen stehen. Santos Haus befindet sich am
Dorfrand auf einer kleinen Anhöhe. Im Haus ist es ruhig und nach unserem Anklopfen zeigt sich auch keine Antwort von innen. Santos ist nicht da. Mario bittet uns etwas zu warten und verschwindet hinter dem Haus. Derweilen schauen wir uns etwas in der Nähe um. Gleich unterhalb des Hauses entdecken wir ein Toilettenhäuschen aus Wellblech und Hasenstalldraht mit einem Plumps-Klo. Die Form des Sitzes ähnelt nur wage unseren Heimischen, doch es zwingt auch die Stehpinkler mit gespreizten Beinen auf dem Holzbrett Platz zu nehmen. Sogar eine Rolle Klopapier steht auf dem Sims.Etwas daneben steht ein neu gebautes Haus, das sich später als die Schreiner-Werkstatt herausstellt. Inzwischen ist es finster geworden als Mario mit Santos zurück kommt. Auch hier dürfen wir ohne lange Diskussion übernachten. Da Indianer eigentlich ein Nomadenvolk sind, haben sie immer irgendwo ein Plätzchen für Reisende. Schnell wird der Tisch im Wohnzimmer zur Seite geschoben, um Platz für unsere Hängematten zu schaffen. In einer Ecke des Zimmers steht eine alte schwarze SINGER-Tretnähmaschine, die offensichtlich noch in Gebrauch ist. Der Raum ist zur Küche hin offen.
In ihr befindet sich ein Regal mit wenigen Küchenutensilien, eine Feuerstelle und ein großer hellblau lackierter Holztisch mit mehreren Stühlen. Die Feuerstelle hat keinen Kamin. der Rauch zieht durch das Palmen gedeckte Dach ab und lässt es im ganzen Haus danach riechen. Jedenfalls zeigt sich auch hier wieder, mit welch leichten Mitteln das Ungeziefer aus einem Haus verbannt werden kann. Im Haus befinden sich noch drei weitere Zimmer, in denen Santos mit seinem Sohn, seiner Tochter und deren kleine Tochter wohnt.
Während Tamaira unser Abendessen zubereitet, versucht Ivan zu angeln, doch er hat kein Glück. Schließlich möchte er auf der andere Flussseite aus am Waldrand sein Glück versuchen. Er leiht sich ein kleines Bongo, doch im gleichen Moment in dem er versuchte einzusteigen, flog er auf der anderen Seite wieder heraus. Auch der zweite Versuch endet mit einem Bad. Beim 3. Versuch konnte er schon im Boot Platz nehmen, aber durch seine etwas wackelige Sitzposition schöpfte er mit jeder Bewegung etwas mehr Wasser in das Heck. Nach nicht einmal 30 Sekunden lag das 2-Mann-Bongo auf Grund. Erst der vierte Versuch gelingt. Zaghaft beginnt er mit den Paddeln die Wasseroberfläche zu streicheln. Es ist ein Bild für Götter, wir kugeln uns vor Lachen. Glücklicherweise scheint heute der fast vollständige Vollmond vom sternklaren Himmel und ich kann alles mit der Videokamera festhalten. Nach einer kleinen Runde im langsam fließenden Fluss kehrt Ivan völlig durchnässt zurück. Inzwischen ist auch unser Abendessen, die Reste des Lappafleisches und Reis, fertig und wir versammeln uns alle auf dem Boot. Bodos Bronchitis ist nun fast weg, genauso wie die Anibiotika-Tabletten. Nun beginnt es jedoch auch bei Ivan im Hals zu drücken und er leidet an einem trockenen Husten. Für ihn haben wir aber jetzt keine Antibiose mehr. Nach dem Essen steht uns jetzt ein hartes Stück Arbeit bevor. Wir haben bis hier etwa 800 Liter Sprit verbraucht und auf unserer Weiterfahrt gibt es bis San Carlos am Rio Negro keine Möglichkeit mehr zu tanken. Aus diesem Grunde möchte Hilario morgen in das etwa 80 km entfernte Esmeralda fahren um noch weitere 400 Liter Sprit als Sicherheitsreserve und noch ein paar Lebensmittel zu besorgen. Mario hat uns freigestellt, entweder mit nach Esmeralda zu fahren, oder mit Santos eine Paddeltour einem Seitenarm des Caņo Tamatama hoch zu unternehmen. Die Frage beantwortet sich von selbst. Wir machen die Paddeltour. So würde unser Bongo während Hilarios Einkaufstour unbeaufsichtigt im Hafen von Esmeralda stehen. Aus diesem Grund müssen wir heute noch alles vom Boot räumen und zu Santos` Haus hochtragen. Inzwischen versucht Mario sich mit Hilfe des KW-Senders mit Alvaro in Verbindung zu setzen, um abzuklären, ob wir unsere Reise um einen Tag verlängern können. Doch er erreicht ihn nicht. So beschließt Mario es einfach so zu machen. Morgen wird Hilario versuchen ihn von Esmeralda aus telefonisch zu erreichen.
Nach dem Essen sitzen wir noch gemütlich bei einem oder zwei Gläschen Rum zusammen und beschließen heute etwas früher zu Bett zu gehen, um die anderen Hausbewohner nicht beim Schlaf zu stören. So machen wir uns gegen 22 Uhr auf den Weg ins Schlafgemach. Die unzähligen Puripuri-Stiche quälen mich, besonders die an meinen Knöcheln. Mit jeder Bewegung auf der doch etwas rauen Hängematte, lassen den Juckreiz auf meiner inzwischen sensiblen Haut neu entflammen. Ich kratze mich bis weit nach Mitternacht, bis mich dann doch der Schlaf übermannt.