18. Tag

Bella Vista - Serro Pelado

Montag, 13.11.2000

 

Morgens um 6:30 Uhr stehen wir wieder auf und ziehen unsere Hängematten hinauf an die Balken. Sofort gehen wir hinunter zum Boot um zu Frühstücken. Aldo ist auch bereits da und wenig später kommt Antonio mit seinem Kind. Der weiße Belag auf seiner alten Kopfplatzwunde ist weg, wir desinfizieren die Wunde ein weiteres Mal und verabreden uns für heute Abend auf ein neues.

 

Nach dem Essen besteigen wir zusammen mit Aldo und Antonio das Aluminium-Boot und brausen wieder wie gestern mit Höchstgeschwindigkeit flussabwärts. Nach 10 Minuten biegen wir in den Caņo Bocón, einem Fluss, der nach dem gleichnamigen Fisch (Großmaulfisch) benannt wurde. An der Einfahrt des Flusses entdecken wir auf einem Baum 4 Chechenas, große braune Vögel, deren Jungtiere Krallen an den Flügelspitzen haben. Sollten sie einmal aus dem Nest stürzen, können sie mit deren Hilfe den Stamm entlang wieder hinauf in das Nest krabbeln. Im Kriechtempo tuckern wir den Fluss mit seinen engen Windungen hinauf. Eine gute Gelegenheit um nach Tieren Ausschau zu halten. Man zeigt uns den Ein- und Ausstieg eines Tapirs und noch vieles mehr.

 

Nach einer halben Stunde machen wir in einer Biegung am Ufer fest. Von nun an geht es zu Fuß weiter. Wir empfinden den Wald als angenehm kühl, doch der Schein trügt. Nach 15 Minuten Fußmarsch ist das T-Shirt nass, nach einer Stunde ist die Feuchtigkeitsaufnahme des Stoffes erreicht und der Schweiß läuft den Hosenbeinen entlang in die Schuhe. Ich kann nicht abschätzen, wie viel Wasser wir an diesem Tag verlieren werden. Unsere Trinkflaschen sind bereits nach einer halben Stunde leer.

 

Wortlos laufen wir so leise wie möglich hintereinander über den weichen mit Laub bedeckten, kaum sichtbaren Weg. Aldo voran. Jeder ist mit irgendetwas bewaffnet, mit Macheten oder Gewehren und ich mit Foto und Video. Heute kann ich wieder filmen, denn Aldo hat gestern das Stromaggregat länger laufen lassen und meine Akkus wieder geladen. Aldo bleibt stehen, hebt einen Frosch vom Boden, drückt mit dem Finger auf den Bauch und erzählt uns eine Indianerweisheit:

Hat der Frosch was im Bauch gibt es heute abend etwas zu Essen. Hat er dagegen nur Wasser im Bauch Bleibt auch bei uns der Magen leer.

Er hat etwas im Magen, dann wird wohl unser Abendessen gesichert sein.

 

Auf dem Weiterweg bleibt Antonio vor einem sauber geputztem, etwa 10 cm großen Loch im Boden unter einem Baum stehen und lockt mit einer dünnen Liane mit Drehbewegungen eine Vogelspinne aus ihrem Bau. Behutsam greift er sie und zeigt uns deren riesige Giftzähne. Auf dem Weiterweg werden uns Spuren eines Jaguars, der Schlafplatz eines Tapirs, sowie mehrere Bauten der schmackhaften Lappas und von Gürteltieren gezeigt. In den Baumwipfel können wir Ducane sehen. Der Weg ist für uns kaum sichtbar, stellenweise durch umgestürzte Bäume blockiert, teils wieder zugewachsen. Dann wird er mit den Macheten freigeschlagen.

 

Plötzlich hören wir lautes Rascheln im Urwalddach. Eine Herde Affen flieht aufgeregt in den Baumwipfeln. Wir bleiben stehen und verhalten uns ruhig. Aldo zielt kurz mit dem Gewehr und schießt. Gleich darauf Antonio noch ein zweites mal in die gleiche Richtung. Jedoch ist die Durchschlagkraft der Schrotgewehre in 20 Metern Höhe nicht mehr sehr hoch. Verletzt bleibt ein Affe in einem Ast hängen. Um sein Leiden zu verkürzen, klettert Aldo an einer Liane hinauf, holt den Affen vom Baum und tötet ihn. Wir legen ihn in einen nahe gelegenen Bachlauf und bedecken ihn mit Blättern, um ihn nicht der Witterung der anderen Tiere auszusetzen. Der Affe soll heute Abend gekocht werden, und Aldo lädt uns dazu ein. Die Weisheit mit dem Frosch hat sich als bewahrheitet. Wir sind schon sehr gespannt.

 

Ein Stückchen weiter ist ein weiterer Bach. Wir sind schon völlig durchgeschwitzt und Die Besteigung des Cerro Pelado. Mario empfiehlt, uns hier noch etwas zu erfrischen, denn der weitere Weg wird sehr beschwerlich. Nach einer kurzen Pause geht es weiter. Mit jedem Meter, den wir an Höhe gewinnen, wird es deutlich wärmer. An einem steilen Felsblock angekommen wird alles unnötige abgelegt. Schließlich müssen wir nun an Lianen den Felsen hinauf klettern und nach einem kurzen Quergang geht es weiter durch eine Felsspalte nach oben, bis wir auf einem Plateau die Aussicht über den Urwald genießen können. Noch ein paar hundert Meter weiter durch einen Wald, dann stehen wir am Gipfel des Cerro Pelado (Glatzenberg). Die Sonne heizt das rotschwarze Gestein auf. Es ist brütend heiß und die Kleidung tropft vom Schweiß. Dafür ist die Aussicht atemberaubend. Richtung Süden können Blick vom Cerro Pelado. wir über die ebene Landschaft bis zu einer Berggruppe am Rio Casiquiare blicken, vom nahegelegenen Orinoco ist dagegen kaum etwas zu sehen. Hinter uns beginnt eine Hügellandschaft.

 

Aldo berichtet uns von einem Wasserfall, den sie manchmal nach Regenfällen hören, jedoch haben sie es bis jetzt noch nicht geschafft, nach ihm zu suchen. Außerdem würde er gerne nach der Quelle des Baches, in dem wir uns vorhin erfrischt haben, suchen. Wenn wir wollten, könnten wir jetzt dieses machen. Wenn nicht zufällig ein Indianer beim Jagen vorbei kam, war dort wohl noch nie ein Mensch gewesen. Wir starten also unsere Expedition am Cerro Pelado auf der Suche nach dem Ursprung des Rio "?" .

 

Wir versammeln uns wieder und steigen nun seitlich in westlicher Richtung hinab in den Wald. Undurchdringlich, teils vor unüberwindbaren Felsabbrüchen stehend oder bis zu den Knöcheln "Die Majekoze Quelle" am Cerro Pelado. im Schlamm watend suchen wir nach einer Möglichkeit weiter zu kommen. Aldo und Antonio schlagen uns mit den Macheten den Weg frei. Wir finden ein zur Zeit trockenes Bachbett, das sich wohl nach Regenfällen füllt und über einen steilen Felsen einen Wasserfall bildet. Aldo denkt, nun den Wasserfall gefunden zu haben. Ein kleines Rinnsal versiegt schon nach wenigen Metern wieder in der weichen Erde. Kurze Zeit später stehen wir an einem etwa 2 x 2 Meter großen und 50 cm tiefen mit Wasser gefüllten Becken, aus dem ein Bächlein abfließt. Die Quelle ist entdeckt und Mario meint: `Sie wird nun Majekoze-Quelle, nach ihren Entdeckern Mayer, Jenewein, Kovac und Zeh, genannt werden und in die Geschichte der Welt eingehen´. Wir folgen dem Bachlauf, sehen dabei noch Spuren eines kürzlich vorbei gelaufenen Rehes und kommen schließlich an die Stelle, an der wir uns vorhin erfrischt haben. Aldo, Mario, Markus und Bodo müssen nun noch einmal den Berg hinauflaufen, bis zu der Stelle, an der sie ihre Rucksäcke stehen ließen. Da Ivan in seinem meine Video- und Fotoausrüstung trug, konnten wir uns diesen Weg ersparen. Zusammen mit Antonio blieben wir zurück.

 

Während die anderen fort sind, schlägt Antonio einen großen Palmwedel ab und teilt ihn in 4 Teile. Diese legt er sich zurecht und beginnt sie miteinander zu verflechten. Es entsteht ein ca. 60 cm großer, nach oben offener Korb. In diesen legt er ein zurechtgeschnittenes Blatt Ein Öko-Rucksack aus Palmenblätter erstellt. eines Bananenbaumes als Auskleidung. Danach holt er aus dem anderen Bach den toten Affen und legt diesen in den Korb. Die Enden der Palmwedel werden noch einmal verknotet und aus abgeschnittener Rinde Tragegurte befestigt. Fertig ist der Öko-Rucksack.

 

Bald darauf kommen auch die anderen wieder zurück. Nach einem kurzen Erfrischungsbad im Bach beginnen wir am frühen Nachmittag mit dem Rückweg. Ivan will unbedingt selbst noch eine Vogelspinne fangen und setzt sich mit Antonio vor ein Nest und beginnt das Vieh mit einer kleinen Liane zu reizen. Es dauert nicht lange und das Handteller große Tier krabbelt aus dem Bau. Wir marschieren noch eine Stunde, bis wir wieder beim Boot ankommen.

 

Auf der Rückfahrt angeln Mario und Ivan wieder an unterschiedlichen Stellen und ziehen insgesamt 5 Payaras, 1 Riesenpavon und 2 Pirhaņas aus dem Wasser. Während einer dieser Angelstopps taucht in einer Bucht ein Fischotter auf, der zuerst auf uns zuschwimmt, sich aber doch in einem im Wasser liegenden Baum versteckt, um uns zu beobachten. Wir tun das Gleiche mit ihm und scheinbar wird ihm das zu langweilig und verschwindet wieder. Weiter flussabwärts können wir noch eine Horde Affen beobachten, wie sie in den Baumwipfeln herum klettern.

 

An der Einmündung zum Orinoco treffen wir auf Hilario mit unserem Bongo beim Angeln. Tamaira hat uns eine Kürbissuppe gekocht, die wir kurz nach unserer Ankunft in Bella Vista essen. Gleich nach unserer Ankunft stürzen wir uns aber erst einmal mit unserer vom Schweiß nassen Kleidung in den Fluss. Wir waschen erst unsere Wäsche, dann uns selbst. Während wir unsere Kürbissuppe essen, nähert sich ein kleines Bongo mit extremen Tiefgang. Es ist die Familie aus Cariche mit unseren Spritfässern. Ich überlege mir, wie sich ein so beladenes Bongo verhält, wenn Wasser über die Bordwand schwappt. Was machen die Eltern mit den 3 kleinen Kindern, wenn das Boot mitten am Fluss kentert? Mario erzählt uns, was er vor einigen Jahren gehört hat. Damals war ein Indianer namens Monsolini mit seinem Sohn nachts auf dem Orinoco unterwegs, übersah in der Finsternis ein paar Steine und rammte sie. Dabei brach der Motor ab und fiel ins Wasser. Seine größte Sorge galt dem Motor, denn - so sagte er - es ist schwieriger einen neuen Motor zubekommen, als ein Kind zu zeugen. Sein Sohn kam damals bei dem Unfall beinahe ums Leben. Die Geschichte stimmt mich nachdenklich.

 

Ich sitze am Ufer des Flusses, als Antonio auf mich zukommt. Auf Spanisch, was ich ja nicht verstehe, und gestikulierend fordert er mich zum Mitkommen auf. Im Wald hat er bemerkt, Aldo zeigt uns wie aus einem Blatt Teller hergestellt wurden. dass ich mit dem Fotoapparat ständig auf der Suche nach Motiven war. Er bringt mich zu einem Baum, auf dem sich 3 große grüne Papageien nieder gelassen haben, doch noch bevor ich sie mit der Linse fokussieren kann, fliegen sie davon. Ivan hat in der Zwischenzeit damit begonnen, den gefangenen Fisch aus zu nehmen. Wir geben ihn Antonio, damit er ihn im Dorf verteilen kann. Wir bekommen ja heute noch den Affen.

 

Wenig später kommt Hilario von Aldo´s Haus zurück. Er hat dort über Funk Kontakt mit der Agentur in Puerto Ayacucho aufgenommen. Er berichtet uns, dass unsere Rückflüge nach Caracas und Deutschland bestätigt sind und das Hotel in Caracas gebucht sei. In uns steigt ein bisschen Wehmut auf. In unseren Rucksäcken suchen wir noch ein paar Geschenke (T-Shirts, kurze Hosen usw.) zusammen und gehen, wie verabredet um 20:00 Uhr hinauf zu Aldos Haus, um sie ihn zu überreichen.

 

Etwas enttäuscht müssen wir erfahren, dass Aldo´s Frau erkrankt ist und weder er noch sein Sohn Noel je einen Affen zubereitet hätten. Er entschuldigt sich dafür, aber nun sitzen wir da, die anstrengende Tour heute hat uns hungrig gemacht, den gefangenen Fisch haben wir Antonio gegeben und wir haben nun nichts zu Essen. Wie war das mit der Weisheit mit dem Frosch? Mario berät mit Aldo, wie man dieses Problem nun lösen könnte. Nach einiger Zeit verlässt Aldo das Haus und kehrt nach kurzem wieder zurück. Er sagt uns, dass uns noch etwas gebracht werde. Wenig später betritt Antonio mit einem schweren Eisentopf, in dem sich Fischsuppe befindet, das Haus. Dazu essen wir Casave und trinken Limonade, einer Mischung aus Wasser, gepressten Früchten und Zucker. Ich denke erst später darüber nach, ob nun seine Familie hungern muss, oder ob er den ganzen Fisch für sich behalten hatte und die Suppe nur der Rest von seinem Abendessen ist.

 

Gegen 22:00 Uhr verabschieden wir uns von Aldo und Antonio und gehen zurück zum Boot. Dort unterhalten wir uns noch ein wenig und beobachten das Gewitter, das sich flussaufwärts aufbraut. Später gesellt sich auch Antonio wieder zu uns. Wir können uns zwar gegenseitig nicht verstehen, doch mit Hilfe von Händen und Füssen und der Wirkung der herumkreisenden Flasche Rum entwickelt sich ein lustige Unterhaltung. Irgendwann übermannt uns doch die Müdigkeit und wir verabschieden uns von Hilario, Tamaira und Antonio und gehen hinauf ins Kulturhaus, um uns in die Hängematten zu legen.