13. Tag

Porvenir - Die Rückfahrt

Mittwoch, 08.11.2000

 

Es ist halb sieben, als wir aufwachen. Alles ist durch das undichte Dach klamm und feucht. Der Bach unter uns ist inzwischen wieder versiegt, aber der Boden ist völlig aufgeweicht Kurimacare am Rio Casiquiare und matschig. Die Moskitonetze haben sich voll Wasser gesogen und sind völlig verdreckt. Wir legen sie zusammen, verabschieden uns von der Familie und kehren zurück zum Boot. Auch Hilario und Tamaira sind schon wach und das Boot startklar. Wir fahren zurück zum Hafen von San Carlos, um noch Eis zum Kühlen, Wasser, Sprit und Proviant zu besorgen. Die Yanomamis sind schon weg. Während Hilario sich mit einer Schubkarre mit leeren Spritfässern auf den Weg macht um Sprit zu organisieren, füllen wir unsere Wassertanks an einem öffentlichen Brunnen. Mario derweil besorgt das Eis und den Proviant. Tamaira brät inzwischen Arepas, die wir dann mit Dosenfleisch zum Frühstück verspeisen. Hilario kehrt erst gegen halb zehn wieder zurück, jedoch ohne den Sprit. Der Tankwart war bis dato noch nicht erschienen. Nach einer kurzen Berechnung der Vorräte, müssten wir jedoch problemlos den Casiquiare hoch bis nach Esmeralda kommen. Neben uns haben inzwischen mehrere Boot mit Indianern festgemacht. Direkt vom Boot verkaufen sie frische Maniokfladen, ihre Ernte und Fisch.

 

Kurz vor zehn beginnen wir mit der Rückreise. Wir verlassen den Hafen und fahren den Verkaufsboot in San Carlos de Rio Negro Rio Negro flussaufwärts und biegen am Zusammenfluss mit dem Rio Guainia in den uns bekannten Rio Casiquiare. Nach einiger Zeit geht plötzlich der Motor aus. Hilario hat heute Morgen in all dem Trubel vergessen, die Spritfässer um zu füllen. Jetzt muss dies mitten am Fluss geschehen. Das heißt: leeres Fass ins Wasser und nach vorne ziehen - volles Fass von vorne ins Wasser und nach hinten treiben lassen. Es grenzt schon an einen Gewaltakt, ein volles 80-Liter-Fass mitten am Fluss über die Bordwand nach innen zu hieven. Das Bongo mit dem runden Boden kommt dabei in eine gefährliche Schräglage und wir müssen uns als Gegengewicht auf der anderen Seite weit über die Bordwand lehnen. Irgendwann plumpst das schwere Fass ins Innere.

 

Am frühen Nachmittag erreichen wir wieder die Kontrollstation in Solano, an der wir uns nicht sehr lange aufhalten müssen. Man dankt uns noch einmal für die nette Geste von gestern, ihre Leute mitzunehmen, mit einer schnellen Abwicklung der Formalitäten. Inzwischen hat sich die Sonne ihren Weg durch die Wolken gebahnt und Ivan stellt seine Blechdose mit den Käfern zum trocknen auf die Spritfässer vor uns. Jedoch spritzt in manchen Kurven das Wasser über die Bordwand und Ivan muss seine Dose wieder entleeren und austrocknen. Er befürchtet seine Käfer würden durch die ständige Feuchtigkeit zu Faulen beginnen. In einiger Entfernung kommt ein Fährschiff mit einem Tankwagen, das gestern noch im Hafen von San Carlos lag, in Sicht. Wir ahnen nicht, dass wir mit diesem heute noch eine unangenehme Begegnung haben werden.

 

Unterwegs halten wir mit Mario ein Krisengespräch, denn wir sind mit Hilarios Verhalten nicht so recht einverstanden. Er ist zwar der Bootsführer, der uns sicher und in einem gesetzten Zeitrahmen von A nach B fährt, aber wenn wir irgendwo ankommen, geht er zuerst seinem Privatvergnügen nach. In San Fernando und in San Carlos geht er mit seiner Frau fort, um sich zu vergnügen. Wir dagegen, die ja die Gäste sind, müssen dann auf sein Boot aufpassen. Wir wissen auch, dass wir täglich eine bestimmte Wegstrecke zurücklegen müssen, aber die Ankunft an einer unbewohnten Stelle ist immer so spät, dass wir kaum noch Zeit haben, unser Lager auf zu bauen. Jedes Mal müssen wir das Lager im Schein unserer Taschenlampen fertig stellen. Für unser Anliegen, den Wald und die Natur zu erkunden bleibt uns dann keine Zeit mehr. Er hat es ja leicht: er braucht sich nicht um einen Schlafplatz zu kümmern. Sind wir abends vom Boot, braucht er nur seine Hängematten ans Dach zu binden und fertig. Wir beschließen an Stellen, an denen wir ein Lager bauen müssen spätestens um 16:30 anzukommen. Auch Mario versteht Hilarios Verhalten nicht. Sonst wäre er ganz anders. Wahrscheinlich hängt es damit zusammen, dass Venezolaner sich vor ihren Frauen profilieren müssen. Auf jeden Fall wird er kein Ehepaar mehr als Personal mehr auf seine Reisen mitnehmen.

 

Gegen halb zwei machen wir an Steinen halt um unsere feuchten Moskitonetze zu waschen und zu trocknen. Wir angeln ohne Erfolg. Ivan wirft versehentlich seinen Haken in einen Baum. Nachdem sich dieser nicht mehr von selbst löst, greift er zur radikalen Lösung. Er klettert auf den Baum und hackt simpel mit seiner Machete den ganzen Ast ab. Jedoch verhakt sich dieser in den Steinen und Mario schwimmt hinaus, um Ivanīs Haken zu befreien. Während ich schon lange das Angeln aufgegeben habe, beobachte ich eine Schar Blattschneiderameisen, wie sie ihre Last des grünen Blattwerks über die Steine tragen. Ein leichter Windstoss vertreibt die lästigen Puripuris und senkt etwas die hohen Temperaturen.

 

Wir kommen wieder am Kurimacare und an der Einmündung des Rio Pasimoni vorbei. Genau Eine Flussfähre die den Rio Casiquiare flussaufwärts fährt beim Zusammenfluss liegt `El Niņalī, der Sitz der venezolanischen Umweltbehörde. Das Wetter hat sich wieder verschlechtert. Rings um uns haben sich gewaltige Wolken zu einer schwarzen Wolkendecke vereint. An verschiedenen Stellen kommt es zu gewaltigen Regenfällen und es blitzt und donnert überall. Bislang hatten wir Glück und wir blieben vom Regen verschont. Vielleicht bleibt uns dieses Glück ja noch die nächsten 1,5 Stunden erhalten. Auf einer Strecke von etwa 500 Metern beginnt es schlagartig zu regnen, wir bleiben aber auf Grund des starken Rückenwindes trocken. Plötzlich wird uns der gelbe Eimer mit einem Schlauch vorgereicht. Das Spritfass wird leer und nun muss Mario Sprit in den Eimer laufen lassen und zu Hilario nach hinten tragen. Wir wundern uns sehr darüber, denn vor kurzem hatten Regen verfolgt uns an diesem Tag wir eine Pause eingelegt. Warum dort nicht umgefüllt wurde, ist uns allen unklar. Naja, venezolanische Logik.

 

Um 17:00 Uhr erreichen wir wieder Porvenir. Das Boot der Yanomami liegt auch da und nun muss immer jemand auf unserem Boot bleiben, um aufzupassen. Nachdem Mario sie in San Carlos so energisch vom Boot vertrieben hat, lassen sie uns hier weitgehend in Frieden. Wieder werden wir von Alberto und seinem Vater herzlich begrüßt. Sie sitzen zusammen mit einem kräftigen, bärtigen Mann namens Seebär an einem Tisch. Seebär ist der Vater von Torro Loco und der Besitzer des Bootes mit den Yanomami. Er bringt eine Ladung Schilf oder ähnliches nach Puerto Ayacucho und die Indianer zurück in ihr Dorf. Hilario übereicht das Salz und die anderen Waren, die er in San Carlos aus dem Erlös des Goldverkaufs erwarb. Eigentlich hatte ich mir gestern Früh vorgenommen, es heute noch einmal zu probieren, die Kolibris zu fotografieren, aber der Baum ist innerhalb eines Tages abgeblüht und weit und breit kein Kolibri mehr zusehen.

 

Auf dem Fluss nähert sich das Fährschiff und legt, wie wir befürchteten, direkt neben uns flussaufwärts an. Vorbei ist es mit der Romantik. Ob wir den Vertäuungen vertrauen sollen? Sonnenuntergang in Porvenir Kurz vor dem Abendessen geschieht es dann schließlich. Ein kräftiger Windstoss und die Strömung des Flusses, treiben das 40-Metergefährt immer näher zu uns. Lautes Krachen kündigt das Bersten unseres Daches an. Ivan und mir gelingt es, das Schiff mit unseren Beinen wieder fort zu schieben. Mario klettert nach vorne, um die Leinen zu lösen. Hilario manövriert uns mit Motorkraft aus der "aufdringlichen" Lage und fährt uns ein kleines Stück wieder flussabwärts an einen anderen Anlegeplatz. Nun können wir beruhigt unser Abendessen, Gulasch mit Reis, verspeisen. Bei Rum und Kaffee lassen wir den Abend ausklingen. Dabei erzählt uns Mario von seiner Flucht aus der ehemaligen DDR. Zwischendurch legen noch ein paar Goldgräber an und holen einen Käfig mit jungen Papageien ab, den Alberto für sie aufbewahrte. Gegen 22:00 hängen wir wieder unsere Hängematten ins Kulturhaus und legen uns schlafen. Leicht berauscht vom Alkohol können wir die Nacht durchschlafen, ohne vom Lärm der Hähne geweckt zu werden.