20. Tag

San Fernando de Atabapo

Mittwoch, 15.11.2000

 

Kurz nach Tagesanbruch wachen Bodo und ich auf und wecken Ivan. Wir möchten am Steinstrand angeln und baden. Um dort hin zu kommen, nutzen wir die "Jenewein Schneise", die Bodo gestern Abend in den Wald schlug. Doch der Weg bringt uns zwar zu ein paar Steinen, jedoch nicht zu der schönen Bucht an der Mündung des Caņo Yagua. Wir versuchen uns weiter durch das Dickicht zu schlagen, denn es kann eigentlich nicht mehr weit sein. Jedoch bleibe ich ständig mit den Angeln im Geäst hängen und wir haben für die vielleicht 300 Meter ganze 45 Minuten gebraucht. Da die anderen nicht wissen, wo wir sind, hat es auch keinen Sinn weiter zu laufen und zu warten, bis sie hier her kommen. So kehren wir unverrichteter Dinge zurück. Dort bauen wir unser Lager ab. Es war unser letztes im Urwald und wir finden es schade. Wir löschen die letzten Glutnester des Lagerfeuers, räumen unsere Sachen ins Boot und fahren die wenigen hundert Meter vor bis zur Bucht.

 

Dort baden wir erst einmal, angeln und Bodo holt mit Ivan ein paar Früchte von einem Limonenbaum. Hilario wirft Köderfisch an 3 Bojen aus und lässt diese von der Strömung flussabwärts treiben. Er und Mario wechseln die Spritfässer und Tamaira kocht uns Kaffee. Das Wetter hat sich zu den Tagen davor verschlechtert. Es ist bedeckt, windig und es sieht nach Regen aus.

 

Schon gegen acht nehmen wir unsere Fahrt nach San Fernando de Atabapo auf und Tamaira beginnt mit dem Zubereiten des Frühstücks, Reste der Fischsuppe von gestern Abend. Nach 15 Minuten holen wir die erste der drei Bojen ein. Dazu muss Mario in den Bug über die Spritfässer klettern und zieht sie bäuchlings über die Bordwand. Ein Fisch hängt nicht dran. Gleich darauf finden wir die zweite. Die Anfahrt mit dem Boot ist schwierig, denn sie hat sich in der Nähe eines über die Böschung ragenden Baumes verhangen. Mario liegt in der Bugspitze und bemüht sich sie zu greifen, was aber misslingt. Mehrfach versucht Hilario sie anzufahren und plötzlich werden wir vom Wind und der Strömung in den Baum gedrückt. Die Äste dringen weit in das Boot, das Dach knirscht und wir kommen in eine gefährliche Schräglage. Teller und Gepäckstücke fallen von der Bank und der Ablage unterm Dach. Wir hängen fest. Der Versuch uns vom Baum wegzudrücken scheitert. Durch Hilferufe bemerken wir erst jetzt, dass Tamaira in der Küche nicht mehr zusehen ist. An ihrem Platz ist nur noch Geäst. Wie ein Wilder schlägt Ivan den Ast außerhalb des Bootes ab und gemeinsam ziehen wir ihn vom Boot. Zum Glück ist sie unverletzt.

 

Die Äste haben sich so stark in den Streben unseres Daches verhakt, dass wir das Boot nicht mehr mit Motorkraft befreien können. Wir müssen noch mehr Äste abhacken, doch nach jedem weiteren abgeschlagenen Ast treibt das Boot wieder in andere hinein. Erst als sich Hilario beherzt in das Dachgebälk hängt und mit aller Kraft das Boot mit seinen Füssen aus dem Baum schiebt, kommen wir frei. Unser Dach sieht nun völlig ramponiert aus und es kommt zwischen Mario und Hilario zu einem heftigen Wortgefecht, ob denn diese Aktion mit der Boje unbedingt nötig war. Ivan ist glücklich darüber, dass er erst kurz vor der Misere seine Metalldose mit den Insekten vom Dach genommen hat. Die dritte Boje finden wir weiter flussabwärts in einem starken Strudel zwischen Felsen. Unerreichbar für unser langes Bongo.

 

Hinter uns verschwindet langsam der Yapacana-Tepui. Mario drückt ein menschliches Problem und wie immer gibt er ein Zeichen nach hinten zu Hilario. Doch der Wasserstand des Orinoco ist merklich gesunken und Hilario findet an den senkrechten Ufern keine Möglichkeit anzulegen. Erst als sich Mario schon vor Schmerzen krümmt und Tamaira in der "Küche" eingeschlafen ist, entscheidet er sich seine Blase in einen alten Plastikbehälter zu entleeren. Für uns eine belustigende Situation, für ihn eher erleichternd.

 

Auf der Weiterfahrt machen wir an ein paar Steinen halt, um unseren Mittagsfisch zu fangen. Dabei geht nun auch Ivanīs gelber Blinker verloren. Auch Marioīs Haken bleibt in einem Ast hängen und beim Versuch diesen zu bergen stürzt er kopfüber ins Wasser. Nur mit größter Anstrengung kommt er gegen die starke Strömung an und er kann sich mit Ivanīs Hilfe wieder an Land retten. Ohne auch nur einen einzigen Fisch zu fangen, setzen wir anschließend unsere Fahrt fort. Inzwischen haben wir die 300 Inseln im Delta von Ventuari wieder erreicht. Mario holt die Boje wieder ein, die wir vorhin ausgeworfen haben, doch auch an ihr hängt ebenfalls kein Fisch. So gibt es heute Mittag ein fischloses Essen,. Tamaira kocht Risotto mit Gemüse und Muscheln aus der Dose.

 

Am frühen Nachmittag erreichen wir kurz vor dem Kontrollpunkt in Santa Barbara die Stromschnellen. Hier ist es bislang am deutlichsten zu erkennen, wie sich die Landschaft bei sinkendem Wasserstand ändert. Wo wir vor ein paar Tagen bei der Hinfahrt problemlos passieren konnten, ist heute an ein Durchkommen nicht mehr zu denken. Überall spitzen jetzt Granitfelsen aus dem Wasser, zwischen denen sich das Wasser tosend und schäumend zwängt. Hilario muss einen großen Bogen um die Hindernisse fahren. Durch die starken Strudel mit ihren unterschiedlichen Strömungen wird das Boot hin und her geworfen. Große Wellen im Fluss lassen uns ahnen, wo noch weitere Gesteinsblöcke liegen. Wie mag es hier wohl in der Trockenzeit aussehen? Hilario steuert unser Bongo sicher durch das Labyrinth und wir legen kurze Zeit später an der Kontrollstation in Santa Barbara an.

 

Gerade als wir anlegen, rennen uns zwei bewaffnete Guardisten entgegen, springen in ihr Da das Bongo der Indianer so überladen war nannten wir es " Schwebende Indianer" Motorboot und fahren mit Höchstgeschwindigkeit davon. Sie haben bemerkt, dass jemand die Kontrollstation auf einem Seitenarm umfahren will, sei es aus Unkenntnis oder mit Absicht. Gleichzeitig mit uns macht auch ein vollbesetztes Bongo mit 7 Erwachsenen und 5 Kindern neben uns fest. Die Bordwand ihres nur etwa 7 Meter langen Bootes ragt nur wenige Zentimeter aus dem Wasser. Wir hatten sie schon vorher beobachtet und uns etwas amüsiert: aus der Entfernung konnte man das kleine Bongo nicht sehen, denn die Bugwellen waren höher als die Bordwand. So sah es aus, als schwebten die Indianer wie auf einem fliegenden Teppich über das Wasser.

 

Heute werden wir wieder besonders genau überprüft. Mario meint, dem Guardisten wäre langweilig und er suche etwas, was er uns vielleicht abschnorren könnte. Aber unsere Reserven werden auch schon langsam knapp. Bier haben wir schon lange keines mehr, der letzte Rum versiegte in Yagua in unseren Kehlen und die restlichen Zigaretten müssen wir uns schon jetzt einteilen. Nach 15 Minuten dürfen wir weiter fahren, ohne dass es etwas zu beanstanden gab.

 

Der Fluss wird wieder breiter und das Ufer ist zu weit weg, dass man etwas erkennen könnte. So macht jeder etwas anderes. Mario und Markus dösen, Bodo schreibt in sein Tagebuch, Ivan sortiert seine Insekten und ich begutachte meine Puripuribisse. Dabei entdecke ich in meinem Hohlfuß einen weißen, etwa 5 mm großen Knoten mit einem Einstich in der Mitte. Er ist nicht schmerzhaft, weshalb ich ihn noch nicht bemerkte. Ich mache Ivan darauf aufmerksam. Sein Chirurgenherz schlägt höher und er fragt mich, ob er es aufmachen dürfe. Ich stimme zu und so holt er aus seinem Rucksack seine Medikamenten- und Verbandtasche. Nach der Eröffnung mit Nadel und Splitterpinzette quellen aus dem Knoten lauter winzige Eier hervor. Mario meint, es handle sich dabei um das Gelege von Hakenwürmern. Mit einer Fadenschere schneidet Ivan die Wunde aus und schabt den Wundboden frei. Als alles sauber scheint, verbindet er den Fuß mit einem PVP-Verband. Inzwischen suchen auch alle anderen ihre Füße nach solchen Knoten ab, aber bei keinem weiteren findet sich etwas.

 

Das Wissen um die nahende Zivilisation, lässt uns die Erwartung etwas Neues zu Ivans "Ileus" Wolcken entdecken, schwinden. So liegen wir im Boot, lassen uns von der Sonne etwas bräunen und betrachten den Himmel. Ivan sinniert beim Anblick der Wolken und vergleicht die Form mit dem Röntgenbild eines Patienten mit Darmverschluß, das dem sehr ähnelt. Plötzlich steht er auf und fängt das Räumen an. Er legt seine Angelrute zusammen, schenkt seine Ausrüstung Mario und hat schließlich 24 Stunden vor Ankunft in Samariapo alles zusammen gepackt. "So nun brauch` ich nur noch auszusteigen." Am Horizont hinter uns sieht man zum letzten Mal den Yapacana. Der Verkehr auf dem Orinoco wird zunehmend stärker und zwei entgegen kommende Frachtkähne lassen unser Bongo mit deren Wellen springen. Sie schwappen über die Bordwand und wir genießen die angenehme Dusche. Abwechslung von der monotonen Fahrt.

 

Interessant ist die Beobachtung der Gewitterwolken. Häufig bilden sie mit der Zeit einzelne hohe Türme, aus denen es nach einiger Zeit heftig regnet. Regenbogen leuchten in schillernden Farben. Während sich die einen binnen 10 - 15 Minuten nach oben hin abregnen und verschwinden, bilden sich woanders wieder neue und das Spiel beginnt von neuem. Aus dem Regenwald steigt die Feuchtigkeit auf und kondensiert sofort wieder.

 

Gegen Abend biegen wir nach knapp 1000 Kilometern Wildnis in den Schwarzwasser führenden Atabapo und erreichen nach weiteren 10 Minuten die Zivilisation. An der Kontrolle Das Wasserwerk von San Fernando de Atabapo. verlangen die Guardisten eine Kopie der Genehmigung für die Durchfahrt. Das sie diese schon bei der Hinfahrt erhalten hatten, wollen sie nicht verstehen. Hilario regelt alles weitere. Derweil laufen wir durch die Stadt und Ivan ist überglücklich unterwegs eine Bäckerei zu finden. Er lädt uns zu einem Kaffe mit Kuchen ein. Es gibt zwar keine Schwarzwälder Kirschtorte, aber er ist überglücklich gefüllte Hörnchen, mit Kokosraspeln bestreuten Schokokuchen und eine Art Lebkuchen genießen zu können. Danach zeigt uns Mario noch eine Bar, in der wir uns auf die Terrasse zum Fluss setzen. Wir bestellen uns jeder ein Bier und lassen uns von einem phantastischen Sonnenuntergang verwöhnen. Vier verschiedene Wolkenschichten färben sich abwechselnd leuchtend orange. Aus einzelnen schwarzen Gewitterwolken zucken die Blitze zum Boden. Dazwischen der türkisblaue Himmel - ein Traum.

 

Nach dem Bier machen wir uns auf den Weg zu den Freunden mit der großen Veranda. Wieder einmal fällt das Licht aus, der Kanaldeckel auf der Straße fehlt immer noch. Hilario ist inzwischen auch schon angekommen und hat an ein paar Felsen festgemacht. Die Boote, die vor knapp 3 Wochen noch direkt neben uns lagen, sind auch noch da, aber der Fluss ist in dieser Zeit etwa um anderthalb Meter gesunken und die Boote liegen jetzt fast 10 Meter vom Ufer entfernt im Sand. Wir holen aus dem Boot die Tonne mit den Hängematten und hängen sie oben auf der Veranda auf. Wieder sind wir nicht allein da. Zwei hochnäsige Geschäftsleute aus Puerto Ayacucho möchten gerne zum Casiquiare, bei den Yanomamis leben und angeln. Den Bootsführer kennt Mario als Gauner, der nichts macht und dafür seinen Kunden viel Geld abverlangt. Neben zwei großen Reisetaschen können wir auf dem kleinen Sportboot wenig an Ausrüstung ausmachen. Mario unterhält sich lange mit ihnen und sagt als er zu uns zurück kommt: "Die werden sich ganz schön umschauen!"

 

Nach dem Abendessen, Spaghetti mit Thunfischsoße, möchte uns Mario eine Venezolanische Disco zeigen, doch sie war, ebenso wie die Bar von vorhin, bereits geschlossen. Also ziehen wir Bodo mit einem Casave-Brot weiter durch die Stadt und finden in einer Nebenstraße einen Billard- Salon, in dem wir uns ein paar Flaschen Bier kaufen. Die Musik ist derart laut, dass wir einander nicht verstehen und wir beschließen unser Bier draußen auf der Straße zu trinken. Die südamerikanische Salsamusik aus dem Salon klingt nun in einer angenehmen Lautstärke über die Straße herüber und wir trinken auf einer Mauer sitzend unser Bier. 5 pattroulierende Guardisten kommen vorbei und kontrollieren unsere Pässe. Sie sind auf der Suche nach sich hier illegal aufhaltenden Kolumbianern, die häufig nachts aus dem auf der anderen Flussseite liegenden Dorf herüber kommen. Die Gewitter rings herum ziehen sich langsam über der Stadt zusammen und als ein Blitz wieder einmal die Stromversorgung lahm legt, machen wir uns im Finstern auf den Heimweg. Kurz vor unserer Ankunft am Haus beginnt es schließlich zu regnen und wir werden völlig durchnässt.

 

Mit Marioīs Worten, "genießt die letzte Nacht in der Hängematte", legen wir uns gegen 23:00 Uhr hin, doch ein wahrer Genuss wird diese Nacht nicht. Immer wieder wache ich auf. Entweder jucken die Beine, oder der Wind drückt mir das Mosquito-Netz ins Gesicht, oder der starke Regen prasselt lautstark auf die Blätter der Bäume und das Dach und benetzt mich mit feinem zerstäubten Wassertropfen.