9. Tag

Tamatama - Die Bootsfahrt

Samstag, 04.11.2000

 

Wie schon üblich stehen wir auch heute wieder um 6:00 Uhr auf. Hilario und Tamaira sind schon nach Esmeralda aufgebrochen. Da die anderen noch alle schlafen, machen Ivan und ich einen kurzen Spaziergang auf den kleinen Hügel hinter dem Haus. Von hier oben hat man einen schönen Ausblick auf die angrenzenden Hügel des Regenwaldes, dessen Farben im Morgenrot noch intensiver wirken. Danach gehen wir hinunter zum Fluss um zu Fischen. Doch kaum sind wir angekommen, werden wir auch schon wieder von den Puripuri angegriffen. Da wir nur im Wasser vor ihnen geschützt sind, beschließen wir ausgiebig im schwarzen Wasser des Flusses zu baden. Mit der Zeit kommen auch die anderen um zu baden. Nach einer Stunde Schwimmen kehren wir wieder zurück zum Haus. Santos Tochter hat uns inzwischen Kaffee gekocht und Mario bäckt dazu Arepas. Gemeinsam setzen wir uns an den großen blauen Tisch und Santos Tochter gießt immer wieder frischen Kaffee nach. Meine morgendlichen Begrüßungsbisse der Puripuri haben den Juckreiz wieder entflammen lassen. Mir juckt nahezu der ganze Körper. Ich versuche mir mit einer Tablette Zyrtec Linderung zu verschaffen. Die Quälerei lässt nach, doch sie verschwindet nicht ganz.

 

Für den heutigen Ausflug möchte Santos gerne sein neues Bongo ausprobieren. Es ist zwar schon schwimmfähig, aber es fehlen noch die Bretter, auf denen man sitzt. Wir begleiten Santos in seine Werkstatt, die sich, wie bereits schon erwähnt etwas unterhalb in einem neuen Haus befindet. Santos beim Fertigstellen seines Bongo´s Sie ist erstaunlich gut ausgestattet. Die Maschinen werden zwar schon einige Jahre auf dem Buckel haben, aber sonst ist nahezu alles vorhanden. In kurzer Zeit sind vier Bretter zurecht gesägt und wir gehen zur Bootsanlegestelle hinunter. Das neue Bongo ist etwa 8 - 9 Meter lang und ist an den Innenseiten durchs Trocknen und Formen über dem Feuer noch dick mit Ruß geschwärzt. Mit ein paar Hammerschlägen sind die vier Bretter rasch eingebaut. Gleich darauf besteigen wir das Boot und paddeln gemütlich den Caņo Tamatama flussaufwärts. Mario nimmt vorne an der Spitze Platz und Santos ganz hinten. Wir vier anderen sitzen dazwischen. Da wir nur vier Paddel haben, wechseln wir uns gegenseitig ab, ich habe jedoch den großen Vorteil, dass mir die Aufgabe zu Filmen und zu Fotografieren übertragen wurde. Durch den hohen Wasserstand des Orinoco, kann das Wasser kaum abfließen und wir haben auf den ersten Kilometern kaum eine Strömung. Hunderte Insekten schwirren über die Wasseroberfläche. Libellen und Schmetterlinge begleiten uns auf der Fahrt. Nach einigen Windungen verlassen wir den Fluss und biegen in einen kleinen Seitenarm. Dieser ist anfangs nur etwa 8 Meter breit. Die Bäume schließen sich wie ein Dach über uns. Wie dunkel es dabei tatsächlich wird, kann man eigentlich nur an der Belichtungszeit der Kamera erkennen. Schließt sich der Verschluss draußen nach 1/2000 Sekunden muss man hier mit einer halben, zeitweise sogar mit 2 - 3 Sekunden belichten. Erstaunlich ist auch die Tatsache, dass an manchen Stellen kein Ton zu hören ist. Kein Vogelgezwitscher, keine Zikade, kein Knacken im Gebüsch. Nichts - absolut nichts. Der Wald wirkt wie ausgestorben. Das leise Gurgeln unserer Paddel sind an diesen Stellen die einzigen Töne, gespenstisch. Der Fluss wird immer schmäler und klarer. Wird das Wasser von Sonnenstrahlen beleuchtet sieht man Salmler, Barsche, Welse, kleine und große, wie man sie sonst nur in den Ausstellungsbecken der Zoohandlungen findet. Seitenarm des Rio Tamatama An flachen Stellen, an denen hungrige Barsche ihrer Beute nach gehen, brodelt es, als würde das Wasser kochen. Vor uns taucht ein Riesenotter auf, beobachtet uns und sucht sofort das Weite. Nach 20 Metern sieht man noch einmal kurz seinen Rücken und dann ist er verschwunden. An einigen uns lohnenswert erscheinenden Stellen werfen wir unsere Angeln aus. Ein paar beißen auch an, doch häufig verheddert sich der Blinker in den Ästen der umgekippten Bäumen unter der Wasseroberfläche. Aber wir haben auch Glück mit den umgestürzten Bäumen. Keiner versperrt uns den Weg, entweder sie liegen unter der Wasseroberfläche oder so hoch darüber, dass wir bequem unter ihnen hindurch können. Langsam paddeln wir dem inzwischen zu einem Bach gewordenen Fluss weiter hinauf. Ein blauer Martini-Vogel fliegt schon seit geraumer Zeit vor uns her. Ebenso einige schwarz-rote Libellen. In einer Waldlichtung steht ein großes Bambushaus und ein paar hundert Meter weiter ein weiteres. Hier übernachten Indianer, wenn sie für mehrere Tage auf ihren Conucos arbeiten. Beim zweiten legen wir eine Pause ein. Kaum ist man aus dem Schatten des Waldes getreten, wird man schon wieder von der unerbärmlichen Hitze niedergeschlagen. Während ich mir das verlassene Haus anschaue, macht sich Mario auf den Weg, um ein paar Früchte zu holen, und Ivan wirft sofort wieder seine Angel aus. Wir brauchen nicht lange zu warten, bis Mario mit ein paar Ananas aus dem Gebüsch wieder auftaucht. Sofort werden sie geschält und wir teilen sie untereinander auf. Noch einmal die Macheten am Stein schleifen und wir paddeln weiter. Ein Morpho taucht plötzlich vor uns auf. Grell leuchtet das faszinierende Blau seiner Flügel im wechselndem Mario beim Schälen einer Ananas, woher er sie hat sagen wir nicht Licht der Sonne. Wir versuchen alles, um diesen wunderschönen Schmetterling einzufangen. Doch alle Anstrengungen sind vergebens. Im Wald schräg vor mir sehe ich eine Flugechse, die von einem Baum auf den Boden herabschwebt. Auch hier ist das Tier schon verschwunden, noch bevor ich es mit der Kamera festhalten konnte. Nach 4 Stunden paddeln wird der Bach langsam für das Bongo zu eng und wir legen an der Conuco von Santos Schwager eine Rast ein. Auch er hat sich hier eine Hütte zum Übernachten gebaut. Auf seinem Feld sind überwiegend Ananas angebaut, von denen wir uns die leckersten und süßesten abschlagen und gleich verzehren. Die Sonne brennt auf uns herab, und die Getränkeflaschen sind im Nu leer getrunken. Binnen kürzester Zeit sind wir wieder völlig durchgeschwitzt. Der Schweißgeruch zieht auch sofort wieder die Fliegen an, die nach Herzenslust unser Salz auf der Haut abschlecken. Santos empfiehlt zu baden. Es ist kaum zu beschreiben, wie schön es ist: du schwimmst mitten im Regenwald in einem kleinen warmen Fluss, um dich herum Aquarienfische, die Sonne färbt das klare Wasser hellbraun, unter dir siehst Du Wurzeln, Stämme und Blätter, die langsam vor sich hinfaulen. Wir sind begeistert.

 

Nach einer Stunde machen wir uns auf den Rückweg. Flussabwärts geht es jetzt bedeutend Unser Rastplatz am Rio Tamatama leichter und schneller. Wieder versuchen wir zu fischen und diesen Morpho zu fangen - vergeblich. Auch der Martini-Vogel fliegt wieder vor uns her. Ivan versucht im flachen Wasser Fische mit der Hand zu fangen, aber es missglückt ihm. An einem umgestürzten Baum machen wir halt. Er scheint erst vor wenigen Tagen über den Fluss gefallen zu sein. Ein Traum für Ivan wird wahr. Er kann auf dem Stamm, der sich mit seiner Baumkrone im Geäst auf der anderen Flussseite verheddert hat, hoch ins Dach des Regenwaldes klettern. Irgendwann ist er im Dickicht verschwunden und kehrt erst nach einer geraumen Zeit mit einer Hand voll Orchideen zurück. Um kurz vor fünf erreichen wir wieder Tamatama.

 

Hilario und Tamaira sind auch schon wieder aus Esmeralda zurück und suchen im Wasser Schutz vor den Puripuris. Im Hintergrund hat sich wieder ein mächtiges Gewitter aufgebraut, doch wir hatten seit 5 Tagen keinen Regen mehr. Wir tragen gleich, noch bevor es dunkel wird, alle Sachen wieder aus dem Haus zum Boot und verstauen sie. Wir leihen uns von den Indianern eine Bürste, um die rußgeschwärzte Kleidung mit Kernseife im Fluss zu waschen. Danach unterziehen wir uns der gleichen Prozedur. Zum Abendessen gibt es dann Spaghetti und Tomatensoße. Die 5 gefangenen Fische schenken wir Santos, als Dank für die tolle Paddel-Tour. Mario erzählt uns nach dem Essen bei Rum und Eistee (ohne Eis) von früheren Reisen. Vom Gewitter sind nur noch riesige Wetterleuchten geblieben. Friedlich schwimmt schnaubend ein Paar Flussdelfine an uns vorbei, Puripuri und Schnaken sind schlafen gegangen. Der helle Mond beleuchtet die Umgebung. In der Nähe quaken Babos, Krokodile, die noch kleiner als Caimane sind, ähnlich wie Frösche. Die Grillen und Zikaden zirpen - Wir fühlen uns wohl. Irgend wann gehen wir dann zu Bett.

 

Um ein Uhr ist es aber dann mit der Idylle wieder vorbei. Die Puripuris haben am Abend beim Wäschewaschen wohl doch noch nicht geschlafen, der ganze Rücken juckt wie der Teufel, und um vier beginnt es dann doch noch zu regnen. Die Regentropfen prasseln auf das Wellblechdach und verursachen einen Höllenlärm.