5. Tag

Die Sandbank im Orinoko

Dienstag, 31.10.2000

 

Um 5:00 Uhr morgens hört man ein lautes Klacken und starkes Wassergeplätscher. Ich wache von den Geräuschen auf, die entstehen, wenn die Zähne der Caimane beim Jagen zuschlagen. Ich bleibe bis zum Anbruch des Morgengrauens in meiner Matte liegen und lausche in den Wald. Yapacana Tepui vom Rio Orinoco aus gesehen In der Ferne hört man ein paar Brüllaffen und in der Bucht das Schnauben der Delfine. Im Morgengrauen stehe ich auf und gehe hinunter an den Fluss , um nach dem Caiman Ausschau zu halten, aber ich kann ihn nicht sehen. Oben im Lager kehrt langsam auch wieder das Leben ein. Nur Markus bleibt wie tot liegen. Erst als wir unsere Hängematten schon fast ganz abgebaut hatten, kriecht er hervor. Er konnte gestern nicht einschlafen, weil das Feuer neben ihm so heiß war. Dann ist es ja verständlich. Bis alles zusammen gepackt ist und die letzten Glutnester gelöscht sind, ist es fast 7:45 Uhr geworden.

 

Mit einer Tasse Kaffee in der Hand fahren wir das Stück dem Yagua wieder flussabwärts und biegen dann in südlicher Richtung in den Orinoko ein. Eine dreiviertel Stunde später gibt es Arepa mit Rührei zum Frühstück. Unser Gesprächsthema am Vormittag handelt fast ausschließlich über das Erlebnis in der Nacht. Der Fluss wird kaum schmäler, nur flacher. Im Fahrwasser beträgt die Wassertiefe nur noch etwa 15 Meter. Es finden sich immer mehr Sandbänke, die sich teils sichtbar über, teils unsichtbar knapp unterhalb der Wasseroberfläche befinden. Wir müssen häufiger die Seiten des Flusses wechseln. Kreuz und quer manövriert uns Hilario zwischen den Sandbänken hindurch, um nicht aufzusitzen.

 

Gegen halb zehn erreichen wir das nächste Dorf, San Antonio. Hier haben wir die Gelegenheit auszusteigen und uns das Dorf anzuschauen. Ivan beim Pampelmusen pflücken in San Antonio Weit verstreut stehen einzelne Betonplattenhäuser. Ein älterer Mann, Don Andrés, ist gerade damit beschäftigt, sich ein neues Haus zu bauen. Er scheint hier der Dorfvorstand zu sein. Andere sitzen auf den Steintreppen und begutachten uns sorgfältig. Mario soll ihm im Auftrag Alvaros eine halbe Kiste Rum bringen, doch er lehnt aus irgend einem Grund ab. Wir erhalten die Erlaubnis, uns von den Bäumen ein paar Früchte zu pflücken. Massenweise hängen die Obstbäume voll Grapefruits, Mandarinen, Orangen und Limonen. Die paar wenigen Bewohner des Dorfes können die Mengen überhaupt nicht verbrauchen. Das Obst liegt in der Wiese und fault vor sich hin. Ein süßlicher Geruch liegt in der Luft. Eingewickelt in unseren T-Shirts tragen wir unsere Ernte ins Boot. Während der Weiterfahrt werden die ersten Früchte gepresst und mit Wasser verdünnt. Es gibt ein sehr schmackhaftes und erfrischendes Getränk.

 

Heute findet die Sonne noch nicht so recht den Weg zum Boden und der Himmel zeigt sich recht bedeckt, zeitweise fallen auch ein paar Regentropfen. Kurz hinter San Antonio mündet ein schmaler Schwarzwasserfluss in den Orinoko. Hilario drosselt den Motor und macht Gestiken, die uns sagen sollen: ‚Jetzt wird wieder schleppgeangelt'. Schnell sind unsere Angeln unterm Dach hervorgezogen und wir halten sie hinaus. Langsam spult sich Meter für Meter von der Rolle. Schon nach kurzer Zeit schnappt einer nach meinem Blinker. Ich hole ein, doch kurz bevor ich ihn aus dem Wasser ziehen kann, reißt der Haken aus seinem Maul. Dem Ivan ereilt ein ähnliches Schicksal, doch bei ihm ist es noch schlimmer. Ein Fisch beisst ihm den Blinker vom Stahlvorfach. Ein herber Verlust, denn nachkaufen können wir hier nichts. Eilig bastelt er seinen gelben Blinker an die Leine und wirft erneut aus. Er macht noch einen Fang von der Gattung eines Süsswasserbaracudas.

 

Sanft schlängelt sich der schmale Fluss durch den Urwald. An manchen Stellen des steilen Ufers glaubt man regelrechte Rutschbahnen erkennen zu können. Später erfahren wir, dass an solchen Stellen Tapire ins und aus dem Wasser kommen. Nach ein paar Kilometern weitet sich der Fluss zu einer großen Lagune. An einer riesigen Felsplatte legen wir an und nutzen die darauffolgende Zeit um zu Baden, Wäsche zu waschen, zu Angeln und auf Fotosafari zu gehen. Hilario und Mario binden riesige Haken mit starken Nylonseilen an alte Ölkanister. Sie zerschneiden zwei Pirhanas, spießen große Brocken davon an die Haken und werfen sie in die Lagune. Die Strömung treibt sie dann langsam flussabwärts. Sie wollen gerne damit Laolaos, die großen Welse, ködern und fangen. Nach den Erlebnissen der Nacht beschließen wir unser heutiges Lager auf einer Sandbank im Orinoko aufzubauen. Hilario hat eine entsprechende schon vorhin bei der Herfahrt ausgemacht. Da auf solchen meist keine Aufhängemöglichkeiten für Hängematten zu finden sind, müssen wir schon hier entsprechende Gegenmaßnahmen ergreifen. So gehen Ivan, Mario und ich in den nahen Wald und schlagen uns 6 Bäume. Während ich die Stämme aus dem Wald zum Boot ziehe, schwingen die beiden anderen die Macheten. Bodo kommt nach und sammelt wieder das Feuerholz.

 

Inzwischen hat sich auch die Sonne den Weg durch die Wolken gebahnt und mit ihr kommen auch wieder die Puripuris. Auf der Felsplatte tummeln sich viele Schmetterlinge in unterschiedlichsten Farben und Mustern. Draußen in der Lagune schwimmt wieder ein Paar Flussdelfine. Um uns vor der Sonne und den schrecklichen Fliegen zu schützen, werfen wir uns in die schwarze Lagune. Es ist einfach herrlich. Man glaubt in einer riesigen Cola-Pfütze zu schwimmen. Du stehst bis zur Hüfte im Wasser, die Haut der Beine färbt sich von orange mit zunehmender Tiefe immer purpurner bis die Füße in der Schwärze des Wasser nicht mehr zu sehen sind. Am späten Mittag gibt es wieder gekochten Fisch mit Reis zu essen. Danach machen wir noch eine Runde mit dem Boot durch die Lagune. Doch das Schleppangeln brechen wir nach geraumer Zeit ab. Im Wasser schwimmt zu viel Gras und die Angelhaken wirken wie kleine Rechen. Ständig muss man die Leine wieder einholen und kiloweise das Grün aus den Haken zupfen. Außerdem ragen hier ganze Wälder von Bäumen aus dem Wasser und wir befürchten, dass wir uns im Geäst verheddern. Zudem kommt noch, dass sich die Fische in diesen Wäldern verstecken, um sich im klaren Wasser vor ihren Feinden zu schützen. Wir kehren zurück zu unserer Steinplatte, und sammeln unsere Wäsche ein. Das Salz des Schweißes hat sich nicht ganz heraus waschen lassen. Auf jedem Socken sitzen mindestens 5 Schmetterlinge, die sich an den Kristallen laben.

 

Nachdem wir auch noch die Baumstämme und das Brennholz auf dem Boot verladen haben, fahren wir der Lagune flussabwärts und halten nach den Bojen Ausschau. Süsswasserbaracuda von Pirhanas angefressen. In der Lagune von San Antonio am Rio Orinoco Alle sind irgendwo in die Bäume an den überschwemmten Ufern getrieben worden. Die Köder wurden von allen Haken abgefressen, aber nur an zweien hat ein Fisch in den Haken gebissen. An einem muss ein Großer gehangen haben, denn beim Einholen reißt die Schnur. Beim zweiten hat sich ein Baracuda verbissen. Schade ist nur, dass wohl in seinem Todeskampf Pirhanas angelockt wurden, die uns nur noch seine Gräten und ein paar Hautfetzen übrig gelassen haben. Danach fahren wir wieder in den kleinen Fluss und lassen unsere Angelhaken hinter uns herziehen. Auf der Fahrt fange ich noch drei weitere Pavons, wobei mir einer beim Einholen vom Haken reist. Ivan möchte sich an dem Fisch rächen, der ihm seinen Blinker abgefressen hat. Kurz vor der Einfahrt in den Orinoko schlägt Ivanīs Angel an. Es muss ein gewaltiger Brocken sein. Er plagt sich, holt langsam Meter um Meter ein und die Angel biegt sich erstaunlich stabil zu einem Halbkreis. 50 Meter Schnur müssen aufgespult werden. Manchmal glaubt man etwas erkennen zu können. Nur noch 20 Meter. Doch plötzlich ist die Spannung weg, Ivan spult weiter auf. Am Ende zieht er nur einen leeren Blinker aus dem Wasser. Der Haken wurde regelrecht aus dem Blinker gerissen. Tiefe Kerben im gelb leuchtendem Blech zeugen von einem Riesen-Gebiss. Bodo fängt auch noch zwei Pavon und Markus gibt nach erfolgloser Jagd resigniert auf. Er möchte lieber in der Aisch angeln gehen.

 

Gegen 5 Uhr abends steuern wir wieder in den Orinoko und fahren zu einer wenige hundert Meter entfernten Sandbank, die Hilario heute mittag schon für uns ausgemacht hat. Sie ist etwa Spuren eines Caiman am Rande unserer Sandbank 200 m lang und 150 m breit und liegt unmittelbar vor einer Insel, von der sie durch einen etwa 3 m breiten Kanal getrennt ist. Einige umgestürzte Bäume verbinden sie mit der Insel. Beim Anlegen kann ich im Wald lautes Rascheln und Knacken hören, die wohl durch eine Herde fliehender Affen verursacht wurden, aber sehen kann ich durch das dichte Blattwerk nichts. Leider ist es wieder spät geworden. Während wir die Baumstämme und das andere Material für den Lagerbau entladen, erkundet Mario die Sandbank nach weiteren Bewohnern. An den Ufern findet er Spuren von Caimanen und von Flussschildkröten. Kaum angekommen, stürzen sich wieder Hunderte von diesen Mini-Fliegen auf unsere schwitzenden Leiber, langsam finde ich diese Dinger lästig. In der Ferne weiter flussabwärts hören wir die Geräusche eines großen Dieselmotors. Was könnte das sein? San Antonio ist schon zu weit weg, als dass man eventuell das Stromaggregat hören könnte. Vielleicht sind es Goldgräber?

 

Sehen können wir nichts. Wir besprechen kurz, wie wir das Lager aufbauen und beschließen unsere Hängematten in einem Bogen um einen Hauptpfahl zu spannen. Da sich auf der Sandbank kein Baum befindet, müssen wir die aus der Lagune mitgebrachten Pfähle im Sand eingraben. Mit den Macheten und unseren Händen graben wir armtiefe Löcher, in die wir die angespitzten Pfosten rammen. Es wird schon finster und wir haben noch nicht einmal ein Dach auf unserem Lager. Im Schein unserer Taschenlampen spannen wir eine Paketschnur sternförmig vom Hauptpfahl zu den anderen Pfosten und ziehen die Planen darüber. Nur noch die Hängematten aufhängen und das Lager scheint fertig, bis sich Markus zum Probeliegen in seiner Hängematte niederlässt. Fast lautlos kracht die ganze Konstruktion wieder zusammen. Hilario schmunzelt über unsere dummen Gesichter, die wir beim Anblick unseres Nachtlager machen. Irgendwie müssen wir es stabiler machen. Ivan klettert über die umgestürzten Bäume auf die Insel und sucht noch ein paar Balken, die wir dann als Anker hinter die Pfosten eingraben und verspannen. Ein weiteres Probeliegen bestätigt: es hält! Auf einer kleinen Feuerstelle kocht Tamaira unser letztes Frischfleisch. Es gibt Huhn mit Spaghetti. Von nun an sind wir für die Beilagen zu den Nudeln und dem Reis selbst verantwortlich. Ich bin erstaunt, wie lange sich das Eis aus Pto. Ayacucho in den Thermobehältern hält. Mit dem Schmelzwasser füllten wir immer unseren Wassertank, aber in einem, maximal zwei Tagen, wird dann auch unsere Wasserversorgung versiegen.

 

Nach dem Essen am Boot machen wir uns auf den Weg um nach den Caimanen zu suchen. Im Schein unserer Taschenlampen leuchten uns rund um die Sandbank 6 Augenpaare im Wasser an, die sich aber, je näher wir kommen, in den Fluss zurück ziehen. Nur 20 Meter von unserem Lager entfernt finden wir unter den Ästen eines umgestürzten Baumes einen jungen etwa 100 cm langen Caiman. Ivan ist fest entschlossen ihn zu fangen. Er läuft zum Boot, holt sich eine lange Bambusstange und baut sich aus Draht und einer Schnur eine Falle. Es gelingt ihm und mir die Schlinge um den Körper des Caimans zu legen. Ich ziehe an der Schnur und er ist tatsächlich gefangen. Wild zappelnd versucht er sich zu befreien. Leider löst sich beim Versuch das Tier an Land zu bringen die Schlinge wieder und der kleine fällt wieder ins Wasser zurück. Flink verzieht er sich ans Ufer der Insel und versteckt sich für uns unerreichbar unter dem Dickicht der umgestürzten Bäume.

 

Wir machen uns auf die Suche nach weiteren Tieren auf der Sandbank und finden ein Paar Riesenkröten Riesenkröten beim Liebesspiel, die sich gerade dem Liebesspiel widmen. Das Weibchen ist ungefähr 25 cm groß, das Männchen auf ihrem Rücken ist mit etwa 15 cm deutlich kleiner. In Mulden sitzend holen sich kleine braune Vögel die Wärme des Tages aus dem Sand. Von den gefürchteten Mosquitos, die die Malaria-Krankheit übertragen, haben wir bis jetzt kaum welche gesehen. Die kleinen lästigen Fliegen haben sich Gott sei Dank schon zum Schlafen zurück gezogen. Für den Ausklang des Abends entzünden wir neben unserem Lager ein kleines Feuer. Bei Bier und etwas Rum unterhalten wir uns über den heutigen Tag. Das Motorengeräusch flussabwärts ist inzwischen auch schon verstummt. Mario bindet einen Haken mit einem toten Pirhana an einen Kanister und befestigt diesen an einen Stamm im Wasser. Vielleicht können wir damit einen Caiman fangen. Etwa gegen 23:00 Uhr legen wir uns in die Hängematten zum Schlafen.

 

Wir sind noch nicht einmal alle in unserem Schlafgemach, da hören wir ein lautes Krachen und unser schönes Lager bricht in sich zusammen. Es dauert etwas, bis wir uns aus dem Gewirr von Mosquito-Netzen, Hängematten und Plastikplanen befreit haben und nach der Ursache für den Zusammenbruch schauen können. Doch wir haben Glück: der Anker unseres Hauptpfahls war abgebrochen. Wir brauchen nur den Pfosten neu zu verspannen und nach wenigen Minuten steht unser Lager wie neu da. Danach schlafen wir ein.

 

Doch um 2:00 Uhr morgens wache ich auf. Mich berührt etwas am Fuß und gleich darauf merke ich einen sanften Druck am Gesäß. Ich warte. Schon wieder: erst am Fuß, dann am Gesäß. Was ist das? Nach einem weiteren Male rufe ich flüsternd zu Ivan neben mir. In dem Moment als er sich bewegt, verstärken sich die Berührungen. Ist es jetzt davon gelaufen? Nein, unter mir sitzt noch etwas. Ich wage es nicht mich zu bewegen. Ivan kann seine Taschenlampe nicht finden und weckt Bodo. Jetzt sind alle wach und leuchten nach dem gefährlichen Tier unter mir. Es ist kein Tier zu sehen. Des Rätsels Lösung: Da die Hängematten an den Füßen sehr eng hingen, berührte mich Ivan durch sanftes Schwingen an meinem Knöchel und brachte mich auch zu Schwingen. Inzwischen haben sich auch unsere Pfähle etwas gelockert und die Hängematten hingen weiter durch. So berührte ich mit meinem Hintern die Trekking-Stiefel unter mir, mit denen ich mein Mosquitonetz nach unten hin verschloss. Ein großes Gelächter hallt über die Sandbank.