16. Tag

Bella Vista - Wieder bei Aldo

Samstag, 11.11.2000

 

Kurz vor Sonnenaufgang wecke ich Ivan, denn wir wollen auf die Jagd gehen, um Kurz nach Sonnenaufgang werden alle geweckt Frischfleisch zu besorgen. Dafür gibt uns Mario das Gewehr mit. Also verlassen wir das Lager und marschieren erst einmal oberhalb des Ufers entlang flussaufwärts. Wir hoffen, am Ufer das Tier zu finden, das wir gestern Abend jagten. Aber es ist nichts auszumachen und wir laufen leise und wortlos tiefer in den Wald. Von überall her hören wir Geräusche, aber sehen können wir außer ein paar Vögel und Insekten nichts. Eigentlich wissen wir ja wenig über die Jagdmethoden, vielleicht sind wir trotz unserer Vorsicht zu laut, oder die Windrichtung stimmt nicht und die Tiere riechen die Gefahr. Am ehesten stehen Hunderte von Ebern und Sauen hinter den Bäumen neben uns und lachen sich einen ab. Jedenfalls brechen wir unsere Jagd nach einer Stunde unverrichteter Dinge wieder ab und kehren zurück ins Lager. Die anderen sind schon dabei ihre Hängematten auf zu rollen und verstauen diese in unserer Tonne. Vor unserer Abfahrt nehmen wir noch ein ausgiebiges Bad im Fluss.

 

Langsam wird der Fluss wieder schmaler. Der Wasserstand ist seit unserer Hinfahrt weiter gefallen. Immer häufiger sehen wir Sandbänke, die vor ein paar Tagen noch nicht zu sehen waren. Hilario wechselt stets von einer Flussseite auf die andere, bis sich kurz nach acht Sind auf einer Sandbank aufgelaufen, deswegen müssen wir unser Bongo schieben. plötzlich hinter unserem Boot große Wellen bilden. Hilario drosselt den Motor und nach einem Ruck bleiben wir auf einer versteckten Sandbank hängen. Hilario hebt noch schnell den Motor, bevor sich die Schraube in den Sand gräbt. Die Strömung reicht nicht aus um unser zweieinhalb Tonnengefährt vom Untergrund zu spülen. Nun müssen wir raus. Wir ziehen uns unsere Wassersandalen an, um uns vor den Stachelrochen zu schützen, die sich häufig im Sand vergraben. Wir drehen das Boot, um auch die Strömung des Flusses helfen zu lassen und hoffen es wieder in tieferes Gewässer schieben zu können. Zum Glück sind wir nicht all zu weit auf Grund gelaufen. Ein paar Zentimeter weniger Wasserstand und wir hätten zuerst das Boot entladen müssen. Das Boot bewegt sich langsam. Nach ein paar Metern verliere ich den Boden unter meinen Füssen und ich versinke im Wasser. Das Ende der Sandbank ist erreicht. Da ich der Vorderste war, können nun die anderen abschätzen, wo das Ende ist und rechtzeitig ins Boot klettern. Nach guten zehn Minuten können wir die Fahrt fortsetzen.

 

Kurze Zeit später legen wir eine Angelpause ein. Es ist wieder die Stelle, an der wir bei der Hinfahrt reiche Beute machten. Doch leider verhängt sich der Haken bei meinem ersten Auswurf im Geäst eines Baumes. Als dieser dann schließlich beim Versuch den Haken zu befreien abbricht und ins Wasser fällt, haben sich die Fische versteckt. Die Ausbeute ist deshalb nicht so groß. Nach einer Stunde haben wir lediglich 4 Pavon und einen Pirhaņa gefangen, dafür sind wir wieder ausreichend mit Bissen der Puripuri eingedeckt worden.

 

Auf der Weiterfahrt frühstücken wir Arepas mit Fisch von gestern Abend. Leider kann ich heute nicht filmen, da es - wen wundert es - beim letzten Ladevorgang des Akkus einen Kurzschluss Der pure Stress eines Reiseleiterīs gab. Hilario möchte heute Nachmittag in Esmeralda versuchen das Ladegerät wieder zu reparieren. Ivan verbringt die Zeit mit Schleifen der Macheten und dem Sortieren seiner Käfer. Markus schläft, wie fast immer. Mario stresst sich gerade mit seiner Arbeit als Reiseleiter - er döst auch. Bodo und ich betrachten den vorbeiziehenden Urwald, immer wieder in der Erwartung etwas Aufregendes zu entdecken.

 

Kurz vor der Mündung bzw. Abzweigung aus dem Orinoco können wir dann schließlich eine Rarität ausmachen. Auf einem Stein im Fluss haben sich 3 äußerst seltene Königsgeier niedergelassen um Königsgeier erwarteten uns nach der nächsten Flussbiegung. einen Kadaver zu vertilgen. Hilario hat sie auch erkannt und drosselt die Geschwindigkeit, damit wir Zeit genug zu fotografieren haben. Die Geier jedoch lassen sich durch unsere Nähe kaum aus der Ruhe bringen und ziehen sich erst langsam zurück, als wir fast direkt neben ihnen sind. Danach bittet uns Mario langsam wieder unsere Sachen zusammen zu packen, denn El Cajal liegt kurz vor uns und von da an ist es auch nicht mehr recht weit bis nach Tamatama.. Dort muss es dann schnell gehen, damit Hilario noch nach Esmeralda zum Tanken fahren kann.

 

In einer Rechtskurve können wir den kahlen Baum ausmachen, der als Zeichen für die Einfahrt in den Orinoco gilt und nach wenigen Minuten spuckt uns der Casiquiare in die Weiten des großen Flusses, den wir flussaufwärts folgen. Riesig liegt der Duida-Tepui vor uns. Die Kontrolle in der Station der Guardia nacional verläuft zügig, und wir erreichen bald darauf die Abzweigung des Rio Tamatama. Inzwischen hat Hilario Mario zu sich nach hinten ins Heck gerufen und bei der Ankunft bei Santos in Tamatama erfahren wir von Mario auch den Grund. Es ist Samstag Nachmittag und vermutlich hat die Tankstelle ihr heutiges Kontingent an Sprit bereits verkauft. Morgen ist Sonntag und da ist die Tankstelle geschlossen. Also bekommen wir frühestens am Montag Vormittag wieder Sprit. Andernfalls müssten die verbleibenden 220 Liter Sprit ausreichen, um bei der derzeitig herrschenden Strömung des Orinoco bis nach San Fernando zu kommen. Da uns auch Aldo angeboten hat, uns mit seinem Boot die kleinen Schwarzwasserflüsse zu erkunden, ist auch der Entschluss zu Weiterfahrt schnell gefunden.

 

Bei Santos holen wir noch schnell die 3 leeren Fässer ab. Er selbst ist nicht zu Hause, Cerro Cariche am Rio Orinoco jedoch hinterlässt Mario eine Nachricht, damit er über den Verbleib der Fässer informiert ist. Gleich darauf sind wir wieder auf dem Fluss unterwegs Richtung Bella Vista. Die Fahrt geht zügig voran. Unterwegs befüllen Mario und Ivan ein neues Spritfass und lassen es nach hinten zu Hilario treiben. Dabei bekommt Ivan einen Tropfen Sprit ins Auge und klemmt sich auch noch den Finger zwischen zwei Fässern ein. Doch der Schmerz ist bald vergessen, denn wir freuen uns riesig auf die Zeit mit Aldo in Bella Vista. Froh gelaunt lassen wir uns die langsam sinkende Sonne auf den Bauch brennen.

 

Bei einem Abstecher in den Rio Cunucunuma, einem Schwarzwasserfluss, der aus dem Duida- und dem Marawaka-Gebiet sein Wasser erhält, befüllen wir unsere Wasserkanister neu. Das Wasser Markus filtert unser Trinkwasser filtern wir mit unserem extra für diese Tour gekauften Keramikfilter. Doch die Arbeit ist sehr anstrengend, denn im Nu sind die feinen Poren des Keramiks verstopft und wir schwitzen mehr Wasser als wir filtern können. Mario belustigt sich an uns. Noch nie hat er sein Trinkwasser separat gereinigt.

 

Gegen vier Uhr kommen wir nach LaoLao und machen halt, um uns nach dem Befinden der Kinder zu erkundigen. Bei einem der Kinder ist der Husten weg und der Durchfall besser geworden. Beim anderen jedoch wurde der Stuhl blutig und die Eltern sind mit dem Kind zum Arzt gefahren. Wir wünschten den Kindern gute Besserung und verabschiedeten uns von Jesus, dem Dorfvorstand.

 

Unmittelbar vor Sonnenuntergang erreichten wir Bella Vista. Atemberaubend orange leuchtet der abendliche Himmel. Wir werden wie alte Bekannte begrüßt und Mario geht mit Aldo hinauf zu seinem Haus. Die kurze Zeit, in der es noch hell genug ist, nutzen wir um zu Angeln, haben jedoch keinen Erfolg. Wir dürfen heute Nacht wieder im Kulturhaus übernachten, holen die Tonne mit den Hängematten vom Boot und hängen diese wieder oben in das große Haus. Nach unserer Rückkehr beobachten wir die Kinder, die versuchen einen Stecken im Fluss zu erreichen. Sie schreien und jubeln und führen uns ihre Kunststücke vor. Es ist schon bemerkenswert, wie sich die Kinder hier an einem so banalen Holzstecken erfreuen können und sich unsere vor lauter Spielzeug und Playstation langweilen. Bald werden auch wir von der Freude der Kinder angesteckt und wir machen mit ihnen ein regelrechtes Wettschwimmen zu diesem Stecken. Mario und Bodo gehen noch einen Schritt weiter und versuchen zu einem Stein stromaufwärts zu schwimmen. Auch sie jubeln wie Kinder, nachdem sie diesen schließlich erreicht haben.

 

Die Frauen und die Kinder haben inzwischen das Bad am Fluss verlassen und nun kommen die Männer des Dorfes, um sich zu waschen. Wir schließen uns ihnen an und reinigen gleichzeitig unsere Wäsche, bis gegen 20:00 Uhr Tamaira zum Essen ruft. Sie hat Aross à la cubana (Reis mit Bohnen und Ei) für uns gemacht. Ivan fühlt sich danach nicht mehr so wohl, ihm ist übel und schwindelig. Er vermutet heute Nachmittag zu viel Sonne abbekommen zu haben und geht zeitig zu Bett. Auch wir anderen sind durch den Wettkampf mit den Kindern auch sehr müde geworden und folgen ihm kurze Zeit später hinauf ins Kulturhaus.