Vereinbarungsgemäß
werden wir um 6:00 Uhr durch Klopfzeichen an der Tür von der
Dame der Rezeption geweckt. Wir sind aber schon seit geraumer
Zeit wach und machen uns für die Weiterreise fertig. Eine halbe
Stunde später sitzen wir mit unserem Gepäck und durch die
Klimaanlage rauen, trockenen Hals in der kleinen Hotelhalle. Ein
spanisch sprechender Taxifahrer versucht uns zum Mitfahren zu
bewegen, wir dagegen versuchen ihm klar zumachen, dass wir
abgeholt werden. Es wird 7:00 Uhr und Ulises ist noch nicht da.
Ivan hat die südamerikanische Auffassung für Pünktlichkeit
seit der letzten Reise wohl vergessen, denn er äußert schon den
Wunsch auf eigene Faust zum Flughafen zu fahren. Erst als ich ihm
zu verstehen gebe, dass wir ja nicht wissen, wann wir mit welcher
Gesellschaft weiterfliegen, lässt er von dem Gedanken ab.
Ungeduldig trägt er aber schon die Sachen vor das Hotel. Um zehn
nach sieben kommt Ulises und entschuldigt sich für seine Verspätung.
Erst jetzt wird uns verständlich, dass der Taxifahrer aus dem
Hotelfoyer, derjenige ist, der uns zum Flughafen bringen soll.
Auch er fährt einen dicken alten Chevi, an dem mehr kaputt als
heil zu sein scheint. Weit und breit sehen wir keinen einzigen
Neuwagen. Später erfahren wir von Mario unserem Tour-Guide, dass
neue Autos nur als Ersatzteillager für alte Autos missbraucht würden.
Tatsächlich - es gibt kaum ein Fahrzeug, an dem Blinker, Spiegel
oder Scheibenwischer vollzählig sind. Es herrscht wieder
morgendlicher Berufsverkehr. Obwohl wir uns auf der Hauptstraße
befinden, kommen aus Seitenstraßen andere, die sich ungeachtet
der Verkehrsdichte Vorfahrt verschaffen. Da wird trotz
Gegenverkehr abgebogen, überholt, stehen geblieben wo man gerade
ist, auch wenn es die verkehrte Straßenseite ist. An einer großen
Kreuzung soll nun der endgültige Stillstand nahe sein. Die Autos
stehen kreuz und quer, dennoch ist keiner ungeduldig und hupt.
Kurzerhand dreht auch unser Fahrer das Lenkrad nach links und fährt
zwischen den Autos auf der anderen Seite hindurch und biegt nach
50 Metern in eine kleine Seitenstraße. Ich sitze auf dem
Beifahrersitz, wage es aber nicht meinen Ellbogen auf das geöffnete
Fenster zu legen. Zu groß ist die Gefahr, mich an den Türholmen
der entgegenkommenden Fahrzeuge zu verletzen. Im Karree gilt es
nun die Kreuzung weiträumig zu umfahren, doch müssen wir schließlich
wieder zurück auf die Hauptstraße. An der Einfahrt stehen schon
einige geduldig wartende Wagen, doch einfach rechts an allen
vorbei und rein in die Kreuzung. Schon kommt der Verkehr wieder
zum Erliegen. Mit Zentimeter-Abstand quetscht sich der mächtige
Chevi in den trägen Verkehr. Die Luft ist durch die Hitze und
dem Verkehr schon am frühen Morgen zum Schneiden dick. 10
Minuten vor acht erreichen wir mit heiler Haut den nationalen
Flughafen. Kurz darauf trifft auch Ulises mit seinem Kleinwagen
ein.
Für 43.900 Bs
kaufen wir die Tickets bei Sta. Barbara-Airlines
und müssen noch 600 Bs für die Flughafengebühr aufbringen.
Ulises begleitet uns noch bis zur Türe des Abflugterminals.
Dabei vereinbaren wir für den Tag unseres Heimflug nach
Deutschland eine Stadtrundfahrt durch Caracas. Um 8:50 besteigen
wir eine ATR 42, die sich dann kurz darauf zur Startbahn in
Bewegung setzt. Mit lauten Gedröhne gewinnt die
Propellermaschine in großen Kreisen über dem Meer an Höhe, um
die 1800 m hohen Berge an der Küste zu überwinden. Während des
80 minütigen Fluges nach Pto. Ayacucho wird uns ein Sandwich und
etwas zu trinken gereicht. Pto. Ayacucho liegt ca. 650 km südlich
von Caracas an der Kolumbianischen Grenze, ist die Hauptstadt des
Bundesstaates Amazonas und ist mit ca. 80.000 Einwohnern die größte
Stadt. Amazonas hat geschätzte 120.000 Einwohner und ist etwas
größer als die halbe Bundesrepublik Deutschland. Von oben sehen
wir auf die kahlen Berge, später die öden Savannen Nord-Venezuelas.
Deutlich können wir erkennen, wie sich das klare Wasser der
Schwarzwasserflüsse mit dem des sedimentreichen Braunwassers
vermischt. Der Flughafen von Puerto Ayacucho liegt direkt neben
den Stromschnellen des Orinokos, die sich aus der
Vogelperspektive wunderschön betrachten lassen. Auf dem Vorfeld
stehen mehrere kleine Propellermaschinen und eine wunderschöne
uralte DC 3 der Air Venezuela. Zu Fuß erreichen wir das kleine
Flughafengebäude, in dem wir gleich hinter der Eingangstüre von
einem Mann etwa unseren Alters mit leichtem ostdeutschen Akzent
angesprochen werden
Es ist Mario, unser Tour-Guide.
Er erkannte Ivan anhand der
Kopie seines Reisespasses, das jedoch - ehrlich gesagt - nur noch
andeutungsweise der Realität entspricht. Er wird begleitet von
Hilario, unserem zukünftigen Bootsführer und der Lebensgefährtin
von Alvaro Carrera. Er selbst ist noch mit einer anderen Gruppe
in den Llanos unterwegs. Wir sind ziemlich erstaunt, von einem
Deutschen in Empfang genommen zu werden. Während wir auf unser
Gepäck warten, erklärt uns Mario den Umstand, den ihn hierher
gebracht hatte. Von seinem Bruder erfuhr er vor einigen Jahren
von der Schönheit des Landes und die wollte er auch einmal
kennen lernen. Er machte daraufhin eine ähnliche Tour, die wir
diesmal vorhaben, kehrte danach nach Deutschland zurück, packte
seine Sachen und wanderte aus. Nun ist er Teilhaber der Travel-Agentur.
Nach ein paar Minuten fährt ein LKW mit dem Gepäck am
Eingang des Flughafens vor. Umständlich wird anhand der Gepäcknummern
in dem Haufen nach den einzelnen gesucht und gefunden. Die Rucksäcke
tragen wir über den Parkplatz zu einem weißen geschlossenem
Landrover mit langem Radstand. Alles passt nicht in den
Kofferraum, weshalb wir einige Teile mit auf den Schoß nehmen müssen.
Die Fahrt zum Hotel "Kurimacare" führt nur um den
Flughafen herum auf die andere Seite. Ein schmaler Weg zweigt von
der Hauptstraße nach links ab. über eine mit Eisenplatten
belegte Brücke befinden wir uns auf dem Anwesen des ehemaligen Bürgermeisters
von Pto. Ayacucho, das gerade zum Hotel ausgebaut wird. Die
Zimmer sind in einem von zwei Reihenbungalows, mit jeweils einem
eigenen Eingang. Auch hier sind sie einfach und zweckmäßig mit
zwei Einzelbetten und Bad mit WC eingerichtet. Der Strom ist
ausgefallen, somit auch die Klimaanlage. Gott sei Dank. Mit südamerikanischer
Sorgfalt wurden sie, für jedermann einsehbar und dadurch auch
kontrollierbar, offenliegend an ein paar Kabel, die aus der Wand
hängen, angeschlossen. Die Sanitäranlagen sind zwar alt, jedoch
sauber und frei von irgendwelchem Getier. Hinter dem Haus
befindet sich ein Swimming-pool, der sich jedoch mangels Wasser
zum Baden nicht eignet. Das Restaurant befindet sich noch im
Umbau. Es bleibt uns nur kurz Zeit das Gepäck in den Zimmern
abzustellen, denn wir müssen noch zum Büro. Also fahren wir
wieder am Flughafen vorbei auf die Ringstraße, die die Stadt
umkreist. Unterwegs zeigt uns Mario schon einige "Sehenswürdigkeiten"
der Stadt, die eigentlich über keine verfügt. Schnell erkennen
wir Marios Humor, dem man nicht unbedingt alles unüberdacht
glauben sollte. Das Büro liegt am Rande des Indianermarktes am
Plaza de los Indianos in einer Bar namens "Arevalo",
die ebenfalls Alvaro gehört. Ohne Türschild, den Grund dafür
erfahren wir später, liegt es verborgen hinter einer grünen Tür
im Eingangsbereich der Bar. Es ist ein kleines Büro, zwei
Tische, ein Stuhl, eine alte Bank, ein Regal, ein Schrank und ein
Funkgerät. In der Ecke stehen Flitzebögen mit Pfeilen der
Yanomamis, an der Wand hängen verschiedene Bilder, die Persönlichkeiten
wie Präsident Perez und Rüdiger Nehberg mit Alvaro zeigen. Auch
einige Zeitungsartikel mit Bildern Carreras sind hinter Glas
gerahmt. Wir erledigen die Formalitäten und lassen auf Anraten
unsere Flugtickets sowie das überflüssige Bargeld verplombt in
den Tresor sperren. Wir berechnen noch kurz unsere weiteren
Ausgaben und kommen zu dem Entschluss, dass jeder noch etwa 100
US-$ tauschen muss. So machen wir uns kurz vor zwölf auf den Weg
zur Bank. Mario begleitet uns und lässt uns vor einem
Schreibtisch in der Banco Unico Platz nehmen. Wir glaubten
anfangs wieder an einen Scherz von Mario, dass Geldtauschen zu
einem Gewaltakt werden kann. Die Angestellte hinter dem
Schreibtisch lässt sich unser Anliegen von Mario erklären und
beginnt sofort mit der Arbeit. Zettelchen hier, Blaupapier dort,
einmal in der Schreibmaschine gespannt, dann wieder
handschriftlich. Passnummer da eintragen, Geldscheinnummer dort.
So geht es eine Weile, bis ich endlich mehrere Stöße mit
Heftklammern zusammengehaltene Zettelchen zur Unterschrift vor
mir liegen habe. Das Blaupapier ist von Geha. Mir wird ein
weiteres Zettelchen mit einer Nummer in die Hand gedrückt, mit
dem ich dann vor dem Geldschalter warten muss, bis meine Nummer
aufgerufen wird. Da ich der einzige am Schalter bin, fällt es
mir leicht, meine Nummer auf spanisch zu verstehen. Schon nach 40
Minuten kann ich ein dickes Bündel Bolivares im Gegenwert von
400 US-$ in meinen Händen halten.
Zum Glück ist Pto. Ayacucho touristisch noch nicht so
erschlossen, sonst könnten für den Geldwechsel leicht ein paar
Urlaubstage draufgehen. Danach gehen wir zurück zur Bar, in der
es für 2000 Bs ein günstiges Mittags-Menü gibt. Es beinhaltet
eine Suppe, gebratenes Rindfleisch mit Reis, als Nachspeise eine
kleine Frucht und dazu eine Cola. Gegen 14:00 machen wir mit Mario
einen Spaziergang durch die Stadt, regeln in einer Bar unseren Flüssigkeitshaushalt
und kaufen in der selben noch ein paar Stangen Zigaretten. Im
Gegensatz zu unseren Läden kann man fast überall alles kaufen.
Hat der eine Laden mehr zu trinken im Regal ist es eine Bar, hat
er mehr Brot und Gebäck ist es eine Bäckerei. Geplant war für
diesen Nachmittag eine Stadtbesichtigung und der etwaige Einkauf
von Tauschwaren für die Indianer. Jedoch wurde für den nächsten
Tag ein Totalausfall der Stromversorgung der ganzen Stadt
angesagt. So müssen schon einige Sachen heute vorbereitet werden.
Uns wird angeboten allein loszuziehen. Mangels Sprachkenntnisse,
sowie unserer Auffassung ein Team zu sein, ziehen wir es vor, bei
den Vorbereitungen behilflich zu sein. So treffen wir uns mit
Hilario und fahren nun mit einem alten, kurz vor dem
zusammenbrechen stehenden, offenen Landcruiser zum Lager der
Firma am Rande der Stadt. Im Lager befinden sich etwa 30 Spritfässer,
1 Aluboot sowie ein noch nicht fertiggestelltes Metallbongo. Mit
einem neuen 4-Taktmotor und dem niedrigeren Gewicht lässt sich
eine Menge Sprit einsparen, das Flair eines Holzbootes geht
jedoch verloren. Nebenan stehen unter einem Dach mehrere
Aquarien, in denen sich einige Barsche und Salmler, sowie 5 Süßwasserstachelrochen
tummeln. Im Haus wohnt wohl Alvaro mit seiner Tochter Hanoi. Zwei
Kinder schauen uns neugierig und schüchtern an. Das kleinere,
ungefähr ein Jahr alt ist das Kind von Hanoi, das andere gehört
den Nachbarn. Wir holen 15 Spritfässer aus dem Regal, schütten
entsprechend dem Inhalt öl für das Benzingemisch hinein und
beladen einen Teil davon auf einen alten Anhänger. Anschließend
fahren wir zu einer nahegelegenen, von der Guardia Nacional
bewachten Tankstelle. Den Begriff "ökologie" haben die
Venezolaner scheinbar noch nicht in den Wortschatz aufgenommen.
Die Zapfsäulen sind zwar überdacht, stehen jedoch ungeschützt
auf dem Sandboden und zwecks der Einfachheit wurde der Boden für
die Fahrzeuge etwa 2 Meter tief abgetragen. Auch hier nur Sand.
Schwarz gefärbt ziehen sich die Spuren verschütteten Benzins über
eine riesige Fläche. Metertief muss das Erdreich verseucht sein.
Wir befüllen die Fässer der Reihe nach mit Benzin. Das Tanken
nimmt einige Zeit in Anspruch, so hängen wir den Hänger ab und
fahren mit Mario und Hanoi zum Eishändler, um 4 Eisblocks à 15
kg zu holen. Diese werden in Thermobehälter gepackt und zurück
ins Lager transportiert. Markus und Bodo bleiben mit Hilario beim
Tanken, das sich verzögert, weil einmal wieder der Strom ausfällt.
Die gefüllten Fässer nehmen wir mit, entladen den Hänger und
stellen die restlichen leeren wieder darauf. Bodo und Markus
fahren wieder mit zur Tankstelle, Ivan und ich ziehen es vor uns
hier in der Gegend mal etwas umzuschauen. Ein paar
Blattschneiderameisen und wenige Blüten an Bäumen und Büschen,
sonst ist nichts weiter zu finden. Hanoi hat uns in der
Zwischenzeit einen Kaffee gemacht, den sie uns stark gezuckert in
Plastiktassen reicht. Nachdem die anderen vom Tanken zurück
kehren fahren wir in die Stadt um noch Proviant (100 Dosenbier,
Wasser, Mückenspray "OFF") für die Reise einzukaufen.
Dann setzen wir Hilario zu Hause ab und Mario bringt uns gegen 18:00
Uhr zurück ins Hotel. Wir verabreden uns für 20:00 Uhr zum
Essen. Laut Aussage von Mario sind auf Ivans Anfrage beim
Swimmingpool Vogelspinnen zu finden. Also gehen wir mit
Taschenlampen zum Pool, können aber keine finden. So setzen wir
uns vor den Zimmern auf die Betontreppe und Quatschen über Gott
und Welt. überall fliegen Käfer herum und Ivan ist begeistert
eine Gottesahnbeterin und einen großen schwarzen Käfer zu
fangen. Um acht hören wir das Gepolter eines Autos über die
Eisenbrücke und Mario kommt mit dem alten Jeep, bei dem nur eine
Lampe brennt, um uns abzuholen.
Wieder fahren wir über die Ringstraße, holen Hilario und Tamaira ab und kommen schließlich in einen Hof, in dem schon ein paar Autos stehen. Auf offenem Feuer wird Fleisch gebraten, das auf Holzstecken gespießt wurde. Die Blechtische stehen auf einem Betonboden, das Dach ist mit Palmwedeln gedeckt, Wände gibt es keine. Das Fleisch wird kiloweise bestellt und kleingeschnitten auf einem Teller gebracht. Dazu gibt es gekochtes Maniok und Krautsalat. Zur Verfeinerung des Geschmackes gibt es eine weiße und eine feurige Soße, die mit geriebenen Ameisen angesetzt wird. Wir müssen unsere Rucksäcke noch umpacken und fahren gegen 22:30 wieder nach Hause. Kurz vor dem zu Bettgehen um Mitternacht muss Ivan noch einmal zum Swimmingpool , um nach Vogelspinnen Ausschau zu halten, doch wieder ohne Erfolg.