Tag der Ankunft

Ankunft in Puerto Ayacucho

Donnerstag, 26.10.2000

 

Vereinbarungsgemäß werden wir um 6:00 Uhr durch Klopfzeichen an der Tür von der Dame der Rezeption geweckt. Wir sind aber schon seit geraumer Zeit wach und machen uns für die Weiterreise fertig. Eine halbe Stunde später sitzen wir mit unserem Gepäck und durch die Klimaanlage rauen, trockenen Hals in der kleinen Hotelhalle. Ein spanisch sprechender Taxifahrer versucht uns zum Mitfahren zu bewegen, wir dagegen versuchen ihm klar zumachen, dass wir abgeholt werden. Es wird 7:00 Uhr und Ulises ist noch nicht da. Ivan hat die südamerikanische Auffassung für Pünktlichkeit seit der letzten Reise wohl vergessen, denn er äußert schon den Wunsch auf eigene Faust zum Flughafen zu fahren. Erst als ich ihm zu verstehen gebe, dass wir ja nicht wissen, wann wir mit welcher Gesellschaft weiterfliegen, lässt er von dem Gedanken ab. Die Stromschnellen von Puerto Ayacucho Ungeduldig trägt er aber schon die Sachen vor das Hotel. Um zehn nach sieben kommt Ulises und entschuldigt sich für seine Verspätung. Erst jetzt wird uns verständlich, dass der Taxifahrer aus dem Hotelfoyer, derjenige ist, der uns zum Flughafen bringen soll. Auch er fährt einen dicken alten Chevi, an dem mehr kaputt als heil zu sein scheint. Weit und breit sehen wir keinen einzigen Neuwagen. Später erfahren wir von Mario unserem Tour-Guide, dass neue Autos nur als Ersatzteillager für alte Autos missbraucht würden. Tatsächlich - es gibt kaum ein Fahrzeug, an dem Blinker, Spiegel oder Scheibenwischer vollzählig sind. Es herrscht wieder morgendlicher Berufsverkehr. Obwohl wir uns auf der Hauptstraße befinden, kommen aus Seitenstraßen andere, die sich ungeachtet der Verkehrsdichte Vorfahrt verschaffen. Da wird trotz Gegenverkehr abgebogen, überholt, stehen geblieben wo man gerade ist, auch wenn es die verkehrte Straßenseite ist. An einer großen Kreuzung soll nun der endgültige Stillstand nahe sein. Die Autos stehen kreuz und quer, dennoch ist keiner ungeduldig und hupt. Kurzerhand dreht auch unser Fahrer das Lenkrad nach links und fährt zwischen den Autos auf der anderen Seite hindurch und biegt nach 50 Metern in eine kleine Seitenstraße. Ich sitze auf dem Beifahrersitz, wage es aber nicht meinen Ellbogen auf das geöffnete Fenster zu legen. Zu groß ist die Gefahr, mich an den Türholmen der entgegenkommenden Fahrzeuge zu verletzen. Im Karree gilt es nun die Kreuzung weiträumig zu umfahren, doch müssen wir schließlich wieder zurück auf die Hauptstraße. An der Einfahrt stehen schon einige geduldig wartende Wagen, doch einfach rechts an allen vorbei und rein in die Kreuzung. Schon kommt der Verkehr wieder zum Erliegen. Mit Zentimeter-Abstand quetscht sich der mächtige Chevi in den trägen Verkehr. Die Luft ist durch die Hitze und dem Verkehr schon am frühen Morgen zum Schneiden dick. 10 Minuten vor acht erreichen wir mit heiler Haut den nationalen Flughafen. Kurz darauf trifft auch Ulises mit seinem Kleinwagen ein.

 

Für 43.900 Bs kaufen wir die Tickets bei Sta. Barbara-Airlines und müssen noch 600 Bs für die Flughafengebühr aufbringen. Ulises begleitet uns noch bis zur Türe des Abflugterminals. Dabei vereinbaren wir für den Tag unseres Heimflug nach Deutschland eine Stadtrundfahrt durch Caracas. Um 8:50 besteigen wir eine ATR 42, die sich dann kurz darauf zur Startbahn in Bewegung setzt. Mit lauten Gedröhne gewinnt die Zusammenfluß des Rio Cinaruco und des Rio Orinoco Propellermaschine in großen Kreisen über dem Meer an Höhe, um die 1800 m hohen Berge an der Küste zu überwinden. Während des 80 minütigen Fluges nach Pto. Ayacucho wird uns ein Sandwich und etwas zu trinken gereicht. Pto. Ayacucho liegt ca. 650 km südlich von Caracas an der Kolumbianischen Grenze, ist die Hauptstadt des Bundesstaates Amazonas und ist mit ca. 80.000 Einwohnern die größte Stadt. Amazonas hat geschätzte 120.000 Einwohner und ist etwas größer als die halbe Bundesrepublik Deutschland. Von oben sehen wir auf die kahlen Berge, später die öden Savannen Nord-Venezuelas. Deutlich können wir erkennen, wie sich das klare Wasser der Schwarzwasserflüsse mit dem des sedimentreichen Braunwassers vermischt. Der Flughafen von Puerto Ayacucho liegt direkt neben den Stromschnellen des Orinokos, die sich aus der Vogelperspektive wunderschön betrachten lassen. Auf dem Vorfeld stehen mehrere kleine Propellermaschinen und eine wunderschöne uralte DC 3 der Air Venezuela. Zu Fuß erreichen wir das kleine Flughafengebäude, in dem wir gleich hinter der Eingangstüre von einem Mann etwa unseren Alters mit leichtem ostdeutschen Akzent angesprochen werden

 

Es ist Mario, unser Tour-Guide. Er erkannte Ivan anhand der Kopie seines Reisespasses, das jedoch - ehrlich gesagt - nur noch andeutungsweise der Realität entspricht. Er wird begleitet von Hilario, unserem zukünftigen Bootsführer und der Lebensgefährtin von Alvaro Carrera. Er selbst ist noch mit einer anderen Gruppe in den Llanos unterwegs. Wir sind ziemlich erstaunt, von einem Deutschen in Empfang genommen zu werden. Während wir auf unser Gepäck warten, erklärt uns Mario den Umstand, den ihn hierher gebracht hatte. Von seinem Bruder erfuhr er vor einigen Jahren von der Schönheit des Landes und die wollte er auch einmal kennen lernen. Er machte daraufhin eine ähnliche Tour, die wir diesmal vorhaben, kehrte danach nach Deutschland zurück, packte seine Sachen und wanderte aus. Nun ist er Teilhaber der Travel-Agentur. Nach ein paar Minuten fährt ein LKW mit dem Gepäck am Eingang des Flughafens vor. Umständlich wird anhand der Gepäcknummern Ein Indianermarkt in Puerto Ayacucho in dem Haufen nach den einzelnen gesucht und gefunden. Die Rucksäcke tragen wir über den Parkplatz zu einem weißen geschlossenem Landrover mit langem Radstand. Alles passt nicht in den Kofferraum, weshalb wir einige Teile mit auf den Schoß nehmen müssen. Die Fahrt zum Hotel "Kurimacare" führt nur um den Flughafen herum auf die andere Seite. Ein schmaler Weg zweigt von der Hauptstraße nach links ab. über eine mit Eisenplatten belegte Brücke befinden wir uns auf dem Anwesen des ehemaligen Bürgermeisters von Pto. Ayacucho, das gerade zum Hotel ausgebaut wird. Die Zimmer sind in einem von zwei Reihenbungalows, mit jeweils einem eigenen Eingang. Auch hier sind sie einfach und zweckmäßig mit zwei Einzelbetten und Bad mit WC eingerichtet. Der Strom ist ausgefallen, somit auch die Klimaanlage. Gott sei Dank. Mit südamerikanischer Sorgfalt wurden sie, für jedermann einsehbar und dadurch auch kontrollierbar, offenliegend an ein paar Kabel, die aus der Wand hängen, angeschlossen. Die Sanitäranlagen sind zwar alt, jedoch sauber und frei von irgendwelchem Getier. Hinter dem Haus befindet sich ein Swimming-pool, der sich jedoch mangels Wasser zum Baden nicht eignet. Das Restaurant befindet sich noch im Umbau. Es bleibt uns nur kurz Zeit das Gepäck in den Zimmern abzustellen, denn wir müssen noch zum Büro. Also fahren wir wieder am Flughafen vorbei auf die Ringstraße, die die Stadt umkreist. Unterwegs zeigt uns Mario schon einige "Sehenswürdigkeiten" der Stadt, die eigentlich über keine verfügt. Schnell erkennen Ein Indianermarkt in Puerto Ayacucho wir Marios Humor, dem man nicht unbedingt alles unüberdacht glauben sollte. Das Büro liegt am Rande des Indianermarktes am Plaza de los Indianos in einer Bar namens "Arevalo", die ebenfalls Alvaro gehört. Ohne Türschild, den Grund dafür erfahren wir später, liegt es verborgen hinter einer grünen Tür im Eingangsbereich der Bar. Es ist ein kleines Büro, zwei Tische, ein Stuhl, eine alte Bank, ein Regal, ein Schrank und ein Funkgerät. In der Ecke stehen Flitzebögen mit Pfeilen der Yanomamis, an der Wand hängen verschiedene Bilder, die Persönlichkeiten wie Präsident Perez und Rüdiger Nehberg mit Alvaro zeigen. Auch einige Zeitungsartikel mit Bildern Carreras sind hinter Glas gerahmt. Wir erledigen die Formalitäten und lassen auf Anraten unsere Flugtickets sowie das überflüssige Bargeld verplombt in den Tresor sperren. Wir berechnen noch kurz unsere weiteren Ausgaben und kommen zu dem Entschluss, dass jeder noch etwa 100 US-$ tauschen muss. So machen wir uns kurz vor zwölf auf den Weg zur Bank. Mario begleitet uns und lässt uns vor einem Schreibtisch in der Banco Unico Platz nehmen. Wir glaubten anfangs wieder an einen Scherz von Mario, dass Geldtauschen zu einem Gewaltakt werden kann. Die Angestellte hinter dem Schreibtisch lässt sich unser Anliegen von Mario erklären und beginnt sofort mit der Arbeit. Zettelchen hier, Blaupapier dort, einmal in der Schreibmaschine gespannt, dann wieder handschriftlich. Passnummer da eintragen, Geldscheinnummer dort. So geht es eine Weile, bis ich endlich mehrere Stöße mit Heftklammern zusammengehaltene Zettelchen zur Unterschrift vor mir liegen habe. Das Blaupapier ist von Geha. Mir wird ein weiteres Zettelchen mit einer Nummer in die Hand gedrückt, mit dem ich dann vor dem Geldschalter warten muss, bis meine Nummer aufgerufen wird. Da ich der einzige am Schalter bin, fällt es mir leicht, meine Nummer auf spanisch zu verstehen. Schon nach 40 Minuten kann ich ein dickes Bündel Bolivares im Gegenwert von 400 US-$ in meinen Händen halten.

 

Zum Glück ist Pto. Ayacucho touristisch noch nicht so erschlossen, sonst könnten für den Geldwechsel leicht ein paar Urlaubstage draufgehen. Danach gehen wir zurück zur Bar, in der es für 2000 Bs ein günstiges Mittags-Menü gibt. Es beinhaltet Eine Straße in Puerto Ayacucho eine Suppe, gebratenes Rindfleisch mit Reis, als Nachspeise eine kleine Frucht und dazu eine Cola. Gegen 14:00 machen wir mit Mario einen Spaziergang durch die Stadt, regeln in einer Bar unseren Flüssigkeitshaushalt und kaufen in der selben noch ein paar Stangen Zigaretten. Im Gegensatz zu unseren Läden kann man fast überall alles kaufen. Hat der eine Laden mehr zu trinken im Regal ist es eine Bar, hat er mehr Brot und Gebäck ist es eine Bäckerei. Geplant war für diesen Nachmittag eine Stadtbesichtigung und der etwaige Einkauf von Tauschwaren für die Indianer. Jedoch wurde für den nächsten Tag ein Totalausfall der Stromversorgung der ganzen Stadt angesagt. So müssen schon einige Sachen heute vorbereitet werden. Uns wird angeboten allein loszuziehen. Mangels Sprachkenntnisse, sowie unserer Auffassung ein Team zu sein, ziehen wir es vor, bei den Vorbereitungen behilflich zu sein. So treffen wir uns mit Hilario und fahren nun mit einem alten, kurz vor dem zusammenbrechen stehenden, offenen Landcruiser zum Lager der Firma am Rande der Stadt. Im Lager befinden sich etwa 30 Spritfässer, Eine Tankstelle in Purto Ayacucho 1 Aluboot sowie ein noch nicht fertiggestelltes Metallbongo. Mit einem neuen 4-Taktmotor und dem niedrigeren Gewicht lässt sich eine Menge Sprit einsparen, das Flair eines Holzbootes geht jedoch verloren. Nebenan stehen unter einem Dach mehrere Aquarien, in denen sich einige Barsche und Salmler, sowie 5 Süßwasserstachelrochen tummeln. Im Haus wohnt wohl Alvaro mit seiner Tochter Hanoi. Zwei Kinder schauen uns neugierig und schüchtern an. Das kleinere, ungefähr ein Jahr alt ist das Kind von Hanoi, das andere gehört den Nachbarn. Wir holen 15 Spritfässer aus dem Regal, schütten entsprechend dem Inhalt öl für das Benzingemisch hinein und beladen einen Teil davon auf einen alten Anhänger. Anschließend fahren wir zu einer nahegelegenen, von der Guardia Nacional bewachten Tankstelle. Den Begriff "ökologie" haben die Venezolaner scheinbar noch nicht in den Wortschatz aufgenommen. Die Zapfsäulen sind zwar überdacht, stehen jedoch ungeschützt auf dem Sandboden und zwecks der Einfachheit wurde der Boden für die Fahrzeuge etwa 2 Meter tief abgetragen. Auch hier nur Sand. Schwarz gefärbt ziehen sich die Spuren verschütteten Benzins über eine riesige Fläche. Metertief muss das Erdreich verseucht sein. Wir befüllen die Fässer der Reihe nach mit Benzin. Das Tanken nimmt einige Zeit in Anspruch, so hängen wir den Hänger ab und fahren mit Mario und Hanoi zum Eishändler, um 4 Eisblocks à 15 kg zu holen. Diese werden in Thermobehälter gepackt und zurück ins Lager transportiert. Markus und Bodo bleiben mit Hilario beim Tanken, das sich verzögert, weil einmal wieder der Strom ausfällt. Die gefüllten Fässer nehmen wir mit, entladen den Hänger und stellen die restlichen leeren wieder darauf. Bodo und Markus fahren wieder mit zur Tankstelle, Ivan und ich ziehen es vor uns hier in der Gegend mal etwas umzuschauen. Ein paar Blattschneiderameisen und wenige Blüten an Bäumen und Büschen, sonst ist nichts weiter zu finden. Hanoi hat uns in der Zwischenzeit einen Kaffee gemacht, den sie uns stark gezuckert in Fäßer verladen im Lager von Puerto Ayachucho Plastiktassen reicht. Nachdem die anderen vom Tanken zurück kehren fahren wir in die Stadt um noch Proviant (100 Dosenbier, Wasser, Mückenspray "OFF") für die Reise einzukaufen. Dann setzen wir Hilario zu Hause ab und Mario bringt uns gegen 18:00 Uhr zurück ins Hotel. Wir verabreden uns für 20:00 Uhr zum Essen. Laut Aussage von Mario sind auf Ivans Anfrage beim Swimmingpool Vogelspinnen zu finden. Also gehen wir mit Taschenlampen zum Pool, können aber keine finden. So setzen wir uns vor den Zimmern auf die Betontreppe und Quatschen über Gott und Welt. überall fliegen Käfer herum und Ivan ist begeistert eine Gottesahnbeterin und einen großen schwarzen Käfer zu fangen. Um acht hören wir das Gepolter eines Autos über die Eisenbrücke und Mario kommt mit dem alten Jeep, bei dem nur eine Lampe brennt, um uns abzuholen.

 

Wieder fahren wir über die Ringstraße, holen Hilario und Tamaira ab und kommen schließlich in einen Hof, in dem schon ein paar Autos stehen. Auf offenem Feuer wird Fleisch gebraten, das auf Holzstecken gespießt wurde. Die Blechtische stehen auf einem Betonboden, das Dach ist mit Palmwedeln gedeckt, Wände gibt es keine. Das Fleisch wird kiloweise bestellt und kleingeschnitten auf einem Teller gebracht. Dazu gibt es gekochtes Maniok und Krautsalat. Zur Verfeinerung des Geschmackes gibt es eine weiße und eine feurige Soße, die mit geriebenen Ameisen angesetzt wird. Wir müssen unsere Rucksäcke noch umpacken und fahren gegen 22:30 wieder nach Hause. Kurz vor dem zu Bettgehen um Mitternacht muss Ivan noch einmal zum Swimmingpool , um nach Vogelspinnen Ausschau zu halten, doch wieder ohne Erfolg.