2. Tag

San Fernando de Atabapo

Samstag, 28.10.2000

 

Es ist der 28.10.2000. Um sechs Uhr morgens wache ich auf. Durch meine Bewegungen, die über den Balken weitergleitet werden, wachen auch die anderen auf. Die Sonne ist gerade aufgegangen und strahlt durch die Blätter. Wir hängen unsere Hängematten ab, verknoten die Enden, damit sich die einzelnen Schnüre nicht ineinander verheddern und stecken sie in Plastiktüten verpackt in das Fass. Dieses tragen wir zum Boot. Hilario und Tamaira schlafen noch. Wir verhalten uns ruhig und waschen uns im Fluss. Der anschließende Versuch zu Angeln scheitert wieder. Inzwischen sind die beiden vom Boot auch aufgestanden und sie räumen ihre Sachen auf. Danach können wir auf das Boot. Um an unsere Sitzplätze zu kommen, müssen wir über die Spritfässer, die im Bug gestapelt liegen, klettern. Jeder setzt sich wieder an den gleichen Platz. Tamaira macht zum Frühstück Rührei mit Schinken und kocht uns einen Kaffee. Scheinbare Sicherheit: inzwischen wurden die Motoren einem anderen Zweck zu geführt Um den Geschmack zu verfeinern, nehme ich ihn ausnahmsweise mit Zucker. Um halb 10 verabschiedet sich Mario von Juan und stößt das Boot vom Ufer ab. In einem großen Bogen steuert Hilario das 18-Meter-Gefährt ins Fahrwasser, etwa in der Mitte des großen Flusses. Von hier ist das Ufer nur als schmaler Streifen zu erkennen. Doch die Landschaft ändert sich noch häufig. Manchmal fahren wir an schwarzen Hügeln vorbei, deren Granitplatten in der Sonne glänzen. Vereinzelt sieht man an beiden Ufern noch kleine Ansiedlungen. Wie aus dem nichts kommen auf einmal harmlose Stromschnellen und ein riesiger Granitblock steht vor uns mitten im Wasser. Deutlich kann man erkennen, wie hoch das Wasser in der Regenzeit steht. Am Rand des Felsens führt eine Treppe nach oben, wo eine etwa 5 Meter hohe vergoldete Marienstatue mit Jesuskind steht. Sie wurde vor vielen Jahren von missionierenden Mönchen dort droben aufgestellt. Mario gibt uns die Möglichkeit zu ihr hinauf zu steigen, jedoch lehnen wir ab. Wir möchten weiter, denn unser Ziel ist der Rio Casiquiare.

 

Um 12:20 Uhr erreichen wir Primavera, eine kleine Ansiedlung am Ostufer des Orinokos. Hier gibt es Höhlen, die wir uns gerne ansehen möchten. Mario rät uns zu langer Kleidung und festem Schuhwerk, da wir durch Gestrüpp und anschließend auch noch etwas klettern müssen. Das Dorf liegt etwa 300 Meter vom Ufer entfernt. Bei Hochwasser tritt der Fluss über die Ufer und bildet dahinter eine Lagune. Die Bewohner des Ortes sind Indianer, die aus den Wäldern stromabwärts zogen. Um zu verhindern, dass sie in den Slums der Großstädte untergehen, wurden vor einigen Jahren einheitliche kleine Betonplattenhäuser von der Regierung gebaut und den Indianern Vieh zur Zucht gegeben, damit sie hier sesshaft werden können. Eine von christlichen Mönchen erbaute Marienstatue Eine Gruppe von Kindern kommt auf uns zu und begleitet uns über die jetzt trockene Weide, auf der einige bis auf die Knochen abgemagerte Kühe grasen, zum Dorf. In einem kleinen See baden Kinder und Frauen waschen die Wäsche. Es ist brütend heiß. Es geht kein Wind, der uns etwas Abkühlung verschaffen könnte. Und wieder umschwirren uns Hunderte kleiner Fliegen. Im Dorf angekommen, suchen wir unter Bäumen Schutz vor der Sonne. Der Dorfvorstand empfängt uns und Mario erklärt ihm unser Vorhaben, die Höhlen zu besichtigen. Er holt seine Taschenlampe und seine Machete. Zusammen mit ihm setzt sich unsere Gruppe in Richtung zum Hügel in Bewegung. Magere Hühner kreuzen unseren Weg. Auf einem Gestell aus Holzstecken wird in der Sonne Casave getrocknet. Casave ist das Brot der Indianer und Hauptnahrungsmittel. Die Herstellung lernen wir später bei Aldo in Bella Vista kennen. Einige Kinder begleiten uns barfuss durch das Gebüsch zum Berg. Der Weg ist inzwischen wieder zugewuchert und muss mit den Macheten freigeschlagen werden. Wohin man auch nur sieht, leuchten Blüten in unterschiedlichsten Formen und Farben. Erst als wir den Wald erreichen wird die Luft etwas kühler. Vor uns versperren gigantische Granitblöcke, die neben- und aufeinander liegen, den Weg. Zwischen ihnen befinden sich schmale Spalten, durch die wir uns im Schein der Taschenlampen zwängen. Die Statue befindet sich auf einem riesigen Felsen mitten im Orinoco Aufgeschreckte Fledermäuse fliegen umher, von oben wachsen meterlange Wurzeln der Bäume herab und suchen im Grund nach Wasser. Die Sonnenstrahlen scheinen durch die schmalen Spalten und erzeugen ein gespenstisches Licht. Wir sind fasziniert von der Schönheit. Über steile Abbrüche und über Wurzeln kommen wir immer weiter nach oben. Dort angekommen spuckt uns der Wald auf einem Felsplateau wieder aus. Die Aussicht ist phantastisch. Die Mittagssonne erhitzt den Fels und die Wärme wird wieder abgegeben. Es ist windstill und unerträglich heiß. Die Schweißdrüsen arbeiten auf Hochtouren und es käme einer Folter gleich, dort oben länger als nötig zu verweilen. Die Getränkeflaschen sind schon nach kurzer Zeit geleert. Ivan findet auf dem Rückweg Caņa de la India, eine Art Rhabarber, und schlägt ein etwa ein Meter großes Stück ab. Geschält und in kleine mundgerechte Stücke geschnitten, kann man das Gewächs kauen und erhält eine große Menge eines etwas säuerlichen Saftes. Die holzigen Fasern spuckt man danach wieder aus. Indianer bevorzugen diese Art zu trinken in Gebieten ohne fließender Gewässer.

 

Um halb zwei erreichen wir wieder unser Boot. Einige Kinder sind auch mit gekommen. Wir schenken ihnen ein paar unserer Müsli-Riegel. Tamaira hat für uns Gulasch gekocht. Das Fleisch hierfür haben wir aus Pto. Ayacucho mitgebracht, das in den Thermobehältern vom Eis gekühlt gelagert wird. Das Schmelzwasser benutzen wir zum Trinken. Nach dem Essen trinken wir wieder einen Kaffee. Da Tamaira weder Deutsch noch Englisch spricht und wir der Spanischen Sprache nicht mächtig sind, entwickelt sich zwischen ihr und uns kein Gespräch. Außerdem wacht Hilario über sie wie ein Hund über sein Herrchen. Außer "café sin azugar" und "gracias" fallen kaum Worte. Langsam werden die Fliegen zur Last. Unwissend über die Folgen, entledigten wir uns der langärmligen Kleidung und bieten mit unserer schwitzigen Haut ein Festmahl für diese kleinen Biester.

 

Um halb vier fahren wir weiter. Das Westufer des Orinoko bildet die Grenze zu Kolumbien. Aus Medien haben wir schon viel über die kolumbianische Guerilla gehört. Touristen wird angeraten das Gebiet weitläufig zu meiden. Bislang hatten wir aber noch keinen Kontakt mit irgend einer feindlich gesinnten Gruppe. Bei einem langen Gespräch mit Mario werden wir über die Hintergründe dieser Meldungen aufgeklärt. Im Großen und Ganzen ist alles nur eine Werbekampagne der nördlichen Provinzen, um Touristen abzuschrecken und davon abzuhalten in den Süden des Landes zu reisen. Es gibt zwar schon ein paar Überfälle auf bedeutende Geschäftsleute, aber im allgemeinen herrscht die Regel: "läßt du mich in Frieden, dann laß ich dich in Frieden." Manchmal wird auch einer von einer Gruppe umgebracht, um die Schuld einer anderen verfeindeten Gruppe in die Schuhe zu schieben. Die Zahl der Toten durch Überfälle im gesamten Grenzgebiet ist jedoch übers Jahr verteilt geringer als in Caracas an einem Wochenende.

 

Am Spätnachmittag verlassen wir den Orinoko und fahren in den Atabapo hinein. Von einer Sekunde auf die andere färbt sich das Wasser tiefschwarz. Bernsteinfarben leuchtet das Spritzwasser der Bugwellen in der Sonne. Kurz danach erreichen wir San Fernando die Atabapo, die letzte zivilisierte Ansiedlung der nächsten 1.000 km. Das Gebiet ist auch eine geologische Besonderheit: Aus allen vier Himmelsrichtungen kommen Flüsse. Der Orinoko aus dem Osten, der Atabapo aus dem Süden und der Guavare aus dem Westen. Hier strömen sie alle zusammen und fließen als Orinoko weiter Richtung Norden.

 

Am Ortseingang liegt direkt am Fluss eine Kaserne der Marine. Einige zerstörte Gebäude stehen auf dem Gelände als Mahnmal irgendwelcher Auseinandersetzungen vor einigen Jahren. Die Felsenhöhlen von Prima Vera. Ein Blick nach oben Bevor wir jedoch zu unserem Nachtquartier fahren, müssen wir noch einen Halt an der Kontrollstation einlegen. Wieder müssen alle Papiere vorgelegt und abgestempelt werden. Am flachen Ufer liegen mehrere große und kleine Bongos, ein LKW rangiert am Ufer um von einem Lastenkahn Ladung zu übernehmen. Der Zwischenstop dauert nur wenige Minuten und wir fahren gleich danach wieder etwa einen halben Kilometer flussabwärts in eine kleine Sandbucht. Zwischen zwei großen Felsen legen wir an und vertäuen unser Boot. Während Mario unser Nachtlager in einem Haus mit einer großen Veranda direkt oberhalb unserer Anlegestelle organisiert, versuchen wir wieder einmal unser Glück mit dem Angeln. Aber wie bisher bleibt der Erfolg aus. Das Haus gehört einem ehemaligen Geschäftspartner Alvaros, der vor einigen Jahren seine Spedition in Pto. Ayacucho aufgab und sich hier in San Fernando zur Ruhe setzte. Im kristallklaren Wasser erkennen wir viele kleine Welse und Salmler und Ivan kommt die Idee, diese mit einem Netz zufangen. Er zerschneidet einen Netzbeutel und bastelt damit ein Fangnetz. Zumindest fängt er damit ein paar kleine Welse als Köderfische, die in einem gelben Eimer mit Wasser für den nächsten Tag gehalten werden. Mehr als 30 Meter lange Wurzeln holen sich das Wasser aus dem Höhlenboden Das Wasser ist ausgesprochen sauber und warm und lädt uns zu einem ausgiebigen Bad ein. Derweilen bereitet Tamaira das Abendessen zu. Heute gibt es Hühnersuppe mit Nudeln. Eigentlich wollen wir unsere Hängematten bei Licht aufhängen, aber ein Stromausfall legt zum wiederholten Male die Energieversorgung der ganzen Stadt lahm. Wir genießen das Abendessen und Hilario öffnet zu Feier des Tages eine Flasche Rum. Mit den Bechern legen wir uns auf die von der Sonne aufgewärmten Steine und beobachten den Nachthimmel. Der zunehmende Mond spiegelt sich in dem aalglatten Wasser. Tausende von Sternen funkeln vom Himmel und etwas entfernt tobt in einer einzigen Kumuluswolke ein heftiges Gewitter. Deutlich kann man erkennen, wie die Blitze innerhalb der Wolke von einer Ecke zu anderen zucken und die gesamte Wolke beleuchten. Ein einzigartiges Schauspiel der Natur, das ich noch nie zuvor sah. Laute Musik aus der Open-Air-Diskothek teilt uns mit, dass die San Fernando de Atabapo: Abendrot über Kolumbien Stromversorgung wieder hergestellt wurde. Es stellt sich nur die Frage wie lange. Deshalb holen wir gleich unsere Tonne mit den Hängematten und tragen sie hinauf zur Veranda. Wir sind nicht allein. Eine Indianerfamilie mit einem kleinen Kind schläft schon im unteren Teil der zweigeteilten Veranda. Schweigend bereiten wir unser Nachtlager und legen uns danach wieder zurück auf die Steine am Fluss. Das der Strom schon wieder ausfällt kümmert uns wenig. Ivan und Hilario werfen ein paar Köderfische aus, um durch Grundangeln große Welse zu fangen. Ob ihnen das gelingt, werden wir am nächsten Tag sehen. Hilario verteilt noch eine Runde Rum und anschließend gehen wir um halb elf ins "Bett". Bald schlafen wir ein, doch um drei werde ich wach. Meine Ellbogen rieben an der rauen Hängematte und reizten die Fliegenbisse. Doch das Kratzen verstärkt diesen Effekt noch mehr.