12. Tag

San Carlos de Rio Negro

Dienstag, 07.11.2000

 

Die Hähne wollen nicht aufhören zu krähen und aus Albertos Haus trällert wieder Musik aus dem Radio. Mir reicht es und so stehe ich noch im Finstern auf. Mit Ivan habe ich ausgemacht, dass ich ihn ebenfalls wecken soll. Nun gut, wie er meint. Es ist halb sechs und wir gehen zum Fluss. Auch hier ist schon einiges los. Ein paar Dorfbewohner fahren mit ihren Booten hinaus auf den Fluss, um die Laolao-Fallen zu kontrollieren. Auch die Goldgräber werfen ihre Netze aus. Kurz nach Einbruch der Dämmerung kommt Bodo und Markus zu uns. So sitzen wir noch einige Zeit auf einer Holzbank am Ufer des Flusses, beobachten die Szenerie und nehmen schließlich noch ein ausgiebiges Bad im Fluss.

 

Die Unruhe treibt auch bald den Rest unserer Truppe aus den Hängematten. Wir helfen beim Umladen der Spritfässer und machen das Boot für die Weiterfahrt startklar. Als wir uns von den Bewohnern verabschieden, erhält Mario von Alberto ein Tütchen mit etwa 3 Gramm Goldstaub, das er in San Carlos gegen Bares tauschen soll. Er wird auch gebeten, dafür einige Nahrungsmittel und Salz zu besorgen, die wir bei der Rückfahrt mitbringen sollen. Wir werden noch bis zu unserem Bongo von der Familie des Dorfvorstandes begleitet und nach dem Ablegen vom Ufer winken wir uns freundschaftlich zu.

 

Bald ist das Dorf aus der Sichtweite verschwunden und Mario möchte uns heute zum Frühstück mit einer Tortilla, Mario beim Zubereiten unseres Frühstückes einem warmen Kartoffelkuchen, verwöhnen. Doch leider geht uns das mitgebrachte Gas aus und Hilario sucht am Ufer nach einer Anlegestelle. Schon bald ist ein geeigneter Platz gefunden und wir errichten auf einer Felsspalte eine Feuerstelle. Bodo ist emsig damit beschäftigt, Brennmaterial aus dem Wald zu holen. Mario schält die Kartoffeln und brät sie in einer großen Pfanne. Später werden einige Eier aufgeschlagen und über die Kartoffeln gegossen, etwas gewürzt und fertig gegart. Während dessen erkunden Ivan und ich etwas die Gegend. Wir finden wunderschöne Blumen und Sträucher, die in all möglichen Farben blühen. Nach 20 Minuten ruft Mario zum Essen.

 

Auf der Weiterfahrt drosselt Hilario plötzlich den Motor und wendet abrupt in einer engen Kehre. Doch diese Wendung war wohl etwas zu rasant - wir fahren direkt in unsere eigenen, doch relativ hohen Wellen. Wild spritzt das Wasser über den Bug. Die Bootsspitze taucht kurz unter die Welle und schöpft eine große Menge ins Innere. Es ist so viel, dass Tamairas Küche überflutet wird. Wir haben eine elektrisch betriebene Pumpe an Bord und somit verläuft das Abpumpen fast wie von selbst. Aber was hat Hilario zu dieser plötzlichen Wendung bewegt? Hilario hat irgend etwas im Augenwinkel an sich vorüberfliegen sehen. Was dies war, konnte er nicht erkennen. Als er sich umblickte, war das Ding gerade dabei unter zu gehen. Da es sich auch um einen wichtigen Ausrüstungsgegenstand handeln könnte, entschloss er sich zu diesem gewagten Manöver. Bei dem Gegenstand, den Mario schließlich aus dem Wasser zieht, handelt es sich aber lediglich um seine kurze Hose, die er heute morgen nach dem Bad zum Trocknen auf das Dach legte. Der Fahrtwind blies sie dann vom Dach.

 

Während Ivan und ich auf der Weiterfahrt unsere Pirhana-Köpfe putzen, kommt uns ein kleines Bongo mit Yanomami-Indianern entgegen. Hilario drosselt etwas die Geschwindigkeit, damit unsere Wellen das Boot nicht zum Kentern bringen. Zwei kleine, etwa 4-jährige nackte Kinder sitzen eingezwängt zwischen zugedeckten Waren. Vorne rudern zwei Jugendliche (?!?) , ein Mädchen und ein Junge, die entweder die Eltern der kleinen oder deren große Geschwister sind. Im Heck steuert ein ältere, ebenfalls nach Yanomami-Tradition unbekleidete Frau das Boot. Sie trägt typischen Indianerschmuck mit Holzstäben durch die Wangen und einer Portion Tabak hinter der Unterlippe. Neugierig werden wir von ihnen beobachtet.

 

Mario und Markus holen den Schlaf der vergangenen, unruhigen Nacht nach, während wir den Zufluss des Rio Pasimoni passieren, der gewaltige Schwarzwassermassen aus dem Nebelgebirge in den Casiquiare strömen lässt und das Wasser immer dunkler färbt. Bodo beobachtet dagegen die Umgebung. Gegen 11:00 Uhr erreichen wir einen Fels mit dem Namen Kurimacare. Dieser erhebt sich, wie aus dem Nichts, gewaltig aus der Ebene. Schon aus großer Entfernung kann man die gigantischen, etwa 80 Meter hohen Granitblöcke erkennen. Während der größte von den Dreien die Form eines Hauses hat, stehen die beiden anderen wie 2 Türme daneben. Die Besonderheit an den 2 Säulen: sie stehen nur etwa anderthalb Meter auseinander, Kurimacare am Rio Casiquiare berühren sich aber vom Boden bis zur Spitze nur an einer einzigen Stelle knapp unterhalb der Gipfel. Dort hat sich ein kleiner Felsen zwischen den Beiden verkeilt. Diese Besonderheit kann man nur von einer kleinen Stelle vom Fluss aus erkennen. Über den Kurimacare gibt es auch eine Sage. Vor langer, langer Zeit soll hier eine Kräuterfrau, also so eine Art vorzeitliche Naturheilerin mit ihren zwei Kindern gewohnt haben. Die Tochter war sehr hübsch, aber der Sohn zum Fortrennen hässlich. Der Mutter tat dies in der Seele weh und als er zu einem jungen Mann herangewachsen war, entschloss sie sich, ihm mit ihren Wundermittelchen weiter zu helfen. Die Pusana, ein heute immer noch geschätztes Mittel, welches Frauen unsterblich verliebt machen soll, sollte dem jungen Mann zu einer Frau verhelfen. Leider war es seine eigene Schwester, die sich in ihn verliebte und als die Mutter die beiden überraschte, als sie eng umschlungen vor dem Haus standen, erschraken sie so sehr, dass sie zu Stein wurden und so kann man sie noch heute dort betrachten.

 

Gegen halb zwölf legen wir an einer Insel an, um dort unser Mittagessen zu angeln und Ivan versinkt im Schlamm zu kochen. Diesmal klettert Ivan nach vorne in den Bug, um mit dem Seil das Boot an einem Baum fest zu binden. Im Glauben an einen festen Untergrund springt Ivan vom Boot, doch das sandige Ufer gibt unter seiner Last nach und lässt ihn fast bis zu den Knien einsinken. Nur mit großer Mühe kann er sich vorwärts bewegen. Als er dann endlich festen Boden unter den Füssen hat, sucht er eine Stelle, an der auch wir das Boot ohne zu versinken verlassen können. Während wir versuchen den Fisch aus dem Wasser zu holen, geht Bodo los, um Holz zu sammeln. Aber das Angeln hat keinen Erfolg. Mario glaubt, durch die Nähe San Carlos sei hier schon alles leer gefischt. Wir beschließen erst einmal zu Baden und dann direkt nach San Carlos weiter zufahren, um dort in einem Restaurant zu essen und ein Bier zu trinken.

 

Kurz vor eins erreichen wir Solano, die vorerst letzte Kontrollstation. Dabei werden wir gefragt, ob wir noch ein paar Leute mitnehmen könnten. Es müsste sonst extra ein Boot aus San Carlos gerufen werden, auf das sie dann noch etwa 2 Stunden warten müssten. Wir rutschen etwas enger zusammen und nehmen drei Soldaten der Guardia Nacional, sowie eine Frau und deren 4-jährige Tochter mit. Verschüchtert versucht sich die Kleine hinter ihrer Mutter zu verstecken. Ich möchte ihr einen meiner restlichen Müsli-Riegel schmackhaft zu machen. Ich merke, dass er ihr schon munden würde, jedoch wagt sie es erst ihn zu nehmen, nachdem ich ihn ihrer Mutter gab.

 

Inzwischen haben sich auch die letzten Sedimente des ehemaligen Orinoko-Wassers am Grund des Casiquiare abgesetzt. Colafarben und glasklar spritzt das Wasser am Bug. Mit großen Wellen kündigt sich der Zusammenfluss mit dem Rio Guainia aus dem Norden an. Er bringt ebenfalls enorme Massen Schwarzwasser aus Kolumbien. Beide zusammen bilden hier den bekannten Rio Negro, der schließlich in der Nähe von Manaus in Brasilien in den Amazonas fließt.

 

Kurze Zeit später, so etwa gegen 16:00 Uhr, erreichen wir San Carlos de Rio Negro. Der Hafen ist voll von Booten. Hilario muss einige Zeit suchen, bevor er neben einem Boot, voll mit Yanomamis, einen Platz zum Anlegen findet. Ich habe schon einige Berichte über die Yanomamis in Fernsehreportagen gesehen, aber der Anblick dieser Menschen lässt mich erschaudern. Vergammelt, verfilzt und ausgehungert spechten sie zu uns herüber. Unser Boot wäre das reinste Schlaraffenland für sie. Sie befinden sich auf dem Heimweg vom Totenfest, kommen aber im Moment nicht weiter, da der Kapitän des Lastenkahns für heute keinen Sprit mehr bekam. Auf der anderen Uferseite liegt Kolumbien, wo der Sprit um ein vielfaches teurer ist als in Venezuela. Die Besitzer der Venezolanischen Tankstellen dürfen ihren Sprit zu höheren Preisen an Kolumbianer verkaufen, die zum Tanken immer den Fluss überqueren. Damit sie nicht den gesamten Vorrat an die Kolumbianer verkaufen, um mehr Profit zu machen, müssen sie eine bestimmte Menge auf venezolanischem Preisniveau an ihre eigenen Leute abgeben. An manchen Tagen ist diese Menge aber schon bald verkauft.

 

Bei einem Gang mit Hilario und Tamaira durch die etwa 1000 Einwohner zählende Stadt fühlten wir uns unwohl und von jedem beobachtet. Wir wissen nicht woher dieses Gefühl kommt. Es mag sein, dass wir uns in der Einsamkeit der Natur zu wohl fühlten, doch nun wir wollen nur eins: nichts wie weg hier. Wir kaufen in einem Laden noch Gemüse und Fleisch ein und kehren zurück zum Hafen. Auf einem alten, verrottendem, brasilianischen Verkaufskahn decken wir uns noch mit kolumbianischen Zigaretten ein, trinken ein Bier im Hafen und besteigen anschließend wieder unser Boot. Mario, der auf dem Boot geblieben war, um auf unsere Sachen aufzupassen, hatte inzwischen Besuch. Die Yanomamis waren einfach zu ihm auf das Boot geklettert und begannen zuerst langsam in unseren Sachen zu wühlen. Auf die Aufforderung, dies zu unterlassen, reagierten sie nicht. Als dann immer mehr Indianer auf unser Boot kamen und bevor Mario den Überblick verlor, wurde er energisch und verjagte sie vom Boot. Wir wollen fort, egal wohin. (Bei einem Briefwechsel im März 2001 mit Mario erfahren wir, dass er die gleichen Yanomamis bei einer anderen Reise wieder getroffen hat und sie sich dann völlig anders verhielten: Aufgeschlossen und freundlich. Ihr Verhalten in San Carlos ist für ihn nicht erklärlich).

 

Wir legen ab, fahren den Rio Negro noch ein paar Kilometer flussabwärts und machen am Ende der Stadt am Ufer fest. Wir sind wieder allein. Langsam drückt der Hunger. Wir wollen nicht mehr in die Stadt und beschließen, unser Essen wieder selbst zu kochen. Deswegen schickt Mario Hilario los, um Gas zu besorgen und sich gleichzeitig um einen Schlafplatz zu kümmern. Doch es vergeht die Zeit und Hilario ist noch immer nicht zurück. Mit einem atemberaubendem Ausblick Sonnenuntergang am Rio Negro senkt sich die Sonne hinter Kolumbien. Wir sammeln Holz, was sich in der Nähe der Stadt als recht schwierig erweist und machen ein Lagerfeuer. Erst kurz bevor das Essen fertig ist, kommt Hilario wieder: ohne Gas und ohne Schlafplatz. Dafür mit einem betrunkenen Lebewohl mit dem Spitznamen Torro Loco, weil er die Figur eines Stieres hat und ziemlich verrückt sein soll. Daraufhin schickt ihn Mario wieder los und nach dem Essen ist er zurück. Diesmal mit Gas, aber ohne Schlafplatz. Wir beschließen, doch noch auf ein Bier zu einem Tante Emmaladen in der Nähe zu gehen. Hilario soll nach dem Essen nachkommen. Während wir vor dem Laden auf einer Mauer sitzen, geht plötzlich ein gewaltiger Gewitterregen nieder, als würde die Welt untergehen. Nach vier Bier ist er immer noch nicht da. Es ist schon fast 20:00 Uhr und wir wissen nicht, wo wir heute Nacht schlafen sollen. Wir und Mario sind sehr verärgert. Der Händler des kleinen Ladens bietet uns an, unsere Hängematten an seinem Vordach aufzuhängen, jedoch befürchten wir, dass dies für unser Gewicht zu schwach gebaut ist.

 

Nun gehen wir selbst auf die Suche. Auf dem Rückweg zum Boot finden wir einen leerstehenden Rundbau, jedoch ist das Dach kaputt und ein weiteres aufziehendes Gewitter lässt eine feuchte Nacht vermuten. Wieder am Boot angekommen, um die Tonne mit den Hängematten zu holen, meint Hilario nur `no Problem´. Gemeinsam ziehen wir wieder los und kommen zu einem Haus, in dem ein alter Freund Hilarios wohnt. Bei Ihm dürfen wir unter einer Art Veranda übernachten. Wir besorgen uns noch ein paar Dosen "Polar" und gehen zurück zum Boot. Das Bier und die nahezu schlaflose Nacht zuvor in Porvenir lassen uns bald ermüden und wir gehen um halb zehn wieder zum Haus und legen uns in die Hängematten. Tatsächlich regnet es in der Nacht noch mehrfach wie aus Kübeln. Es bildet sich ein Bach, der sich seinen Weg durch unseren Schlafplatz bahnt. Aber auch das Dach ist nicht mehr allzu dicht und an manchen Stellen tropft es durch.