15. Tag

Urwald-Camp im Rio Casiquiare

Freitag, 10.11.2000

 

Um 5:00 Uhr morgens werde ich durch ein lautes Platschen im Fluss am Ende unserer Sandbank geweckt. Ein großer Caiman geht wohl auf Jagd nach etwas Fressbarem. Es ist noch finster, das helle Mondlicht von gestern Abend ist weg und ich kann nichts erkennen. Es ist noch zu früh um aufzustehen. Da wir unsere Hängematten wieder alle an einen Hauptpfahl gebunden haben, würden die anderen durch das Gewackel auch geweckt werden. So bleibe ich liegen und lausche in den Regenwald. Auch er schläft noch, es ist nichts zu hören. Leise plätschert der Fluss an unserer Insel vorbei. Eine dreiviertel Stunde später kündigen zwitschernde Vögel und eine Horde Brüllaffen die nahende Morgendämmerung an. Mich kann jetzt nichts mehr halten und ich schäle vorsichtig aus meiner Hängematte und wecke Ivan. Vielleicht können wir diesmal einen Caiman fangen. Ausgerüstet mit der aus einem Bambusrohr gebastelten Falle und den Kameras machen wir uns auf die Suche. Doch von den vieren, die wir gestern Abend noch mit unseren Taschenlampen ausfindig gemacht haben, finden wir nur noch deren Fußspuren im Matsch. Schade, wir hätten gerne etwas Abwechslung in unserem Speiseplan und auch noch etwas zu Tauschen mit den Indianern gehabt. Dafür entdecken wir einen völlig Ameisen- und termitenfreien Baum, der am oberen Ende der Sandbank angeschwemmt wurde. Es gleicht einem Geschenk des Himmels, denn nach Tagen können wir endlich sorglos und in aller Ruhe unsere Morgentoilette auf dem "Donnerbalken" verrichten. Ein paar weiß-schwarze Fischreiher picken im seichten Wasser nach Futter. Es ist ein schöner sonniger Morgen.

 

Kurz vor sieben kriechen dann auch die anderen aus ihren Hängematten. Nachdem wir von unserem Rundgang zurückkommen, werden wir von Tamaira mit einer Tasse Kaffee begrüßt. Wir bauen unser Lager ab und verstauen die Hängematten in den wasserdichten Tonnen. Die Pfähle, die wir gestern Abend eingegraben haben, lassen wir stehen. Sollte sich doch jemand in diese einsame Gegend begeben, wird er sich sicher über ein nahezu fertiggestelltes Lager freuen.

 

Kurz vor acht legen wir dann schließlich ab. Wir müssen heute ein weites Stück fahren, damit wir morgen vormittag in Esmeralda ankommen, um noch Sprit zu kaufen. Sonntags ist nämlich die Tankstelle geschlossen und ein Tag Aufenthalt würde unseren Zeitplan völlig durcheinander bringen. Damit erklärt sich auch, warum Hilario gestern unbedingt weiterfahren wollte. Tamaira Unser Frühstückseimer mit Arepas macht uns Arepas zum Frühstück, die wir mit den Resten der gegrillten Fische vom Vorabend essen. Danach putzen wir unsere Pirhana-Köpfe, die wir unseren Kindern als Andenken mit nach Hause bringen wollen. Mit kleinen Klemmchen und geschnitzten Ästchen befreien wir die Knochen vom Fleisch und lassen sie dann in der Sonne trocknen. Der Rum von gestern abend hat mich ein wenig müde gemacht, schier endlos zieht sich der Fluss in einem grünen Schlauch. Ich mache es mir auf der Holzbank etwas bequem und mache ein kurzes Nickerchen. Auch die anderen dösen, außer Hilario natürlich.

 

Um 11:00 Uhr erreichen wir Capi Huara. Wir holen uns Mandarinen und Zitronen vom Baum, nehmen ein kurzes Bad und waschen unsere Wäsche. Im Wald hinter den Hütten schreit wieder eine Horde Brüllaffen. Gleich darauf erhalten sie von der anderen Flussseite Antwort. Hilario nutzt die Zeit um die Spritfässer zu wechseln und nach 40 Minuten fahren wir weiter. Ivan bastelt an seinem Payara-Kopf, der gestern beim Kochen leider zerfallen ist. Doch wie man ihn auch dreht und wendet, die Teile passen einfach nicht mehr zusammen. Dabei hat dieser Fisch ein so faszinierendes Gebiss. Zwei seiner Zähne sind so lang, dass sie bei geschlossenem Maul durch Löcher im Oberkiefer aus dem Schädeldach herausschauen. Man kann sich unschwer vorstellen, wie es Blick in den Regenwald den Opfern ergeht, die von einem etwa 60 cm langen Payara gebissen werden. Um halb eins ist das Mittagessen fertig - Hähnchen aus San Carlos mit Reis. Danach bastelt Ivan an seinen Pirhana-Köpfen weiter und ich helfe ihm beim Verknoten der Kiefer. Plötzlich verspüren wir einen leichten Ruck und hören ein schabendes Geräusch vom Bootsboden. Hilario kann dies im Heck durch den Motorenlärm nicht wahrnehmen und noch bevor wir ihn von der Gefahr warnen können, wird der Motor ruckartig abgewürgt. Wir haben einen unerkennbaren knapp unter der Wasseroberfläche liegenden umgestürzten Baum gestreift und die Schraube hat sich im Geäst verheddert. Zwar haben wir noch eine Ersatzschraube dabei, jedoch liegen die gefährlichen Steine und Sandbänke noch vor uns. Ich wage es nicht daran zu denken hier im Oberlauf des Casiquiare mit einem technischen Defekt liegen zu bleiben. Dass hier in dieser menschenleeren Gegend jemand vorbeikommt, käme einem Zufall gleich. .... . Doch wir haben Glück. Der Propeller blieb heil und der Motor springt, nachdem ihn Hilario vom Astwerk befreit hat, sofort wieder problemlos an. Wir setzten die Fahrt fort. Die ersten Bisse der Puripuri-Fliegen sind gerade am abheilen. Doch mit jedem neuen Biss fangen die alten auch wieder an zu jucken. Jeder von uns kratzt sich an einer anderen Stelle. Mario rät uns, nach der Ankunft in Caracas im Meer zu baden. Das Salzwasser lässt die Wunden schneller heilen und lindert den Juckreiz.

 

Gegen 16:15 Uhr legen wir auf der kleinen Insel, auf der wir am 10. Tag unseren Mittagsfisch gebraten und den Caiman zu fangen versucht haben, eine kurze Pause ein und fahren dann auch gleich wieder weiter. Durch die starke Gegenströmung kommen wir erheblich langsamer voran, als uns lieb ist. Es ist aussichtslos unser heutiges Ziel - Tamatama, wo wir die leeren Spritfässer deponiert haben - zu erreichen und eine Nachtfahrt ist aufgrund der Stromschnellen zu gefährlich und dadurch nicht möglich. So machen wir uns auf die Suche nach einem geeigneten Lagerplatz und werden auf einer kleinen Insel fündig. An einer von der Strömung geschützten Stelle machen wir fest und suchen nach einer Möglichkeit unsere Hängematten aufzuhängen. Doch es lässt sich nichts finden. Ein alter umgestürzter Baum verbindet die Insel mit dem Ufer. Wir nutzen diese "Brücke" und klettern der steilen Böschung nach oben. An einer ebenen Stelle wählen wir drei Bäume aus, die entsprechend weit auseinander stehen und ein gleichschenkliges Dreieck bilden. Hier werden wir unser Lager errichten. Zuerst muss die Fläche mit Hilfe unserer Macheten vom Unterholz und vom Laub befreit werden, damit sich keine ungebetenen Gäste, wie Schlangen oder ähnliches darin verstecken können. Wir fällen einen Baum und binden diesen mit Seilen quer in den Kerben fest, die wir zuvor in etwa 2 Metern Höhe in zwei Bäume geschlagen haben. Danach spannen wir noch drei weitere Seile als First und werfen die Plastikplanen als Schutz vor Regen darüber, die wir mit Paketschnur sichern. In der Zwischenzeit haben Bodo und Markus die Tonne mit den Hängematten vom Boot geholt, welche wir an den Querbalken binden und sie sternförmig mit dem Ivan und Mario versuchen es wieder mit Fischfang Baum gegenüber verknoten. Jetzt muss nur noch das Holz für das Feuer gesammelt und geschlagen werden. Völlig durchgeschwitzt kehren wir über den Baumstamm balancierend auf die Insel zurück. Während die einen an einer geschützten Stelle im Fluss baden und sich waschen, angeln die anderen gleich daneben und fangen einen Pavon und Pirhanas. Es ist schon ein unglaubliches Gefühl dort zu baden, wo sich auch die verrufenen Raubfische aufhalten. Doch unter Berücksichtigung der Verhaltensregeln mit diesen Fischen‚ ist wohl kaum von einer Gefahr aus zu gehen. Mehr schon von den Stachelwelsen, die sich hier zwischen den Steinen verstecken und den Stachelrochen, die sich im Sand der Sandbänke vergraben. Kurz vor dem Abendessen entzünden Ivan und ich oben beim Lager das Feuer, um mit dem Rauch auch noch die letzten unliebsamen Genossen zu vertreiben und kehren danach wieder zum Boot zurück. Obwohl das Feuer ziemlich groß und die Rauchentwicklung durch das feuchte Holz sehr stark ist, kann man hier vom Boot, nur etwa 20 Meter entfernt, nichts mehr davon sehen. Der dichte Wald verschlingt alles.

 

Tamaira verteilt das Abendessen. Es gibt Spaghetti mit Tomatensoße und Hühnerteile. Damit sind unsere Frischfleischvorräte aufgebraucht. Rum wird uns angeboten, doch heute lehnen wir dankend ab, es war gestern Abend wohl doch etwas viel. Ivans Jagdtrieb lässt ihn nicht lange auf dem Boot halten und so zieht er wieder bewaffnet mit Machete und Falle los um Caimane zu jagen. Kurze Zeit später kommt er wieder und berichtet von einem anderem großen Tier, das sich unweit von hier am Ufer gewaschen hat. Mario lässt sich von Hilario das Gewehr geben und folgt Ivan. Es hätte keinen Sinn gemacht, wenn wir alle losgestürmt wären, denn durch den Lärm wäre die Chance auf Erfolg wesentlich geringer gewesen. Deshalb bleiben wir auf dem Boot und warten auf einen Schuss. Doch stattdessen hören wir lautes Knacken und Rascheln eines scheinbar flüchtenden Tieres in der Nähe unseres Lagers. Ich gehe zu Mario und hole ihn und Ivan. Wir nehmen die Verfolgung auf, aber das Tier ist im Dickicht des Regenwaldes verschwunden und wir geben auf. Ein letztes mal werfen wir im Schein des Mondes unsere Angeln aus, jedoch beißt keiner mehr an. Die Fische von vorhin lassen wir auf den Steinen neben Marios Angelkasten liegen. Sie werden wir morgen zu Fischsuppe verkochen. Um 21:45 verabschieden wir uns von Hilario und Tamaira, die wie immer auf dem Boot schlafen und gehen ins Lager. Wir werfen noch einmal Holz ins Feuer und unterhalten uns bei einer Zigarette noch ein bisschen, bis wir es uns irgendwann in unseren Hängematten bequem machen und schlafen. Nachts um eins wacht Mario wegen ein paar ungewöhnliche Geräusche auf und geht nachschauen. Zwei große Caimane tummeln sich an der Stelle, an der wir heute Abend gebadet und geangelt haben. Er holt uns, doch als wir zu der Stelle hin schleichen, waren sie auch schon wieder verschwunden. Ebenso unsere Fische. Einsam und allein steht der Angelkasten auf dem Stein. Gegen fünf wache ich wieder auf. Es ist stock duster. Ich bleibe liegen und lausche in den Wald: überall Knistern und Knacken, Rascheln und Vogelgezwitscher. Faszinierend. 5:45 Uhr, es wird wieder hell.