11. Tag

Porvenir

Montag, 06.11.2000

 

Heute stehen wir erst gegen viertel sieben auf. Aus dem geplanten Sonnenaufgang hinter dem Felsen wird nichts. Der Himmel ist bedeckt und es tröpfelt leicht. Wir gehen hinunter auf den flachen Felsen und gehen erst einmal eine Runde schwimmen und waschen uns danach. Das Abtrocknen sparen wir uns, denn es wird sowieso gleich wieder feucht. Nachdem wir unsere Hängematten aufgerollt haben, machen wir die Leinen los und fahren den Fluss weiter hinab. Eine Stunde später ist das Frühstück fertig. Kaffee mit Arepas und Dosenwurst. Der Fluss wird immer breiter, Sandbänke lösen sich von Stromschnellen ab, der Regenwald bleibt immer grün. Nur vereinzelt leuchten violett- und Gelbfarben blühende Bäume deutlich aus dem Grün.

 

Eine weitere Stunde später erreichen wir ein paar Felsen. Wir machen fest um diesen geschichtlichen Platz in Augenschein zu nehmen. Mario beim Wasserkochen am Morgen, sieht noch müde aus. Vor mehr als 3.000 Jahren, so wurde es von Archäologen berechnet, schlugen unbekannte Vorfahren der hiesigen Indianer diverse Zeichen in die Felsen. So kann man noch heute Kreise, die die Sonne darstellen, Schildkröten, Palmen und viele weitere Figuren erkennen. Durch den hohen Wasserstand sind weitere Zeichen nicht zu sehen, aber es sollen sich im gesamten Bereich noch viel mehr von diesen befinden. In den Aufzeichnungen Humboldtīs ist davon jedoch nichts erwähnt. Als er damals vor 200 Jahren an dieser Stelle vorbei kam, war der Wasserstand noch höher und er konnte sie nicht sehen. Felszeichnungen im Rio Casiquiare Wir machen einige Fotos und setzen unsere Fahrt fort. Langsam kommt auch wieder die Sonne zum Vorschein. Ivanīs Hand juckt und beißt. Nach kurzer Ursachenforschung kommen wir zu dem Ergebnis, dass er mit der Tarantel in Berührung gekommen sein muss. Diese versprüht im Todeskampf ein Pulver, das die gleichen Symptome hervor ruft. Nun spült er sie ständig im Fahrwasser.

 

Gegen halb elf machen wir fest. Ein etwa 50 Meter breiter Landstreifen trennt hier ein Lagune vom Fluss, Auf diesem Streifen soll sich das Jagen lohnen und wir gehen an Land, um uns Frischfleisch zu besorgen. Hilario und Mario gehen voraus, wir folgen ihnen und achten darauf, so weit wie möglich uns lautlos zu bewegen. Doch der Wald zur Lagune hin wird immer dichter und Eine Jaguarspur in Urwald selbst Hilario gelingt es nicht, ohne Geräusche zu verursachen, weiter zu kommen. Im Morast können wir nur die Fußspuren von Caimanen, Wasserschweinen und einem Jaguar entdecken. So gehen wir unverrichteter Dinge wieder zurück und fahren weiter bis von links der Pasiva in den Casiquiare einströmt. Genau an der Mündung hatte Hilario vor einigen Jahren sein eigenes Camp errichtet, und er schaut wehmutig auf die Reste, die davon übrig geblieben sind. Bei einem kurzen Halt sehen wir uns auch etwas um. Von einem Camp ist hier fürwahr nichts mehr zu erkennen. Kein Stamm, kein Loch, nichts mehr. Man sieht, die Natur holt sich alles wieder zurück. Er wollte sich damals hier nieder lassen, um seine Hütten für Durchreisende, Wissenschaftler und Touristen zu vermieten. Jedoch blieben seine Gäste aus und er kam nach Pto. Ayacucho und ließ sich dort nieder.

 

Nachdem er uns seine Geschichte erzählte, fahren wir den rabenschwarzen Fluss ein wenig hinauf und biegen in eine riesige Lagune. Dort versuchen wir zu Angeln. Aber die Fische Eine Hütte der Yanomami Indianer verstecken sich wahrscheinlich zwischen den überschwemmten Bäumen. Erfolglos verlassen wir wieder die Lagune und versuchen an der Mündung unser Glück auf ein weiteres. Wir hoffen dort Barsche anzutreffen, die sich im trüben Casiquiare-Wasser verstecken und auf im klaren Schwarzwasser des Pasiva schwimmende Opfer stürzen. Aber unsere Hoffnung löst sich auf und wir beschließen, es weiter unten noch einmal zu probieren. Gegen halb zwei entdecken wir Steine, die eine günstige Strömung für einen Barschfang aufweist und so machen wir fest. Von den Steinen aus werfen wir die Blinker in die Strömung und schon kurze Zeit später zappeln 2 große Pirhanas und 7 Pavon auf den Steinen. Hilario wirft wieder ein paar Bojen mit den Pirhanas als Köder in den Fluss. Später werden wir diese weiter flussabwärts wieder einsammeln.

 

Unerwartet unseres großen Erfolges hat Tamaira das Mittagessen schon zubereitet und wir essen Nudeln mit Tomatensoße. Nach dem Essen nehmen wir noch schnell die Pavons aus und steuerndas Boot wieder in den Fluss Richtung Südwesten. Wir finden unsere Bojen wieder und sammeln sie ein. Die Köder sind fast alle weg, aber am Haken hat sich leider keiner verbissen. Was sollīs. Die 7 Pavon reichen für heute auf alle Fälle und morgen werden wir schon wieder welche fangen. Beim Einsammeln der Bojen hat sich Mario den Zehnagel abgerissen. Sofort erwacht Ivanīs Chirurgen-Herz und er verarztet ihn. Markus ist inzwischen Puripuri genervt und steigt immer seltener aus dem Boot. Bodo dagegen ist bei allem dabei, doch steht ihm das Glück nicht immer zur Seite. Langsam kommen wir wieder in bewohntes Gebiet. Seit gestern morgen, beziehungsweise seit über 200 km treffen wir auf die ersten Ansiedlungen. Wir befinden uns im Gebiet der Yanomami-Indianer, die ja, wie schon erwähnt, ihre eigene Meinung von dein und mein haben. Mario und Hilario kennen die Orte, die dadurch besonders geprägt sind, und meiden diese. Langsam verschwindet auch wieder die Sonne hinter Schleierwolken und am Horizont entstehen wieder gigantische Gewitterwolken.

 

Auch der Casiquiare wechselt sein Gesicht. Vorher weit und still, jetzt liegen überall riesige Granitblöcke über- und unterwasser und bilden mehr oder weniger starke Stromschnellen. Ivan mit einen gefangenen Pirhana An einer von diesen liegt ein Dorf und nachdem kein Boot am Ufer liegt und auch sonst niemand dazu sein scheint, beschließen wir hier an Land zu gehen. Ein paar Hütten aus Bambusrohren mit Chikichiki oder Palmzweigen bedeckt stehen leicht versetzt um einen Platz. Von der Größe her dürften hier schätzungsweise nur zwei oder drei Familien wohnen. Vereinzelt herumliegende Dinge deuten darauf, dass dieses Dorf noch bewohnt ist, aber es ist niemand da. So können wir uns getrost ein wenig umschauen und heimlich in den Hütten filmen und fotografieren. Aber recht viel können wir nicht entdecken. Die Bewohner haben nahezu alles mitgenommen. Die Gefahr von anderen bestohlen zu werden ist vermutlich zu groß und über recht viel mehr als ihre Kleidung verfügen sie nicht. Aber dennoch ist es schon interessant einmal in die Häuser der Yanomamis zu schauen und es lässt sich schon erahnen, wie sich das Leben in der häuslichen Gemeinschaft abspielt. Die Häuser bestehen lediglich aus nur einem Raum in dem gelebt, gekocht und geschlafen wird. Die Kochstelle befindet sich an der Seite auf dem Boden, jedoch mit genügend Abstand zur Außenwand um ein Überspringen des Feuers zu verhindern. Auch hier zieht der entstehende Rauch durch das Dach ab. In einer Hütte finde ich eine Holzschale, mit der sie im Sand nach Gold schürfen. Hilario organisiert noch eine Stange Bananen aus dem Feld hinter dem Dorf und kurz darauf geht es wieder weiter.

 

Nicht weit entfernt strömt ebenso von links, das heißt aus Südosten der Rio Siapa in den Casiquiare. Inzwischen ist der Fluss auch schon über 1 km breit. Die Indianersiedlungen, an denen wir vorbeifahren, sind alle verwaist. Mario hat in Pto. Ayacucho erfahren, dass die Yanomamis in diesen Tagen irgendwo ihr Totenfest feiern, doch wo dieses stattfindet ist ihm nicht bekannt. Es wäre zwar interessant einmal bei einem solchen Fest dabei zu sein, jedoch möchten wir dabei nicht stören. Aus den Büchern haben wir gelesen, dass die Yanomamis ihre Toten zuerst in Tücher wickeln, sie dann unzugänglich in die Wipfel der Bäume hängen und sie dort verwesen lassen. An einem bestimmten Tag versammelt sich dann die Großfamilie und alle Verwandten kommen von überall her, um das Totenfest zu feiern. Dabei werden die Reste der Leiche in einem Feuer verbrannt, die Asche in einen Sud geschüttet und an die Verwandten, dem Nähesten zuerst, zum trinken gereicht. Sie glauben, die Seele des Verstorbenen lebt in den Körpern der Nachfahren weiter.

 

Langsam senkt sich die Sonne und färbt die Wolken, die sich im inzwischen wieder aalglatten Wasser spiegeln, goldgelb. Kurz vor sechs Uhr erreichen wir Porvenir, ein Dorf der Yeral-Indianer. Es besteht aus etwa 10 Häusern unterschiedlicher Bauart. Teils haben sie Sonnenuntergang auf dem Rio Casiquiare Holzwände, teils aus Lehm oder nur aus einem Dach. Verstreut stehen sie im Schatten einiger Laubbäume entlang des Ufers. Hinter den letzten Häusern ist, wie fast in jedem Dorf, der ... Fußballplatz. Bedingt durch die günstige Lage, eine Tagesreise von San Carlos die Rio Negro entfernt, haben sich die Bewohner mehr und mehr auf Übernachtungen Durchreisender eingestellt. Die Yanomamis errichteten etwas abseits ihr eigenes Haus. Zur Verbesserung der hygienischen Verhältnisse sind die Yeralīs gerade dabei ein Toilettenhäuschen zu bauen. Am nordöstlichen Ende des Dorfes auf einer freien Fläche haben sie Leinen gespannt, auf denen sie das Fleisch der Laolaos in der Sonne trocknen lassen. Zur Zeit hängt nur ein "kleiner" 60 Kilo-Wels, von den bis zu 200 Kilogramm schweren Kolossen, an der Schnur. Ein merkwürdiges Brummen lässt uns auf einen rosablühenden Baum aufmerksam machen. 3 grüne Kolibris saugen mit ihren langen Schnäbeln den süßen Nektar aus den duftenden Blüten.

 

Wir folgen Hilario und Mario, die zielstrebig auf ein offenes Haus zugehen. Auf Plastikstühlen sitzen mehrere Indianer, die unsere Ankunft beobachten. Wir werden herzlich aufgenommen, da Hilario die Bewohner aus der Zeit kennt, als er am Pasiva wohnte. Nach kurzer Begrüßung durch den Dorfvorstand Alberto werden wir in das Kulturhaus geführt. Dabei handelt es sich um ein kreisrundes Haus mit 2 Türen. Das Dach ist kegelförmig mit Fächerpalmblättern bedeckt. Die etwa 1,5 Meter hohen Seitenwände bestehen aus dünnen Holzstäben, die miteinander verflochten sind. Innen stehen mehrere Holzbänke, die ebenfalls aus Stäben gefertigt und fest im Boden eingegraben sind. Nach kurzer Unterhaltung mit dem Dorfvorstand Alberto, lädt uns dieser in sein Haus ein. Seine Mutter hat uns Kaffee gekocht. Die Tassen stehen schon auf einem großen Tisch und der Kaffee ist äußerst stark gesüßt. Im Haus selbst gibt es keine Fenster. Durch die aus Palmzweigen bestehenden Außenwände fällt düsteres Licht in den einzigen Raum. Auf dem Herd, der aus Holz bebaut und mit Lehm gefüllt ist, brennt ein Feuer. Der Rand ist ca. 10 cm hoch mit Lehm gemauert, in den quer mehrere Eisenstäbe eingearbeitet sind. Ein offenes Regal mit sehr wenig Kochutensilien und ein paar Gewürzen steht auf der linken Seite.

 

Nach dem Kaffee gehen wir wieder in Begleitung Albertos zurück zum Boot. Dabei sehen wir uns etwas im Dorf um. In einem Haus, das lediglich aus einem Dach auf mehreren Pfählen besteht, sitzen einige Indianer auf alten Plastik-Stühlen. In einer Ecke lodert am Boden ein kleines Feuer, auf dem in einem großen Eisentopf das Abendessen von einer Frau zubereitet wird. Es ist erstaunlich mit wie wenig Küchenutensilien so eine Familie auskommt. In einem freistehendem Regal in der Ecke sehe ich nur einige wenige Teller, ein paar Blechtassen und einen Topf. Außerdem Gewürzdosen und ein paar Päckchen Nudeln und Reis. Ich vermisse fast wieder die große Auswahl an Tuper-Ware-Schüsseln und -behältern von zu Hause.

 

Wir erreichen wieder unsere Anlegestelle und holen unsere Macheten aus dem Boot um ein wenig Holz für unser abendliches Feuer zu holen. Am steilen Sandufer bauen wir uns eine Feuerstelle, auf die wir unseren Topf stellen, um weitere Pirhana-Köpfe aus zu kochen. Gegen halb acht ist auch unser Abendessen fertig. Tamaira hat uns aus den Pirhanas Fischsuppe gekocht. Mit Rum und Saft aus Konzentrat lassen wir den Abend am Feuer ausklingen. Um 22:00 tragen wir die Tonne mit unseren Hängematten zum Kulturhaus, hängen sie an die Balken und legen uns nieder. Auch im Dorf ist es schon ruhig geworden. Lediglich aus Albertos Haus nebenan hört man noch leise Musik aus dem Transistorradio.

 

Mitten in der Nacht, es mag so gegen 2:00 Uhr sein, legt am Ufer ein Boot mit Goldgräbern an. Es wird bis viertel nach drei be- und entladen. Dabei geht es ziemlich laut zu und ich kann in der Zeit nicht wieder einschlafen. Zu allem Übel fangen nur etwa eine dreiviertel Stunde später die Hähne an, miteinander um die Wette zu krähen. Das warīs wohl mit der Nacht.