4. Tag

Yagua

Montag, 30.10.2000

 

Im Morgengrauen wache ich auf und wecke Ivan. Es ist ein wunderbarer Morgen. Kein Wölkchen trübt den Himmel. Wir gehen hinunter zum Fluss und versuchen unser Glück beim Angeln. Inzwischen sind auch die anderen erwacht und kommen zu uns herunter. Leider haben wir keinen Erfolg bei der Angelei. Wir brechen ab, denn wir wollen heute früher weiter, und wir bauen unser Nachtlager ab. Durch das Rascheln beim Zusammenlegen der Planen wachen auch Tamaira und Hilario auf. Rolandīs Angelhaken hat sich am Felsen verfangen und wird von den beiden im Hintergrund befreit. Nach einer kurzen Morgenwäsche fahren wir heute bereits um halb acht weiter. Wieder findet Hilario auf Anhieb den Weg, glaube ich zumindest, denn es sieht hier überall gleich aus und ich habe keine Ahnung, wo wir uns befinden. Mario hat eine Landkarte in mein Tagebuch skizziert, damit ich in etwa einen groben Überblick bekomme. Der Orinoko kommt von nun an aus dem Süden. Durch die zum Teil schmalen Flussarme haben wir öfters die Gelegenheit nahe am Ufer vorbei zufahren. Gespannt schaue ich in den Wald. Viele Martini-Vögel werden von uns aufgescheucht. Sie fliegen knapp über der Wasseroberfläche vor uns her und setzen sich etwa alle 50 Meter auf einen Ast, von dem sie dann gleich wieder davonfliegen, wenn wir in die Nähe kommen. Zum Frühstück gibt es heute Pfannkuchen mit Marmelade. Im Gegensatz zu den uns bekannten sind sie ungefähr einen Zentimeter dick und lassen sich nicht rollen, aber geschmacklich gleichen sie den unseren. Markus und Mario legen nach dem Frühstück wieder ihre Verdauungsnickerchen ein, Bodo schreibt in sein Tagebuch und ich beobachte Ivan, der unsere Macheten mit einer Feile schärft. So vergeht der Vormittag. Gegen elf Uhr legen wir eine Pinkelpause an einer Inselgabelung ein. Wie üblich wird wieder geangelt. Im Gegensatz zu Ivan, Mario und Hilario gebe ich schon nach 20 oder 30 mal auswerfen auf. Bodo und Markus halten sich mit der Angelei noch mehr zurück. Zwischen den drei erstgenannten entwickelt sich fast schon ein ehrgeiziger Kampf um den besten und größten Fisch. Diesmal gewinnt Mario - 2 Pirhanas verbeißen sich in seinem Haken. Bei der Weiterfahrt kann ich zwei Schildkröten im Wasser schwimmend entdecken. Obwohl ich meine Kameras immer griffbereit vor mir liegen habe, gelingt es mir nicht die beiden auf Zelluloid zu verewiglichen. Sie tauchen davor ab. Genauso ergeht es mir mit den Vögeln am Waldrand, bevor ich sie mit dem Teleobjektiv erfassen kann, sind sie auch schon wieder weg.

 

Hinter einer Insel taucht der Yapacana-Tepui östlich des Orinoko auf. Wir kommen ihm immer näher und man glaubt, er läge nur unweit hinter dem Ufer und man könne ihn mal kurz besteigen. In Wahrheit liegt er ungefähr 20 km im Landesinneren und der Versuch an seine Talsohle zu kommen, würde eine mehrstündige Bootsfahrt und einen fast eintägigen Fußmarsch bedeuten. Angesichts dieser Tatsache und dem Verbot den 1800 m hohen Tepui zu besteigen, lassen wir von dem Gedanken ab. Ivan macht mich auf einen Gegenstand im Wasser vor uns aufmerksam. Es sieht aus wie ein Ast. Jedoch können Äste gegen die Strömung schwimmen? Eine Landschlange (Tigre marriposa) überquert schwimmend den Rio Orinoco Nein, es muss etwas anderes sein. Durch unsere Gestiken aufmerksam geworden, entdecken auch die anderen das Tier und Hilario steuert das Bongo darauf zu. Es handelt sich hierbei um eine knapp 2 Meter lange gelb-schwarz gestreifte Tigre mariposa, die durch ihre Färbung nach einer Schmettlingsart benannt wurde. Entgegen unserer Annahme es würde sich um eine Wasserschlange handeln, werden wir von Mario aufgeklärt, dass auch die Landschlangen in der Lage sind, einen Fluss schwimmend zu überqueren. Hilario umkreist das etwas irritierte Tier mehrfach in einem immer kleiner werdenden Bogen. Er steuert immer näher an das Tier, damit wir besser filmen und fotografieren können. Fast sind wir schon zu nahe dran, denn sie setzt zum Angriff an und versucht durch einen Sprung ins Boot zu gelangen. Hilario erkennt die Gefahr und startet durch, um so dem Angriff zu entkommen.

 

Im Gebiet zwischen dem Orinoko, Ventuari und dem Yapacana-Tepui leben illegal einige Goldsucher. Durch die geologische Bergformation ist Gold relativ leicht zu erreichen. Mario befürchtet, dass nicht die natürliche Erosion den Tepui abtragen wird, sondern er so durchlöchert Ivan freut sich über die Flora und Fauna von Venezuela wird, dass er eines Tages zusammenbrechen wird. Goldsucher sind eine eigene Art von Menschen. Sie haben ihre Heimat verlassen, um hier reich zu werden. Doch reich wird hier niemand. Das bisschen Gold, welches sie hier schürfen, reicht nicht einmal aus, um von hier wieder fortzukommen. Aus diesem Grunde ist Mario nicht gerade begeistert, ein Tankschiff am Ufer zu entdecken. Denn die Goldsucher brauchen Sprit für ihre Boote und Wasserpumpen, mit denen sie den Schlamm durch die Siebe pumpen. Folglich sind in der Nähe des Tankschiffes auch sie zu erwarten und für sie gleicht unser Bongo mit unserer Ausrüstung einem Schlaraffenland.

 

Am Nachmittag verlassen wir den Orinoko und biegen in einen Seitenarm namens Canon Yagua, der unmittelbar am Zusammenfluss eine kleine Bucht bildet. Hier soll auch ein verlassenes Dorf der Jaroa-Indianer sein. Wir beschließen dort zu übernachten und machen deshalb fest. Es ist ein wirklich schönes Plätzchen. Das Wasser des Yagua ist ein glasklares Schwarzwasser, große Granitfindlinge schließen die Bucht vom Fluss ab. Auf der anderen Seite der Bucht hört man im überschwemmten Wald, wie Barsche ihr Futter jagen. Während Tamaira das Mittagessen zubereitet, beobachten wir ein Flussdelfinpaar, das leise schnaubend im Wasser umher schwimmt. Hunderte von gelben Schmetterlingen bevölkern den weißen Sandstrand. Im Wasser kann man unzählige Salmler, Skalare und andere Fische, wie man sie nur aus Zoohandlungen kennt, ausmachen. Wie ein überdimensionaler Blumenstrauß steht etwas hinter dem Strand ein Bambusstrauch mit über 10 Meter langen Stangen. Von diesen schlagen wir sechs ab, um damit ein Ablagefach für unsere Rucksäcke im Dach des Bongo zu bauen. Schließlich hätten wir dann für uns mehr Platz. Mario befestigt sie mit einem Draht und wir räumen gleich um. Auch nutzen wir die Zeit, bis das Essen fertig ist, um die Umgebung zu erkunden. Wir finden einen Limonenbaum, von dem wir gleich ein paar reife Früchte abzupfen, aber von irgendwelchen Hinweisen auf ein verlassenes Dorf finden wir nichts. Inzwischen ist die Suppe mit den gekochten Pirhanas und Kartoffeln fertig und wir nehmen das Essen am Boot ein. Pirhanas eignen sich weniger zum Braten, da sie sehr grätenreich sind, geben jedoch in gekochtem Zustand einen sehr schmackhaften Sud ab. Nach unserem Nachmittagskaffee nützen wir die Zeit noch im Fluss zu baden und zu angeln. Mit meinem ersten Auswurf habe ich sofort einen riesigen Brocken am Haken: er ist etwa 5 Meter breit und noch etwas höher und steinhart. Alles rütteln, ziehen und schnalzen hilft nichts, der Haken sitzt im Granitfels fest. Ivan versucht sich bäuchlings am Fels von oben hinunter zu hangeln, aber auch er kann den Haken nicht lösen, weshalb schließlich Mario zu Felsen schwimmt, um ihn zu befreien. Mit kleinen Ästchen versuchen beide unermüdlich den teuren Blinker aus der Felsspalte zu holen und Mario gelingt dies dann auch. Zu unserer Überraschung hat sich ein kleiner Wels daran festgebissen, den wir dann aber wieder ins Wasser zurück werfen. Es wäre alles so friedlich und schön, wenn nur nicht diese Puripuri-Fliegen wären. Pausenlos machen sie Jagd auf uns und laben sich an unserem Blut, das sie sich von jedem freiliegenden Stück Haut beißend holen. Wir freuen uns über jedes bisschen Wind, der die Plagegeister vertreibt.

 

Noch haben wir genügend Zeit und wir beschließen noch einen kleinen Roland wird hoch gefeiert, er hat seinen ersten Fisch gefangen Ausflug zu unternehmen um im Schlepp zu angeln.Wir fahren den Yagua flussaufwärts, der sich nach ein paar hundert Metern zu einer Lagune weitet. An dieser Stelle erkennen wir am nördlichen Ufer eine Hütte. Das wird wohl das beschriebene verlassene Dorf sein, doch wir lassen uns erst einmal nicht aufhalten und setzen unsere Fahrt fort. Im Schritttempo ziehen wir die Blinker mit voll abgespulter Angelleine hinter uns her. Womm! Marios Angel biegt sich plötzlich stark nach hinten. Hat sich der Haken im Geäst unter der Wasseroberfläche verheddert? Nein, mit wechselnder Spannung lässt sich die Schnur aufrollen. Schließlich zieht er einen über 50 cm langen grünen Augenfleckbuntbarsch, den man hier Pavon nennt, über die Bordwand ins Boot. Kurz darauf geschieht das gleiche mit Ivans Angel. Auch er hat einen wunderschön leuchtenden Pavon an der Angel. Nach und nach ziehen beide noch mehrere 20 cm lange knallrote Fische aus dem Wasser. Ich halte meine Angel hinaus, doch mein Blinker flattert friedlich etwa 50 Meter hinter unserem Boot ohne je von einem Fisch registriert zu werden. Noch nie in meinem Leben habe ich einen Fisch gefangen. Womm! jetzt endlich biegt sich auch meine Angel. Von Mario und Ivan erhalte ich Anweisungen, wie man den Fisch einholt. Nach ein paar Minuten Kampf kann auch ich ein Riesen Exemplar von Pavon in meinen Händen halten. Ich werde gefeiert.

 

Die Menge Fisch reicht uns für das Abendessen, weshalb wir dann umdrehen und bis zum Ende der Lagune, dort wo wir die Hütte sahen, zurück fahren. Etwa gegen 17:00 Uhr binden wir unser Bongo an den Bäumen an und betrachten uns die Hütte, die etwa 10 Meter vom Ufer entfernt steht. Das Dach ist noch in Ordnung, jedoch die Stützbalken sind morsch oder fehlen inzwischen. Gemeinsam versuchen wir die abgebrochenen Pfähle wieder aufzurichten und fehlende zu ersetzen. Auf der Suche nach entsprechenden Bäumen entdeckt Hilario 30 Meter weiter im Wald eine größere und besser erhaltene Hütte. Nach kurzer Beratung beschließen wir diese Hütte für unsere Übernachtung zu wählen. Sie ist etwa 6 x 3 m groß, hat keine Wände und das Dach ist mit Palmzweigen gedeckt. Sie bietet für zweien von uns Platz. Für die anderen setzen wir einen Pfahl und verspannen Seile, über die wir die Plastikplane als Dach ziehen. Danach hängen wir die Hängematten auf. Bodo, Markus und ich suchen Schutz unter der Plane und Ivan und Mario verknoten ihre unter dem Dach. Unsere Hängematten binden wir an einen "blutendem" Baum fest, der über und über mit Ameisen bevölkert ist. Doch ein paar Sprühstöße mit OFF macht ihnen den Garaus. Anschließend suchen wir gemeinsam nach Feuerholz. Dabei finden wir noch eine weitere Hütte und ein Gestell aus Holz, auf dem Indianer ihre Fische zum Räuchern legen. Einige etwa 2 m lange astfreie Stecken lehnen noch an einem Baum. Möglicherweise sind dies Angelruten oder Pfeile der Indianer. Nach der Fertigstellung sind wir durchs Schwitzen völlig durchnässt. Bislang belastet uns das extreme Klima überhaupt nicht. Es wirkt auch gar nicht so heiß, wie es wohl in Wirklichkeit ist. Die kurze Zeit bis zum Einbruch der Dunkelheit nutzen wir noch zur Körperpflege am Ufer. Doch diese ist im Prinzip völlig sinnlos, denn man ist nach den 50 m bis zum Boot wieder völlig nass geschwitzt. Aber dennoch ist so ein Bad sehr erfrischend. Es ist schon finster, als wir fertig sind.

 

Weil Ivan gestern über den Zustand des gebratenen Fisches meckerte, Unser selbstgebautes Lager in Yagua darf er sich heute um das Essen kümmern. Flink sind ein paar Zweige aufgehäuft und der Grillrost mit dem Seil an einem Ast befestigt. Kurz darauf brennt das Feuer. Er lässt es hoch brennen und wartet schließlich auf eine anständige Glut. Erst dann legt er den Fisch auf den Rost. Während dessen schleppt Bodo unentwegt neue Äste und Zweige herbei. Aus der Ferne hören wir ständig das schlagende Geräusch seiner Machete. Tamaira hat schon die Pellkartoffeln gekocht und wenig später essen wir den wunderbar saftigen Fisch. Heute Abend nehmen wir zum ersten mal das Essen nicht auf dem Boot ein, sondern suchen uns jeder ein Plätzchen auf einem der vielen Steine, die vorher erst nach Ameisen abgesucht wurden. Wir trinken noch ein paar Biere und Hilario lässt uns merken, dass er sehr müde ist.

 

Wir ziehen uns zurück und entfachen das Feuer oben bei unserem Lager mit der Glut des anderen Feuers beim Boot. Auch hier hat Bodo schon einen mächtigen Haufen vorbereitet. Mario will sich auch noch waschen und verzieht sich in Richtung Fluss. Schon kurz darauf ist er wieder da und berichtet von einem Caiman, der genau an der Stelle sich ausgebreitet hat, an der wir vor 2 Stunden badeten. Sofort machen wir uns auf den Weg, um uns dieses Tier anzuschauen, aber es ist inzwischen wieder verschwunden. Wir suchen mit unseren Taschenlampen das Gehölz am überschwemmten Ufer ab und entdecken etwas entfernt zwei leuchtend orangene Augen, die unser Treiben beobachten. Ivan versucht sich etwas näher an das Tier heran zuschleichen, aber er gibt schon bald auf. Das Gehölz ist so dicht und er müsste sich erst einen Weg dorthin Freischlagen und der Caiman wäre bestimmt durch den Lärm geflohen. Nach ein paar Minuten kehren wir zu unserer Hütte zurück und legen noch mehr Holz auf das Feuer. Es soll kräftig und lange rauchen, damit uns die Tiere vom Leib bleiben. Wir wissen, dass es hier in der Wildnis genügend Jaguare gibt, die sich vor dem Feuer jedoch fürchten und diesem fern bleiben. Am Feuer trinken wir noch ein Bier. Die hohen Flammen strahlen eine immense Hitze ab. Ich suche Schutz hinter Marios Hängematte, denn mir läuft schon wieder der Schweiß in Strömen den Rücken hinunter. Mein T-Shirt ist völlig durchnässt. Irgendwann legen wir uns dann zum Schlafen nieder. Ich habe nicht auf die Uhr gesehen, aber es kann etwa elf sein.

 

Gegen 2:00 Uhr nachts wachen Ivan und Mario auf, denn im Busch neben Mario raschelt es. Es schleicht ein Tier um unser Lager. Das Lagerfeuer ist inzwischen erloschen und es ist stockfinster. Sie können nichts erkennen. Die Geräusche, die es von sich gibt, gleichen einem Grunzen, das einem Schwein ähnelt. Doch es ist nicht nur das Grunzen. Etwa 5 m weiter im Wald kommt ein kräftiges Schnurren. Womöglich haben wir den ersten Kontakt mit einer Großkatze. Mario und Ivan wagen es nicht, sich zu bewegen. Gegenseitig flüstern sie sich Fragen und mögliche Antworten zu. Mario hat neben sich das Gewehr stehen und Ivanīs Machete liegt auch griffbereit. Sie warten erst einmal ab und schauen, was passiert. Erst um 3:00 Uhr sind die Geräusche weg und die beiden können endlich weiter schlafen. Von alledem haben wir anderen drei nichts mitbekommen. Ivan freut sich darüber, Mario als Zeugen zu haben, dass nicht nur er schnarcht.