10.Tag

Capi Huara

Sonntag, 05.11.2000

 

Ich konnte nicht mehr schlafen und warte bis zum Morgengrauen. Doch nachdem es langsam dämmert, färbt sich der Himmel glutrot. Wir müssen heute sehr früh losfahren, denn wir haben eine große Strecke zurück zu legen. Schnell legen wir unsere Hängematten zusammen und verabschieden Einfahrt in den Rio Casiquiare. An dem kargen Baum in der Mitte des Bildes zu erkennen. uns von Santos. Seine Tochter schläft noch. Heute fahren wir schon um 6:45 ab. Der Regen der Nacht hat die Luft sehr stark abgekühlt und der Fahrtwind erscheint uns als frisch, so dass wir, zumindest anfangs, langärmlig bleiben. Hoffentlich wird Ivanīs trockener Husten nicht schlimmer und Bodos noch nicht ganz auskurierte Bronchitis nicht wieder neu aufflammen. Am Kontrollpunkt winkt uns ein Guardist in Unterhosen einfach durch. Wenn wir das gewusst hätten, hätten wir unseren Rum nicht so gut verstecken zu brauchen. Um 7:00 Uhr erreichen wir die Abzweigung des Rio Casiquiare, nur an einem hohen Baum mit einer kargen Baumkrone zu erkennen. Er ist hier etwa 60 Meter breit und man glaubt, dass es nur ein Seitenarm des Orinoco wäre, der um eine Insel herum führt. Mario berichtet, dass wir vermutlich die nächsten 200 Kilometer keinen Menschen mehr zu Fischotterfamilie im Rio Casiquiare, leider etwas unscharf. Gesicht bekommen. Auch wenn in einigen Landkarten noch Dörfer eingezeichnet sind, wurden sie schon lange von ihren Bewohnern verlassen und durch den Regenwald verschlungen. Der Fluss schlängelt sich in engen Kurven Richtung Südwesten. Auch hier ist das Wasser noch recht hoch, jedoch befinden sich knapp unter der Wasseroberfläche versteckt Steine und Sandbänke. Wir als Laien erkennen kaum etwas, doch Hilario kennt den Fluss wie seine Westentasche. Vor einigen Jahren lebte er weiter unten am Unterlauf und befuhr diese Strecke fast wöchentlich. Wir merken erst von den Sandbänken, wenn Hilario den Motor drosselt und sich hinter uns die Bugwellen zu großen Brechern auftürmen. Am Ende der Trockenzeit Ende Februar Anfang März kann es vorkommen, dass der Casiquiare nicht mehr befahrbar ist. Auch Rüdiger Nehberg, der Bäcker aus Hamburg und Deutschlands bekanntester Outdoor-Freak, blieb vor ein paar Jahren mit Alvaro hier 8 Tage lang stecken, ohne dass sie weder vor noch zurück konnten.

 

Um 8:00 Uhr verwöhnt uns Mario mit selbstgebackenen Sonntagsbrötchen, dessen Rezept er angeblich selbst erfunden hat. Die Zutaten Wasser, Eier, Mehl und Salz zusammengerührt, ergeben einen formbaren Teig. Langsam kommt auch die Sonne ganz heraus und es wird wieder wärmer. Wir kommen an eine Stelle, an der ein umgestürzter Baum ein paar Steine verdeckt. In diese sollen vor 3000 Jahren Indianer einer vergangenen Kultur Zeichen geschlagen haben. Hilario beim Zubereiten unseres Mittagessen Der Baum verdeckt sie alle und wir müssen uns erst einen Weg mit den Macheten durch die Äste schlagen. Aber wir finden nichts. Möglicherweise sind sie noch überflutet, oder gar an einer anderen Stelle. Ivan möchte, während wir suchen, unseren Mittagsfisch fangen, hat jedoch keinen Erfolg. Wir fahren weiter bis wir nach 2 Stunden wieder an ein paar Felsen stoßen, an denen wir Fische vermuten. Und tatsächlich: mit fast jedem Wurf hängt einer dran. Alle sind begeistert, außer Markus, der er es lieber vorzieht im Boot zu bleiben, denn er glaubt ehī keinen zu fangen. Wir fangen dagegen innerhalb einer viertel Stunde 8 Pavon und 2 Pirhanas. Plötzlich taucht direkt vor uns ein Fischotter-Paar mit seinen 4 Jungen auf und beobachtet uns bei unserer Begeisterung. Doch scheinbar kennen sie die Gefahr, die von unseren Angeln ausgeht und sie verziehen sich wieder. Wir glauben nun genug Fisch für den heutigen Tag zu haben, und beginnen mit dem Ausnehmen. Dies nimmt wesentlich mehr Zeit in Anspruch, als der Fang. Doch die Jagd nach dem Mittagessen hat auch wieder seinen Preis. Unsere Hände und Unterarme wurden auf ein Neues von den Puripuri malträtiert. Hier im Casiquiare soll es erst richtig mit den Fischen losgehen. Es gibt Welse, die hier Laolao genannt werden, die bis zu 200 Kg schwer werden können. Deshalb bauen Ivan und Mario die Angeln um und verwenden größere Blinker und Haken. Dabei bastelt Mario aus einer alten Cola-Dose einen schönen großen roten und hofft, damit einen großen Fang zu machen. Gegen 13:00 Uhr machen wir an einer kleinen Insel fest, um unser Mittagessen zu braten. Dazu sammeln wir aus dem Gestrüpp dürre Äste um ein Feuer anzufachen. Während Hilario nun den zuvor gefangenen Fisch brät, gehen Ivan und ich wieder zum Angeln. Ivan entdeckt in einem kleinen seichten Tümpel Rio Casiquiare einen Caiman und versucht ihn zu fangen. Doch der Versuch scheitert und das im Wasser wendige Tier entschwindet im schnell fließendem Wasser des Casiquiare. Nachdem das Angeln auch keinen Erfolg bringt und der gefangene Fisch wahrscheinlich auch noch für heute abend reicht, gehen wir an einer von der Strömung geschützten Stelle baden. Bald ist das Essen fertig, die Zeit drückt und wir essen während der Weiterfahrt auf dem Bongo. Langsam macht sich auch der schlechte Sprit bemerkbar. Bei den billigen Spritpreisen und der schlechten Versorgung hier mitten im Regenwald vermischen die Tankstellenbesitzer den Sprit mit Wasser, um mehr Profit zu erlangen. Durch das ständige Umfüllen in das große Fass hinten bei Hilario steigt der Wasseranteil und der Motor springt schlecht an und geht auch häufiger während der Fahrt aus. Mario muss während der Weiterfahrt häufig am Bug des Bootes stehen um Hilario an den vielen Sandbänken und den im Wasser liegenden Steinen vorbei zu lotsen.

 

Kurz nach drei Uhr Nachmittags herrscht plötzlich große Aufregung in unserer kleinen Bordküche. Feuer an Bord! Beim Zubereiten des Kaffeewassers ist die Holzabdeckung des Gaskochers in Brand geraten, aber Wasser zum Löschen ist ja reichlich vorhanden und der Brand auch schnell wieder gelöscht. Der gespaltene Fels, wie ihn Humboldt auf seiner Tour beschreibt. In Capi Huare Der Fluss wird schnell breiter und ist inzwischen so etwa 200 bis 300 Meter breit, als wir gegen halb sechs in Capi Huara ankommen. Das markanteste und bekannteste Zeichen dieses Platzes ist der "gespaltene Felsen", der in jedem Buch, das wir für die Vorbereitung und Planung unserer Reise durchwälzt haben, und auch von Alexander von Humboldt bei seiner Expedition im Jahre 1800 beschrieben wurde. Ein riesiger Granitblock, der völlig allein etwa 30 Meter vom Ufer entfernt im Wasser liegt, ist in der Mitte in zwei Teile zerbrochen und vermittelt den Eindruck, als wäre er von einem Schwert gespalten worden. Einige im Einfallen befindliche Häuser und eine verwitternde Wetterstation zeugen davon, dass hier einmal versucht wurde, die Gegend und das Wetter usw. zu erforschen. Doch mangels Finanzen wurden die Tätigkeiten schon vor vielen Jahren eingestellt. Wir begutachten im Innern der Häuser die Tragfähigkeit der Dachbalken und beschließen doch lieber in einer von Indianern gebauten Hütte zu übernachten, die sich in nur wenigen Metern Entfernung befindet und einen deutlich stabileren Eindruck macht. Zuerst müssen wir jedoch solange es noch hell ist, Holz für unser Nachtlager sammeln und unsere Hängematten an das offen liegende Gebälk des Hauses hängen. `Hausī ist offen gesagt ein etwas übertriebener Ausdruck für diesen Unterstand, der eigentlich nur aus mit Chikichiki bedecktem Dach besteht. Mario rät uns zur besonderen Vorsicht gegenüber den Mosquitos hier in dieser verlassenen Region. Über bewohnten Gebieten wird zum Schutz vor Malaria Gift gesprüht, doch hier können einige der Stechinsekten mit dem Krankheitserreger infiziert sein. Deshalb sprühen wir uns nicht nur selbst mit OFF, dem Insektenkiller, sondern auch unsere Mosquito-Netze und die Hängematten ein. Außerdem entzünden wir unter dem Dach auch noch ein rauchendes Feuer um das letzte Kleingetier zu vertreiben. Gegen acht essen wir den restlichen gebratenen Fisch von heute mittag mit Salat. Während dessen werden wir von mehreren Caimanen in der Nähe beobachtet, die hinter unserem Boot hin und her schwimmen. Da sie am steilen Ufer keine Möglichkeit haben an Land zu gehen, vermuten wir, dass wir an ihrem gewohnten Ausstiegsplatz festgemacht haben. Ivan lässt nicht locker, er möchte so ein Tier fangen und morgen verspeisen. Ausgestattet mit seiner Falle und einer Taschenlampe zieht er los, kämpft sich durch das Gebüsch am Ufer und muss dann doch einsehen, dass das Ufer zu steil und das Einfangen somit unmöglich ist. Resigniert kehrt er wieder zu uns zurück. Es ist wieder ein herrlicher Abend und wir legen uns auf den noch vom Tag erwärmten Felsen und betrachten den hoch am Himmel leuchtenden Halbmond. Wieder spielt sich in der Ferne ein sagenhaftes Naturspektakel ab. Gespenstisch werden gewaltige Gewitterwolken von oben vom Mond bestrahlt und bilden eine bizarre helle Silhouette im Schwarz des nächtlichen Himmels. In den Wolken jagen Blitze von rechts nach links und von oben nach unten und umgekehrt. Zwischen den einzelnen Gewittern, die sich zum Teil in nur einer Wolke abspielen, funkeln beruhigend die Sterne. Viele verschiedene Vogelrufe werden von der anderen Uferseite beantwortet. Manchmal platscht ein großes Tier in das leise dahin fließende Wasser - vielleicht ein Tapir, ein Caiman oder ähnliches. Ich denke an meine Familie zu Hause, an meine Frau und meinem 9-jährigen Sohn Christoph, die um mein Leben hier in der Wildnis des Regenwaldes fürchten. Doch es gibt keine Möglichkeit, ihnen mitzuteilen, wie gut es uns geht. Gegen 22:00 Uhr gehen wir hinauf zur Hütte um uns zum Schlafen zu legen. Das Feuer ist fast schon wieder ausgegangen und wir stöbern in der Nähe nach etwas Brennbarem. Unter einem Haufen Unrat huscht eine Tarantel hervor, die dann auch sofort von Ivan und Mario gejagt wird. Schnell werden Mittel und Wege gesucht, das wieselflinke Tier einzufangen, was mit Hilfe einer alten Tonne schließlich auch gelingt. Ivan holt seine Kunststoffdose und fängt die Tarantel damit ein.

 

Um 3:00 Uhr morgens geht ein gewaltiger Gewitterregen nieder. Bei Ivan und Bodo hält das Dach den Wassermassen nicht stand und es tropft durch. Während Ivan diese Tatsache als gegeben hinnimmt, hängt Bodo seine Hängematte um. Doch als er sich wieder hineinlegt, stürzt aus dem Dach ein Teil des Gebälks. Das "Haus" scheint sich zu verziehen und Markus und ich liegen auf dem Boden. Nun müssen wir aufstehen und unsere Hängematten neu verspannen.