19. Tag

Yagua

Dienstag, 14.11.2000

 

Auch heute stehe ich wieder kurz vor Tagesanbruch auf und setze mich draußen vor dem Haus wieder auf die Betontreppe. Ich erlebe ein weiteres Mal einen atemberaubenden Sonnenaufgang. Der Himmel glüht am Horizont dunkelrot. Schon wenige Minuten später leuchten die Schleierwolken ringsherum hell orange bis die Sonne als ovaler roter Ball über dem Wald erscheint. Leider ist meine Kamera unten im Boot, auf dem Hilario und Tamaira noch schlafen. Ich wecke Ivan. Gemeinsam sehen wir uns das Spektakel an. Später verpacken wir unsere Hängematten, wecken den Rest unserer Gruppe und gehen hinunter zum Boot. Da die beiden am Boot noch immer schlafen, setzen wir uns auf die Steine und beobachten, wie sich die kleinen Kinder sich gegenseitig waschen. Durch das Getobe wachen schließlich die beiden nebenan am Boot auf. Tamaira kocht uns Kaffee.

 

Gegen acht Uhr kommt Noel zu uns und lädt uns zum Frühstück ein. Wir folgen ihm hinauf zum Haus und dürfen nun auch die anderen Räume des Hauses betreten. Hinter dem Vorraum liegt in einem Anbau die große Küche, die zwar spartanisch, aber auf mich faszinierend eingerichtet ist. Auf einen riesigen Holztisch ist für uns schon gedeckt und mehrere Stühle und Bänke stehen um diesen herum. Auf der linken Seite steht ein schlichtes Holzregal und zwei Bretter daneben dienen als Anrichte. Gleich neben der Eingangstür lehnt eine einfache Holzleiter, die wieder zurück in das Haupthaus hinauf ins Dach zum Schlafraum führt. Dort hängen mehrere Hängematten an den Dachbalken. An den Wänden hängen überall verstreut Gebrauchsgegenstände, wie Sensen, Holzrechen, Macheten, ein Gewehr, Pfeil und Bogen. Man fühlt sich wie an ein Heimatmuseum erinnert. Neben einem Stoss Holz lodert am Boden ein kleines Feuer, auf dem ein großer schwarzer Topf auf einem Rost vor sich hin brodelt. Mario erklärt uns wie die Einheimischen die Hitze ihres "Herdes" regulieren. Sternförmig werden Holzscheite auf den Boden gelegt und im Zentrum angezunden. Wird mehr Hitze benötigt schiebt man sie zusammen, bei weniger auseinander.

 

Das Frühstück fällt außerordentlich üppig aus. Aldo´s Frau hörte von unserer gestrigen Enttäuschung und erklärte ihren Männern, wie sie den gejagten Affen zu zubereiten hätten. Aldo und Noel verteilen das Fleisch und reichen dazu Soße, Arepas und Casave. Wir sind alle gespannt. Yapacana Tepui am Rio Orinoco. Das Fleisch schmeckt ähnlich unserem Schwein, nur ist dessen Farbe dunkler. Beim Anblick des Oberschenkelknochens auf meinem Teller witzelt Mario: "Den musst du mal bei deinem Nachbarn im Garten vergraben und die Polizei informieren: `Ich hab´da etwas seltsames beobachtet.´ ". Tatsächlich gleicht der Knochen dem eines kindlichen Menschen. Aldo erzählt von seinen Plänen mit seinem Dorf. Ich erhalte von ihm meinen Akku und das Ladegerät für den Video zurück und erzählt mir, ich solle beim nächsten Wiederkommen ein Überspielkabel mitbringen, damit er einen Film über sein Dorf und seine Mitbewohner drehen kann.

 

Gegen zehn verladen wir noch die beiden Spritfässer, verabschieden uns ganz herzlich von Aldo und seiner Familie und fahren dem Orinoco wieder flussabwärts. Bei einer kurzen Pause Der Yapacana Tepui aus einer anderen Sicht. gegen Mittag fangen wir einen Pirhaņa und einen Pavon. Hinter einer Flussbiegung taucht am Horizont wieder der Yapacana-Tepui aus dem Wald. Wir treffen auf 2 Bongos einer anderen Travelagentur aus Puerto Ayacucho, wovon eines ausschließlich mit Spritfässern beladen ist. Bei einem kurzen Plausch mitten am Fluss erfahren wir, dass auch sie unterwegs zum Rio Negro sind und dort ein Camp aufbauen wollen. In den nächsten Wochen begleiten sie ein Japanisches Filmteam zu Dreharbeiten einer Reportage im Nebelgebirge am Oberlauf des Rio Pasimoni.

 

Das Mittagessen, Spaghetti mit Tomatensoße, nehmen wir am Boot ein. Doch dann traue ich meinen Ohren nicht. Hat Ivan jetzt Fieber? Er träumt von einer Schwarzwälder Kirschtorte. Am Angeln in der Lagune von Yagua frühen Nachmittag erreichen wir wieder den Schwarzwasserfluss, in dem Ivan´s Blinker abgebissen wurde. Er möchte sich noch einmal an dem Fisch rächen und wir biegen hinein um zu Angeln. Doch heute beisst keiner. Wir halten uns nicht lange auf und fahren weiter den Fluss hinab, passieren die Sandbank, auf der wir versuchten den Caiman zu fangen und erreichen schließlich gegen 4 Uhr die Lagune von Yagua.

 

Diesmal benutzen wir die flussaufwärts liegende Einfahrt. Traumhaft weitet sich vor uns der See mit dem Schwarzen Wasser. Die Wolken spiegeln sich auf dem aalglatten Wasser. Hilario drosselt die Geschwindigkeit und wir werfen unsere Angeln aus, um unser Abendessen zu sichern. Nach einer Stunde Kriechfahrt zappeln 3 Pavons und ein Pajara im Bug und wir legen wieder bei den Hütten der Indianer an. Der Aufbau des Lagers ist geht zügig voran, da wir die gleiche Technik anwenden, wie vor 15 Tagen.

 

Danach gehen wir wieder zurück zum Boot, putzen unsere Fische, baden ein wenig im Fluss und entzünden nach Einbruch der Dunkelheit das Lagerfeuer. Den größten Teil des brennbaren Materials in der Nähe hatten wir bereits bei der Hinfahrt verfeuert, doch uns kommt Bodo´s tierischer Ehrgeiz zugute. Er schlägt mit seiner Machete alles kurz und klein, was keine Blätter mehr hat. Am Casiquiare hat er einmal eine alte Hütte der Yanomamis niedergemacht. "War doch eh´ schon kaputt." Seitdem bezeichnen wir ihn als Schreck der Yanomamis.

 

Schließlich essen wir gegen acht zu Abend. Den gefangenen Fisch hat uns Tamaira als Fischsuppe mit Kürbis und Kartoffeln zubereitet. Danach sitzen wir noch bei Rum am Lagerfeuer am Fluss und reden über die Reise. Derweil ist Bodo schon wieder unterwegs. Er will für morgen früh einen Weg zum nahe liegenden Strand bahnen, an dem wir am 4. Tag badeten. Pläng, Pläng, Pläng. Der typische Klang der Machete und das zeitweilige Aufleuchten seiner Stirnlampe verrät uns seinen derzeitigen Standort.

 

Gegen 22:00 Uhr tragen wir das Feuer hinauf zu unserem Schlafplatz und entfachen dort ein weiteres Feuer, um uns lästiges Getier vom Leib zu halten. Dazu kommen uns auch die großen Wurzelstöcke zugute, die Bodo herbei geschafft hat, denn sie sind feucht und erzeugen einen gewaltigen Rauch. Nach einer halben Stunde legen wir uns nieder, die Macheten und das Gewehr griffbereit. Wir sind gespannt, ob wir heute Nacht wieder neugierigen Besuch bekommen. Irgendwann in der Nacht wache ich wieder durch das schon fast obligatorische Jucken meiner Puripuribisse an meinen Beinen auf. Auch die anderen sind wach. Hatten wir doch schon wieder Besuch? Wir legen noch einmal Holz aufs Feuer und schlafen später wieder ein.