14. Tag

Sandbank im Casiquiare

Donnerstag, 09.11.2000

 

Um 5:00 Uhr morgens wirft der Frachtkahn seine Motoren an und fährt 15 Minuten später weiter. Ivan und ich warten noch bis zur Morgendämmerung und gehen dann hinunter zum Fluss, um nachzusehen, ob sich ein Fisch an der Leine fest gebissen hat, die Ivan gestern abend noch ausgeworfen hat. Aber leider ziehen wir nur einen großen Ast an Land. Auch die anderen sind durch den Motorenlärm aufgewacht und so sind wir schon frühzeitig zur Abfahrt bereit. Wir verabschieden uns von den Dorfbewohnern und legen ab.

 

Kurz nach der Einmündung des Rio Siapa erreichen wir eine Insel, auf der sich ein Dorf der Yanomami-Indianer befindet. Noch immer ist das Dorf verlassen und wir beschließen an der Yanomamidorf am Rio Casiquiare Insel fest zu machen, um uns das Dorf einmal aus der Nähe an zusehen. Es besteht aus 4 Bambus-Häusern, die alle mit Palmblättern gedeckt sind, einer überdachten Räucherstelle für Fische und einer Feuerstelle, in dem sich ein ausgebrannter Kopf eines Affen befindet. Ein merkwürdiges Quieken lässt uns auf einen Stein aufmerksam werden. Der große Block ist zerbrochen und in dem etwa 5 cm dicken Spalt sitzen Hunderte von Fledermäusen, die bei unserem Auftauchen aufgeregt umherkrabbeln. Tamaira hat uns unterdessen das Frühstück, dicke Pfannkuchen mit Marmelade zubereitet. Von flussabwärts hören wir Motorengeräusche, die sich schnell nähern. Wahrscheinlich ist es Seebär auf dem Weg nach Puerto Ayacucho. In der Befürchtung, dass mit ihm die Yanomamis zurück kommen, treten wir eilig den Rückzug an. Aber noch bevor wir von der Insel ablegen können, biegt sein Boot um die Ecke. Seebär winkt uns kurz zu und wir sind erleichtert, denn entweder die Indianer sind in Porvenir geblieben oder er hat sie weiter unten in einem anderen Dorf abgesetzt - das Boot ist leer.

 

Weiter geht es flussaufwärts. An einer Einmündung eines kleinen Baches machen wir Wasserablauf aus einer Lagune im Regenwald wieder kurz halt. An dieser Stelle befindet sich hinter einem kleinen Waldstück eine Lagune, die den Bach speist. Mario geht mit dem Gewehr voran und bittet uns darauf zuachten, nicht auf keine Äste zu steigen, denn die Geräusche würden die Tiere verscheuchen. Aber auch der Weg zur Lagune ist so dicht verwachsen, dass ein geräuschloses Vorankommen nicht möglich ist. So brechen wir nach kurzer Zeit die Jagd ab und fahren weiter.

 

Auf der Weiterfahrt legen wir noch 2 weitere Angelstops ein, um unser Mittagessen zu fangen. Obwohl an meiner Angel 7 mal gezupft wurde, kann ich nichts zum Essen beitragen. Aber Roland beim Fischfang Ivan, Mario und Hilario ziehen zusammen 7 Pavon und 3 Pirhanas aus dem Fluss, die Tamaira anschließend zubereitet und uns zusammen mit Reis zum Mittag reicht. Auf der anschließenden Weiterfahrt bastelt sich Mario aus zwei bunten Plastiktüten einen Blinker-"Prototypen". Nach kurzer Zeit legen wir wieder an der Stelle, an der wir auf der Hinfahrt so viele Fische gefangen haben, eine Pause ein. Tatsächlich beißen auch heute wieder binnen kurzer Zeit 6 große Pavon an. Besonderen Erfolg erzielt auch Mario mit seinem Blinker. Wie wild verbeißen sich die Fische in den Plastiktüten, aber verfehlen doch zu häufig den Haken. So wird sein Blinker langsam immer kleiner.

 

Eine halbe Stunde nachdem wir die Einmündung des Pasiva erreichten, beschließen wir auf einer vor uns liegenden großen Sandbank unser Lager zu errichten, da wir unser heutiges Ziel - Capihuara - doch nicht mehr erreichen. Hilario ist darüber jedoch nicht sehr erbaut. Warum, wissen wir nicht. Nach einem kurzen, aber doch deutlichen Wortwechsel zwischen Ivan, Mario und Hilario bleiben wir doch auf der Sandbank. Vom Boot aus erkennen wir, dass sich auf dieser kein Material für den Lagerbau befindet, so legen wir erst am bewaldeten Ufer an. Über eine steile und sehr rutschige Böschung klettern wir hinauf in den Wald. Schnell sind mit den Macheten ausreichend kräftige Stämme abgeschlagen und dürres Holz für das Lagerfeuer gesammelt. Wir bilden eine Menschenkette und verladen das Holz auf unserem Bongo. Nur mühevoll können Markus und Ivan über die Holzstämme auf ihre Sitzplätze klettern. Bodo, Mario und ich bleiben vorn im Bug und ersparen uns die wackelige Kletterei für die kurze Flussüberquerung.

 

Hilario sucht sich auf der Sandbank eine Anlegestelle, an der die Strömung nicht zu Eine Sandbank im Rio Casiquiare stark ist. Gleich nach dem Anlegen beginnen wir mit dem Abladen des Holzes. Aufgeregt fliegt ein Schwarm weißer Vögel mit schwarzen Flügeln und gelben Schnäbeln umher. Im Sand entdecke ich Fußspuren eines Vogels, die zu meinem Erstaunen annähernd so groß wie meine Schuhe sind. Von Mario erfahre ich, dass es die Abdrücke eines Garçon Soldado sind, einem bis zu 1,5 Meter großen Vogel. Des weiteren entdecken wir noch die Spuren eines großen Caimans im Sand.

 

Während wir wieder die Stämme in den Sand in der inzwischen bewährten Sternform eingraben, baut Hilario eine Feuerstelle und hängt an diesen den Grillrost. Tamaira beginnt Lagerbau auf der Sandbank sofort nach der Fertigstellung mit dem Braten der Fische. Wir dagegen haben uns beim Aufbau unseres Lagers wieder einmal in der Größe verschätzt. Die mitgebrachten Planen reichen nicht aus um alle Hängematten vor dem Regen zu schützen. Inzwischen ist es finster geworden und ein Blick auf den fast Vollmond am wolkenlosen Himmel lässt auf eine regenfreie Nacht hoffen. In Anbetracht der Tatsache, dass es schon finster ist und eine Änderung fast einem vollständigen Neuaufbau des Lagers bedeutet hätte, entscheide ich mich dazu, trotz Mario`s Bedenken, ohne Regenschutz auszukommen. Außerdem wächst in mir die Freude, einmal unter freien Himmel in einer Hängematte den Mond betrachten zu können. Sollte es wider erwarten doch anfangen zu regnen, solle ich Ivan wecken, um mit ihm dann seine Hängematte zu teilen.

 

Inzwischen liegt der ansonsten saftige Fisch schon wieder 1 3/4 Stunden auf dem Rost über dem Feuer. Warum das so ist, wissen wir ja schon seit dem dritten Tag auf der Insel im Delta von Ventuari. So essen wir erst gegen halb neun. Nach dem Essen gehen wir noch einmal in der vom Mond hell erleuchtenden Nacht Baden und Fischen. Dabei wird Mario im Wasser an seiner frischen Wunde am Knie von einem Fisch angeknabbert. Erschrocken schreit er auf und springt aus dem Fluss, doch schon gleich darauf ist er wieder drin, um sich die Seife abzuwaschen. Beim Fischen holt er schließlich ein interessanten Payara aus dem Wasser, dessen Eckzähne im Unterkiefer etwa 3 cm lang sind und bei geschlossenem Maul in Löchern im Oberkiefer verschwinden. Ein hartnäckiger Pirhana erwacht aus seiner Betäubung und springt wild zappelnd im Sand. Mit ihm testen wir seine Beißkraft und reizen ihn mit einem Stecken. Es dauert nicht lange, bis er den fast einen Zentimeter starken Ast durchgebissen hat.

 

Lange bleiben wir noch auf der Sandbank sitzen. Hilario holt aus der Kiste wieder eine Flasche Rum, die wir im Kreis herum reichen. So gegen halb zehn zeigt der Alkohol seine Wirkung und Mario und Markus gehen in die Hängematten. Bodo ist auch müde, aber Ivan und ich können ihn mit der Vorstellung, wie oft er wohl noch in seinem Leben auf einer Sandbank im Rio Casiquiare liegen kann, zum Aufbleiben überreden. Hilario und Tamaira haben sich auch schon auf ihr Boot zurück gezogen. Zwischendurch gehen wir noch auf die Suche nach brennbarem Treibholz und nach Caimanen, können aber nur drei ausmachen, die sich jedoch bei unserer Annäherung verziehen. Kurz nach Mitternacht haben wir das ganze Brennholz im Feuer verbrannt und nachdem die Suche nach Treibholz zu aufwendig ist, legen auch wir uns zum Schlafen. Zu unserer Freude bricht heute das Lager nicht zusammen.