17. Tag

Bella Vista - Lagune von Serro Cariche

Sonntag, 12.11.2000

 

Es ist noch stockfinster, als ich aufwache. Vielleicht bin ich gestern zu bald ins Bett gegangen. Oder war es das Tier, das sich aus dem Palmendach ein paar Zweige zupft? Mit der Taschenlampe kann ich nichts entdecken, außer dass ab und zu ein paar Halme von der Decke auf mein Moskitonetz fallen. Zum Aufstehen ist es noch zu bald und ich warte bis der Himmel am Horizont heller wird, den ich durch das Fenster von meiner Hängematte gut sehen kann. Ich brauche nicht all zu lange warten. Ich stehe auf und setze mich vor dam Haus auf die Betontreppen und beobachte die Umgebung. Es ist ein Wahnsinns Sonnenaufgang. Hunderte von Schäfchenwolken färben sich noch bevor die Sonne zu sehen ist glutrot, dazwischen der dunkelblaue, fast schwarze Himmel. Ein Ara-Paar kommt von der anderen Flussseite herübergeflogen und verschwindet hinter mir im Wald. Kurze Zeit später fliegt eine Gruppe Loros vorüber. Schade, dass ich Ivan nicht wecken durfte. Er hatte mich darum gebeten, da es ihm gestern Abend nicht besonders gut ging. Zwei Indianer sind auch schon auf. Sie treffen sich vor einem Haus und gehen dann gemeinsam über den Fußweg beim Fußballplatz in den Wald. Aber der Tagesanbruch bringt nicht nur Erfreuliches, sondern weckt auch die Puripuris. Mir wird es zu lästig und gehe wieder zurück ins Haus. Anfänglich denke ich, ich könne es mir auf den Schulstühlen bequem machen, aber dann lege ich mich doch wieder in die Hängematte.

 

Um sieben Uhr wachen die anderen auf. Ich berichte Ivan von dem sagenhaften Sonnenaufgang und wie erwartet, kassiere ich erst einmal meinen Anpfiff, warum ich ihn denn nicht geweckt hätte. Wir binden die Hängematten hoch, damit man unter ihnen hindurch laufen kann, und gehen anschließend hinunter zum Boot. Mario macht zum Frühstück Grümpelsuppe, Spätzle in gezuckerter Milchsoße, dazu Kaffee. Um Acht wollte eigentlich Aldo kommen, um uns zum Jagen ab zu holen. Mit einer halben Stunde Verspätung kommt Aldo zu uns auf das Boot und sagt uns auf Fahrt durch umgestürzte Bäume Spanisch, dass aus der Jagd wohl nichts werde, da ein paar andere aus seinem Dorf den Jagdhund mitgenommen haben. Also wird umgeplant. Ivan mutmaßt, dass uns Aldo schonen wollte, denn so eine Jagd mit Hund ist schon sehr anstrengend. Hat dieser Witterung aufgenommen, gibt es nur eines: rennen, rennen, rennen... .

 

Wir besteigen Aldos Metallboot und Antonio, der Motorrist, jagt mit Höchstgeschwindigkeit den Fluss hinunter. Dabei berührt das Boot höchstens noch mit dem hinteren Drittel die Wasseroberfläche. Wir werden auch von Aldo´s Sohn Noel begleitet. Nach Unsere Fahrt durch die umgestürzten Bäume. einer guten halben Stunde, in der Nähe des Cerro Cariche, biegen wir nach links in einen schmalen Seitenarm und folgen diesem noch weitere 10 Minuten, nun jedoch etwas langsamer. Wir biegen nochmals links in einen weiteren kleinen Seitenarm, der diesmal Schwarzwasser führt. Deutlich sieht man die Grenze zwischen dem schwarzen und dem braunen schlammigen Orinocowasser. So haben wir uns eigentlich den Casiquiare vorgestellt. Schmal, etwa 10 Meter breit, umgefallene Bäume versperren den Weg. Drüber, unten durch oder gar mitten durchs Geäst schiebend, bahnen wir uns den Weg bis sich der Fluss zu einer großen Lagune weitet.

 

Inselförmig stehen Stangenwälder in dem glasklaren Wasser. Der Versuch Fische zu fangen scheitert, obwohl wir mehrfach den Standort und die Technik ändern. Am Ufer vor uns Die Räucherstelle der Indianer für Fische. sehen wir Rauch aufsteigen und fahren dorthin. Wir treffen Carlos, einem Curipaco-Indianer aus dem Dorf Cariche, das sich etwas weiter unten am Orinoco befindet. Er räuchert über einem Holzgestell Fische über dem Feuer. Seine zwei Söhne sind auch dabei, sie dürften in etwa so alt sein wie mein 10-jähriger Sohn Christoph. Was wird er wohl gerade machen? Ob er mich vermisst? Ich werde es wohl erst nach unserer Rückkehr erfahren.

 

Nach einem kurzen Gespräch fahren wir zu einer kleinen Halbinsel mit zwei verfallenen Hütten. Die Steine davor laden zum Baden ein. Es ist herrlich. Durch das dunkle Wasser beobachten wir die Welse zwischen den Steinen. Nach einer dreiviertel Stunde machen wir uns auf den Rückweg, wieder den schmalen Fluss hinunter. Wir versuchen unser Glück beim Angeln und Ivan badet im Schwarzwasser ziehen 6 Welse und einen Pirhaņa an Bord. Am Ende des Schwarzwasserflusses biegen wir dann wieder in den Seitenarm des Orinoco, diesmal wieder nach links und fahren zu Carlos nach Cariche.

 

Über einen natürlichen Steinpfad gelangen wir in das Dorf mit einem sandigen Dorfplatz. Zu beiden Seiten stehen nacheinander ein paar Holzhäuser mit Lehmwänden und Palmendächer. Wir werden zum Dorfvorstand in ein Haus mit mehreren Männern gebracht. Während sich Aldo, Mario und die anderen unterhalten, beobachte ich ein kleines, etwa eineinhalb Unsere Fahrt durch die umgestürzten Bäume jähriges Kind, das sich, während es mich permanent beobachtet, stetig einen Batzen Hirsebrei oder so etwas ähnliches im Gesicht verreibt. Bei dem Gespräch erfährt Mario, dass noch heute eine Familie nach Esmeralda fährt, um dort ihre Fische und andere Sachen zu verkaufen. Mario bittet sie, in Bella Vista vorbei zukommen und für uns ein Fass Sprit mit zubringen. Danach verlassen wir das Haus und gehen zu einem Haus auf der anderen Seite des Dorfplatzes. Wir kaufen für umgerechnet 6,60 DM zwei große Ananas. Ich finde dies etwas überteuert, aber was soll es. Wir verabschieden uns von den Männern und gehen zurück zum Boot, jedoch müssen wir noch 20 Minuten auf Aldo warten, da er noch etwas mit Carlos ausgehandelt. hat. Derweilen verspeisen wir die erste Ananas.

 

Wieder mit Höchstgeschwindigkeit fliegen wir über die Wellen des Flusses zurück nach Bella Vista, wo wir gegen 4 Uhr nachmittags ankommen. Dort filtern wir noch einen Eimer Wasser und gehen anschließend baden. Den Fisch gaben wir Aldo. Seine Frau kocht uns davon für heute Abend eine Indianische Fischsuppe. Wir werden zu ihm nach Hause eingeladen. Der Sonnenuntergang fällt heute wieder einmal sehr farbenfroh aus. Angeblich soll sich nur hier im Bundesstaat Amazonas der Himmel in türkis färben. Und tatsächlich, bei der nur etwa 15 Minuten andauernden Dämmerung erscheint der Himmel in nur einem kurzen Augeblick in dieser Farbe. Ob dies nun wirklich nur in Amazonas so ist, kann ich nicht sagen, da ich bei meinen anderen Reisen in die Tropen noch nie so darauf geachtet habe. Plötzlich steht Antonio mit seinem Sohn neben uns. Der Kleine hat sich gestern eine Kopfplatzwunde zugezogen und wir sollten uns diese einmal ansehen. Da die Wunde schon über einen Tag alt, nicht tief und außerdem schon etwas belegt ist, behandeln wir nur mit einer Desinfektion. Wir verabreden uns für Morgen zu einer weiteren Begutachtung.

 

Kurz vor Sieben holt uns Mario zum Essen ab. Wir folgen ihm und gehen zu Aldo ins Haus. Dort setzen wir uns im Vorraum auf eine Bank. Ein großer runder Tisch wird zurecht gerückt. Eine Frau bringt zuerst Teller und Löffel und etwas später einen großen verbeulten Eisentopf. Darin befindet sich eine klare Suppe mit Fischteilen und roten Peperoni. Dazu gibt es Casave und Yucuta, einem Getränk aus Wasser und Maniokbröseln. Wir schwitzen, doch nach dem Genuss der scharfen Suppe treibt es uns erst recht den Schweiß aus den Poren. Nach einer Stunde verabschieden wir uns von der Familie und kehren wir zurück zum Boot.

 

Dort verspeisen wir noch die letzte Ananas, die wir in Cariche kauften. Kurze Zeit später legt neben uns ein Boot an. Es ist die Familie, die uns heute versprach, Sprit aus Esmeralda mit zu bringen. Wir laden zwei leere Fässer auf das kleine Bongo und geben der Familie das Geld mit. Wir verabschieden uns und schon bald ist das Boot im Schein des Mondes außer Sichtweite. Wir unterhalten uns noch ein wenig, als neben uns Aldo erscheint und sich zu uns aufs Boot gesellt. Wir planen den nächsten Tag. Er würde gerne eine Tour durch den Regenwald auf den Cerro Pelado machen. Wir stimmen dem zu.

 

Draußen am Fluss hören wir plötzlich starkes Geplätscher. Dort jagen Laolaos, erfahren wir von Aldo. Ivan ist davon so sehr inspiriert, dass er gleich einen ganzen Pirhaņa Die Lagune von Cariche. an einen Haken hängt und diesen weit hinaus zu den Fischen wirft. Nicht nur er wird vom Jagdfieber gepackt. Auch Mario und Hilario ziehen los. Somit beginnen zwei kleinere Katastrophen. Die erste: Der Auswurf des Pirhaņas von Ivan misslingt und beim Einholen der Schnur bleibt der Haken an einem Ast im Fluss hängen und reißt ab. Damit hat er ein Problem, denn der Riesenhaken gehörte seinem Bruder. Außerdem hat er mit ihm noch seinen gesamten Bestand an Blei (300 Gramm) und den Köderfisch verloren. Die zweite kleine Katastrophe ist etwas schmerzhafter: Bei einer kleinen Auseinandersetzung zwischen Mario und Hilario um einen kleinen gefangenen Wels als Köder, fällt dieser auf den Boden. Damit dieser nicht wieder in der Fluss springt, tritt Mario mit dem Schuh auf den kleinen Wels, um ihn fest zu halten. Bekanntlich haben die meisten Welse an ihrem Rücken häufig auch giftige, stachelartige Fortsätze, die sie bei Gefahr abspreizen. Dieser bohrte sich nun durch Marios Schuhsohle und bleibt mit seinem Widerhaken in seinem Fußballen stecken.

 

Auf den ersten Blick sieht es ja recht lustig aus: Der kleine zappelnde Fisch in Mario´s Schuhsohle, aber nachdem sich Mario durch das Gift Schmerz geplagt am Boden wälzt, ist Eile geboten. Den Schuh einfach ausziehen geht nicht. So ziehen wir mit einem Ruck den Wels aus dem Schuh. Mit heißem Wasser, das Tamaira gerade gekocht hat, spült Ivan die Wunde aus, um das Gift gerinnen zu lassen. Mit PVP (einer Jodtinktur) desinfizieren wir die Wunde und legen noch einen Verband an.

 

Für die anstrengenden Tour sollten wir uns - so rät uns Mario - ausruhen und rechtzeitig ins Bett gehen. So verlassen wir gegen 22:00 Uhr das Boot und marschieren hoch ins Kulturhaus um uns nieder zu legen. Anfänglich schlafe ich gut, jedoch habe ich irgendwann wieder einmal eine meiner Hunderte Puripuribisse gereizt und das Jucken lässt mich aufwachen. Ich versuche mir immer wieder einzureden `Es juckt nicht !!´, aber es hilft nicht. Erst nach etwa zwei Stunden schlafe ich wieder ein.