Ob ich seit dem nächtlichen Kratzen noch einmal eingeschlafen bin, kann ich nicht sagen. Jedenfalls erlebe ich die kurze Morgendämmerung. Um 6:00 kann mich nichts mehr halten und ich stehe auf. Die Indianerfamilie schält sich ebenso gerade aus ihren Hängematten. Obwohl sich jeder sehr
ruhig verhält, lässt die Unruhe auch die anderen erwachen.Der Himmel ist heute morgen bedeckt, doch wenn später die Kraft der Sonne zugenommen hat, wird die Wolkendecke aufreißen und wieder blauer Himmel zu sehen sein. Wir bauen unser Nachtlager ab und verstauen die Hängematten wieder in der Tonne. Hilario und Tamaira schlafen noch im Boot, doch gleich nachdem wir die Tonne am Boot abstellen, beginnen sich die Hängematten zu bewegen. Das Wasser des Atabapo lädt direkt zum Baden ein und wir werfen uns gleich in das herrliche Nass. Das Bad wird gleich mit der Morgenwäsche verbunden. Aus Umweltgründen haben wir nur Kern- und Outdoorseifen mit biologisch abbaubaren Substanzen mitgenommen. Während Bodo, Markus und ich uns noch im Wasser aalen, versucht Ivan wieder sein Anglerglück. Doch lässt ihn es diesmal ebenso im Stich wie tags zuvor. Hilario und Mario heben derweilen 2 Spritfässer aus dem Bug und stellen sie auf die aus dem Wasser ragenden Steine. Dann binden sie das Bongo los und drehen es, damit das Heck nun am Ufer steht. Mit einem Plastikschlauch wird nun der Sprit von den außenstehenden Fässern in die leeren im Boot umgefüllt. Ob das Ansaugen des Benzingemisches durch den Schlauch für Hilarios Gesundheit unbedenklich ist, kann ich mir nicht vorstellen. Nachdem er meint, er käme allein zurecht, vereinbaren wir uns später am Hafen zu treffen. Wir möchten gerne einen Spaziergang durchs Dorf machen.
So machen wir uns auf den Weg. Bei der Veranda werden wir vom Haushund angebellt und Alvaros Freund kommt aus dem Haus. Wir bedanken uns für die Gastfreundschaft und verabschieden uns von ihm und seiner Familie. Bevor wir das Gelände verlassen, entdecken wir eingezäunt hinter Maschendraht ein Lager mit mehreren wassergefüllten Becken, in denen ein paar Zierfische auf den Versand warten. Die betonierte Straße in Dorfzentrum ist in einem maroden Zustand. Überall Schlaglöcher und auf manchen Gullys fehlt der Deckel. Aber keinen kümmert es, denn es gibt lediglich zwei oder drei Autos hier und den Fahrern sind solche Missstände bekannt. Obwohl heute Sonntag ist, haben die Verkaufsbuden am Straßenrand offen. Es wird Obst, Lebensmittel und Kleidung angeboten und Mario kauft ein paar Bananen. Auf der linken Straßenseite stehen ein paar kleine Einfamilienhäuser aus Beton, Kinder spielen auf der Straße und betrachten uns neugierig. Im Dorfzentrum befindet sich, wie wohl in jeder Stadt die "Plaza de Simon Bolivar". Aus Lautsprechern am Gebäude dahinter schallt laut Glockengeläute und ruft die Christen in die Kirche. Ob die Bewohner wirklich an den christlichen Gott glauben oder weil die anderen gehen oder nur des Singenswillen in die Kirche gehen, kann uns Mario nicht beantworten. Zu Zeiten der Missionierung fanden die Ureinwohner dort Hilfe, ob sie auch zur Bekehrung den Willen fanden? Wer weiß es genau? Auf der anderen Seite des Platzes befindet sich die örtliche Polizeistation. Für die Polizisten gibt es nichts zu tun, sie sollen nur präsent sein. Die Aufgaben der Kontrolle und Ordnung übernimmt, nicht wie bei uns, die Guardia Nacional, deren Kaserne sich an der Straße vom Plaza Bolivar zum Hafen befindet. An der Bar gegenüber nehmen wir auf der Steinmauer Platz und warten, bis Hilario mit dem Boot kommt und uns abholt. Kurz vor neun Uhr hören wir den 2-Takt-Motor und unser Bongo legt am Ufer an. Mitten auf der Straße sitzt an einem kleinen Holztisch ein Soldat der Guardia Nacional. Bei ihm melden wir uns für die Weiterfahrt ab und besteigen unser Boot. Tamaira hat inzwischen das Frühstück zubereitet: Arepas mit Schinken und Käse. Es ist schon ein eigenartiges Gefühl genüsslich in die heißen Maisfladen zu beißen, während den anderen am Ufer, die uns dabei beobachten, wahrscheinlich das Wasser im Mund zusammenläuft.
Mario bietet uns an, mal in das kolumbianische Dorf Manaven am anderen Ufer zu fahren. Wir stimmen zu und fahren im Schutze einer Insel illegal hinüber. Vor Ordnungshütern oder anderen staatlichen Behörden brauchen wir uns nicht zu fürchten, denn die Gemeinde ist weder zu Land noch aus der Luft zu erreichen.
Der einzige Weg dorthin führt über den Fluss, der aber auf venezolanischen Hoheitsgebiet liegt. Ein Eldorado für jeden Ganoven. Die Holzhäuser stehen auf Stelzen unmittelbar an dem durch in die Erde gespießte Stämme gesicherten Sandufer. Über Wurzeln und gegrabene Stufen klettern wir der steilen Böschung empor. Auf unser Kaufinteresse wartend werden wir von den Menschen beobachtet, aber wir wollen uns nur umschauen. In den Läden werden uns Ledersachen, Kleidung und Dinge des täglichen Gebrauchs angeboten. Die Hängematten sind zwar günstiger als die, die wir vor drei Jahren in Ciudat Bolivar kauften, aber von der Qualität und dem Komfort weitaus schlechter. Inzwischen hat die Sonne den Kampf mit den Wolken gewonnen und brennt vom Himmel. Wir schwitzen und bekommen Durst. In einer kleinen Bäckerei kaufen wir uns eine Coca-Cola, setzen uns auf die Plastikstühle auf der kleinen Terrasse und blicken auf den schlammig-braunen Fluss namens Guaviare. Plötzlich dringt aus dem Laden ein ohrenbetäubender Lärm und das Haus beginnt zu vibrieren. Aus dem Verkaufsfenster dringt Qualm und es stinkt fürchterlich nach Abgasen. Unsere Neugier wurde dadurch geweckt und wir versuchen die Ursache heraus zu finden. Im Inneren des Hauses steht ein alter Motor, der mit lautem Getöse über einen Riemen eine Walze antreibt, durch die der Bäcker seinen Teig kneten lässt. Ungeschützt steht der Mann in dem mit Rauch gefüllten Raum. Von Arbeitsschutzmaßnahmen hat wohl noch niemand etwas gehört. Uns jedenfalls ist es zu laut und der Gestank zu arg, trinken schnell unsere Flaschen leer und begeben uns aus der "Gefahrenzone". Auf dem Rückweg sehen wir noch ein paar Schweine, die frei zwischen den Häusern umherlaufen. Nach einer halben Stunde sitzen wir wieder in unserem Boot und Mario meint, wir könnten jetzt behaupten: "Ich war mal eben in Kolumbien, hab `CocaŽ geholt".
Wir fahren das kleine Stück den Atabapo flussabwärts und biegen schließlich wieder in den Orinoko. Für uns ist der krasse Wechsel vom kristallklaren Schwarzwasser zum trüben braun des riesigen Stromes ein wunderbar zu betrachtendes Naturschauspiel.
Auf der weiteren Reise gibt es kaum etwas neues. Hilario hält das Boot in der Fahrrinne, die sich überwiegend in der Mitte des Flusses befindet. Das Ufer erscheint dann nur als schmales grünes Band auf beiden Seiten. Wir haben Zeit uns etwas auszuruhen. Außer Ivan: er sortiert seine Käfer und Heuschrecken in seiner Blechkiste, stellt sie in die Sonne, um die Insekten zu trocknen und wacht darüber, dass kein Wasser in sein Heiligtum spritzt. Wenn die Fahrrinne in Ufernähe verläuft, versuche ich irgendwelche Tiere im dichten Grün des Waldes zu entdecken. Doch wie Mauern verhindern riesige Kletterpflanzen mit dichtem Blattwerk jegliche Sicht nach innen. Auf den Ästen der Bäume sitzen diverse Vögel, doch bevor man sie sieht, werden sie durch das Motorengeräusch aufgescheucht und verschwinden im ewigen Grün. An den gewaltigen Stämmen der Urwaldriesen sitzen Bromelien, Orchideen und andere Pflanzenarten, deren Wurzeln tief nach unten wachsen und im kargen Urwaldboden nach Wasser und Nährstoffen suchen.
Die Sitte verlangt es, dass wir nicht kurzerhand vor dem anderen Geschlecht über die Bordwand pinkeln, so biegen wir in der Mittagszeit in einen Seitenarm und machen eine Pause. Jeder sucht sich ein Plätzchen um seine Notdurft zu verrichten. Tamaira wird dabei immer von Hilario begleitet. Um sie vor uns zu schützen? Oder sie von der Versuchung abzuhalten? Immerhin sind wir sechs Männer. Egal. Derweilen wird wieder um die Wette gefischt. Während die anderen sechs Fische an Land ziehen, lässt der Erfolg bei Markus und mir noch auf sich warten. Die Fische werden ausgenommen und geputzt und im gelben Eimer aufbewahrt. Tamaira brät ein Huhn und serviert es schließlich mit Nudeln. Auf der Weiterfahrt unterhalten wir uns über die Geschichte der Indianer. Auch diesmal werden wir durch Mario über die Wirklichkeit aufgeklärt. Zuhause wurde uns noch ein schlechtes Gewissen eingeredet, als andere von unserem Vorhaben erfuhren. Wir würden mit unseren zivilisierten Mitteln - Photoausrüstung, Video, Taschenlampen usw. - die Kultur der Indianer zerstören. Dass der Tourismus die Zivilisierung der Indianer fördert, steht ohne Zweifel. Es kommt jedoch darauf an, wie der Tourismus betrieben wird und hierbei gibt es zwei unterschiedliche Formen. Bei der einen kommt ein Reicher oder eine Gesellschaft und setzt, nachdem die Regierung geschmiert wurde, ein Hotel mitten ins Zentrum der Naturschönheiten. Die Indianer, die hier in Frieden lebten und die Tepuis als Tempel der Götter verheiligten, werden als Bedienstete zu Minimallöhnen "versklavt". Bei den Shows am Abend soll dann das Zimmermädchen vom Morgen bunt geschminkt und tanzend den Touris vorgaukeln, was Indianertradition ist. Als bestes Beispiel ist hier Canaima zu erwähnen. "Canaima - Perle des Regenwaldes".
Auf keinem Werbeprospekt von Venezuela fehlt der sagenhafte Blick über die Lagune und dem imposanten Wasserfall hinüber zu den beiden Tepuis. Nirgends wird jedoch erwähnt, dass dieser Ort von der Fluggesellschaft "Avensa" beherrscht wird. Nirgends ist zu sehen, dass die Startbahn nur 100 Meter von der Lagune entfernt ist. Auch nicht, dass es nur ein Hotel gibt, welches ebenfalls der Fluglinie gehört. Ein paar Rafting- und Tourenanbieter sind zwar ansässig, aber alles in Europäischer und Amerikanischer Weißer Hand. Die Indianer sind zivilisiert. Sie haben feste Arbeit und Lohn. Doch was haben sie wirklich? Sie haben nichts. Doch - sie haben ihre Freiheit verloren. Sie sind abhängig, arbeiten von früh morgens bis spät in die Nacht. Der Lohn ist so niedrig, dass sie sich kaum ernähren können, geschweige denn fortzugehen und woanders Fuß zu fassen. Der Tourismus hat ein Volk und seine Traditionen zerstört.
Aber es geht auch anders, so wie ihn unsere Travel-Agentur praktiziert. Alvaro Carrera sieht seine Firma nicht als Reisebüro für Touristen an, sondern, ich würde sagen als Spedition (menschlicher) Ware. Man kommt zu ihm, sagt ŽDa will ich hin`, und er organisiert alles weitere, Genehmigungen, Verpflegung, Treibstoff usw. Soweit es geht wird seine Ware versorgt und am Ziel ist er der Mittelsmann zwischen Dir und den Indianern. Alles weitere liegt im Willen und in der Gewalt der Indianer. Sie sind ihre eigenen Chefs und der Verdienst geht einzig und allein in ihre Kasse. Alvaro hat ihnen klar gemacht, dass die Menschen, die in den Regenwald kommen, keine Zivilisation kennen lernen möchten, denn diese haben sie schon. Sie möchten sehen, wie andere Menschen mit und in der Natur leben, was sie denken und fühlen. So haben sie auch alles, Arbeit und Lohn. Und vor allem haben sie einen Grund, weiter an ihrer Tradition fest zuhalten.
Aber es gibt noch einen weiteren Grund, der die Zivilisation in den Regenwald bringt. Es ist die korrupte Politik! Kurz vor den Regierungswahlen in dem demokratischen Staat ziehen die Politiker hinaus aufs Land um auch von den letzten einige Stimmen zu erhalten. Sie ziehen nicht allein. Im Gepäck haben sie Aluminium-Boote, die wesentlich leichter und handlicher sind, und überreichen diese den Dorfvorständen der einzelnen Gemeinden als Geschenk mit der Bitte, auf dem Wahlzettelchen ein Kreuzchen hinter seinem Namen zu machen. Einige Zeit später kommt auch schon der Kontrahent des Politikers mit Außenbordmotoren im Gepäck und der gleichen Bitte. So geht es von einer Wahlperiode zur nächsten. Motorsägen und Stromaggregaten kommen so tiefer und tiefer in den Wald. Einziges Problem ist der dazu gehörige Sprit. Den gibt es nur in den größeren Städten. So ist es nicht selten, dass manche 70 Liter Sprit und einen ganzen Tag verfahren um 100 Liter einzukaufen. Wir werden es später selbst erleben.
Die Angelei hat uns viel Zeit gekostet. So erreichen wir den Kontrollpunkt an den Stromschnellen von Santa Barbara erst um 16:30 Uhr. Hilario und Mario gehen hinauf zu dem weißen Betonhaus mit den grün vergitterten Fenstern. Die Soldaten spielen, soweit ich es auf die Entfernung erkennen kann, Karten. Mario hat uns von den miserablen Zuständen in diesem Kontrollpunkt erzählt. Sie haben kein eigenes Boot und sind auch sonst weder zu Land noch durch die Luft zu erreichen. Sie haben kein Funkgerät, mit dem sie mit jemanden in Kontakt treten können.
Von Zeit zu Zeit kommt einmal ein Versorgungsboot der Guardia Nacional, um sie mit dem Notwendigsten zu versorgen. Doch der Nachschub reicht meist nicht bis zur nächsten Lieferung. So geschah es einmal, dass Mario hier anlegte und völlig verwahrloste und abgemagerte Soldaten antraf. Ihnen war vor 14 Tagen das Essen ausgegangen, hatten nichts mehr zu trinken und zu rauchen, sie waren am Ende. Seitdem bringt Mario immer etwas mit, dieses mal ist es ein Paket Kaffee. Hilario fährt uns sicher durch die Strömungen. Schäumendes Wasser und Strudel lassen uns ein wahres Felslabyrinth unter der Wasseroberfläche vermuten. Wir kommen in die Region, in der der Ventuari aus dem Nordosten in den Orinoko fließt. Durch die großen Wassermassen und das sehr geringe Gefälle bildete sich hier ein großes Binnendelta. Mehr als 300 Inseln teilen die Flüsse in viele kleine oder größere Kanäle. Mal fahren wir mit der Strömung, mal dagegen. Für mich ist es erstaunlich, hier den richtigen Weg zu finden. Unser geplantes Ziel erreichen wir heute nicht mehr. Hilario steuert eine Insel an und lenkt das Boot bei einer Lichtung ans Ufer. Wie immer klettert Mario über die Spritfässer nach vorne und bindet das Bongo an einem Baum fest. Wir werden also heute das erste mal in der freien Wildnis übernachten. Mario klärt uns darüber auf, wie er sich das Lager vorstellt. Hilario unterdessen erkundet die Insel. Es ist zwar selten, doch manchmal schwimmt ein Jaguar über den Fluss und lässt sich auf einer Insel nieder. Doch er findet zu Glück nur Spuren von Wasserschweinen. Das Lager soll in Form eines Kreuzes entstehen. Ein Baum dient uns als Ausgangspunkt und wir benötigen noch vier weitere Stämme, die stark genug sind um unsere Hängematten daran zu befestigen. Bevor wir jedoch gesunde Bäume fällen, suchen wir die etwa 50 x 70 Meter große Lichtung nach Stämmen früherer Lager ab. Um etwas finden zu können, schlagen Ivan und Mario mit den Macheten das mannshohe Gras nieder. Beim Test, ob der gefundene Stamm auch noch über ausreichenden Stabilität verfügt, schlägt Ivan mit seiner Machete in ein Wespennest. Sekunden später wird er von vielen umschwärmt und attackiert. Es hilft nur noch die Flucht, doch von einer wird er in den Nacken gestochen. Die Wespenmeute stürzt sich unterdessen auf Mario, der ebenfalls wie von der Tarantel gestochen das Weite sucht. Ivan hat schreckliche Schmerzen und verspürt eine Nackensteife. Wohlwissend, dass es in diesen Regionen auch tödliche Wespen gibt und weit und breit keine medizinische Hilfe zu erwarten ist, steigt in ihm die Angst hoch. Er beschreibt mir, wo in seinem Rucksack die Medikamente für den Notfall untergebracht sind. Da sich sein Zustand aber nicht verschlechtert, wird es wohl keine giftige gewesen sein.
Die vier Stämme waren schnell gefunden, und wir müssen nun mit unseren Macheten Löcher graben, in die wir dann die Pfähle stecken. Als jeder seinen Pfahl eingegraben und mit den Füssen fest getreten hat, entfaltet Mario die schwarzen Plastikplanen. Entsetzt müssen wir feststellen, dass sie viel zu klein sind. Wir müssen uns etwas neues ausdenken. Der Baum wird nun als Zentrum benutzt und nun im Bogen die Pfähle um den Baum gesetzt. Seile werden gespannt, auf die die Planen gelegt werden, die uns später als Dach dienen sollen. Wir müssen uns beeilen. Die Sonne ist schon untergegangen und die Nacht bricht herein. Im Schein von Taschen- und Stirnlampen hängen wir die Hängematten an die vier Pfähle. Die fünfte wird noch an einen anderen Baum in der Nähe geknotet. Bodo sammelt einen enormen Berg an Feuerholz, das verstreut in der Wiese liegt, und wirft alles auf einen Haufen. Während dessen sucht Hilario eine geeignete Feuerstelle. An einem Ast hängt er an einem Seil den Grillrost auf und schlichtet darunter die abgebrochenen Zweige auf. Bald darauf lodern die ersten Flammen und der geputzte Fisch wird auf den Rost gelegt.
Während Bodo, Markus und ich unsere Tagebücher schreiben, bereitet Ivan seine Angel für den nächsten Tag vor. Die Zeit vergeht und der Fisch wird immer schwärzer. Wir wundern uns darüber und denken nach geraumer Zeit, dass er unserer Meinung nach schon längst fertig wäre. Aber Hilario macht keine Anstalten den Fisch vom Rost zu nehmen. Im Gegenteil, er legt noch mehr Holz auf, nimmt noch ein Bad und wirft zwei Angelschnüre zum Grundangeln aus. Auch in der "Küche" bleibt es ruhig. Nirgends ist etwas zu bemerken, dass sich jemand um die Zutaten zum Fisch kümmert. Jetzt liegt der Fisch schon mehr als eine Stunde auf dem Rost und kokelt langsam vor sich hin. Wir umgehen eine direkte Konfrontation, indem wir kundgeben, wir hätten einen großen Hunger.
Von Mario erfahren wir, dass der Fisch hier im Süden oft einen ganzen Tag gebraten würde, um ihn länger haltbar zu machen. Erst jetzt beginnt Tamaira mit der Zubereitung des Salates und des Reises. Nach geschlagenen eindreiviertel Stunden holt Hilario den Fisch vom Feuer, teilt ihn und endlich können wir essen. Der größte Teil ist jedoch dermaßen verkohlt und trocken, dass er für uns ungenießbar scheint und wir das meiste in den Fluss den Fischen zum Fraß werfen. Schade darum - es waren wunderbar saftige Pavons.
Plötzlich wird unser Groll über das Essen durch heftiges Ziehen an den Angelschüren unterbrochen. Mario und Hilario versuchen die Schnüre einzuholen, was ihnen nur mit Mühe gelingt. Es artet fast in einem Kampf mit dem Fisch aus, doch der Fisch verliert. Ein etwa 50 cm langer Wels hängt am Haken. Vergessen ist der Frust, dagegen wird die Lust aufs Angeln geweckt. Eifrig werden nach dem Essen die Angeln ausgeworfen, doch einen Erfolg haben wir nicht mehr. Ich gebe bald auf und beobachte lieber die Gewitter, die in der Ferne nieder gehen. Wir haben Glück, denn außer in paar wenigen Tropfen, bekommen wir von der tropischen Dusche nichts ab. Langsam geben auch die anderen das Angeln auf und wir öffnen ein paar Dosen Bier und lassen die Flasche Rum kreisen. Bodo geht es inzwischen immer schlechter. Er hustet schon den ganzen Tag und spuckt grünlichen Schleim. Wir raten ihm, mit einer Antibiose zu beginnen und geben ihm Megazillin-Tabletten. Wir verhandeln mit Hilario, morgen etwas früher aufzustehen, damit wir am Nachmittag eher unser Ziel erreichen zu können. Unser Bestreben liegt vor allem darin, den Wald und seine Bewohner kennen zulernen und nicht nur den ganzen Tag im Boot zu sitzen, kurz vor Anbruch der Dunkelheit irgendwo anzukommen und dann bei Finsternis unser Lager aufzubauen.
Gegen dreiviertel elf brechen wir den heutigen Tag ab und lassen uns in unseren Hängematten nieder. Zur Sicherheit legen wir unsere Macheten neben unsere Hängematten und Mario lehnt die Schrotflinte an den Baum neben sich. Es ist nicht auszuschließen, dass in der Nacht ungebetene Gäste wie Schlangen, Jaguare oder andere neugierige Tiere durch unser Lager schleichen. Sollte einer von uns etwas bemerken, sollte leise Alarm geschlagen werden, um einerseits gefährliches Tier zu verjagen und andererseits Essbares erlegen zu können. Wir schlafen bald ein, Ivan als erster. Lautstark kündet er durch Schnarchen an, dass er den heutigen Tag schon abgeschlossen hat. Jedenfalls wird er heute eine etwas unbequeme Nacht haben, denn sein Pfosten lockert sich und die schlaffe Hängematte lässt nur noch eine sitzende Schlafhaltung zu. Bei seinem Geschnarche muss ich an seine Frau denken. Wie wird es ihr wohl ergehen. Wird sie endlich einmal in einer ruhigen Umgebung tief schlafen können? Oder ist die Stille, die sie während Ivan`s Abwesenheit umgibt, so unheimlich, dass an Schlaf nicht zu denken ist. Ich werde sie fragen.