Rio Caura - die Ankunft

06.12 bis 07.12.1997

 

Als wir nach dem Frühstück unsere Sachen aus unserem Zimmer holten, wartete schon der Taxi-Fahrer in der Empfangshalle auf uns. Die Fahrt zum Nationalen Flughafen in dem beigen 64er Flossen-Chevi war viel zu kurz. Gerne hätten wir uns noch in diesem nostalgischen Schiff herum chauffieren lassen, aber unser eigentliches Ziel war der Rio Caura. Der Check-In bei der venezolanischen Fluggesellschaft Avensa ging zügig voran und ohne Verspätung starteten wir mit einer Boeing 727 Richtung Ciudat Bolivar.

Die Landebahn in der Hauptstadt des Estados Bolivar schien kurz zu werden. Schon lange vor Restaurant an der Straße nach Las Trincheras dem Aufsetzen flogen wir sehr tief über die Dächer eines von oben arm wirkenden Vorortes. Und tatsächlich, kaum waren die Dächer verschwunden setzten wir auch schon auf und wurden stark abgebremst. Das Auschecken verlief reibungslos und schon bald verließen wir das Flughafengebäude. Tags zuvor erhielten wir eine Wegbeschreibung zu unserem Hotel, und nachdem zu erkennen war, daß die Entfernung nur wenige Hundert Meter betrug, machten wir uns zu Fuß auf den Weg. Es war ein kleines Hotel mit einem riessigen Bouganvillea-Busch im Garten. Nachdem wir wußten, daß die Weiterreise erst am nächsten Tage erfolgt, gingen wir der Strasse hinab zum Stadtzentrum und zum Ufer des Orinokos. Erst am späten Abend kehrten wir wieder zurück und erhielten im Hotel eine Nachricht von Jeff, unseres Tourguides von Cacao-Tours, wann wir am nächsten Tag abgeholt werden.

Zur vereinbarten Zeit warteten wir nach dem Frühstück im Hotelfoyer auf Jeff, der nahezu pünktlich mit einem großen, weißen Landcruiser vorfuhr. Er entschuldigte sich bei uns auf deutsch, denn er müßte noch einiges für die Tour im Basis-Lager von Cacao abholen. Er bot uns an, uns irgendwo hin zufahren und uns dort wieder abzuholen oder wir könnten auch gleich mitkommen. Wir Unbefestigte Straße durch den Regenwald hatten gestern ja schon die ganze Stadt gesehen und so entschlossen wir gleich mit in Lager zu fahren und mit Hand an zulegen. Jede Minute, die wir herein holten, brachte uns früher in den Regenwald. Schon bald fuhren wir voll gepackt der Ausfallstrasse nach Westen. Bevor uns die Stadt in die Weiten der Llanos ausspuckte, lenkte Jeff den Wagen noch vor einen Getränke-Markt, denn die Fahrt würde noch ein paar Stunden dauern und unterwegs gäbe es kaum eine Möglichkeit, um an ein kühles Getränk zu kommen. Die Straße befand sich in einem erstaunlich guten Zustand. Links und rechts sahen wir nur karges trockenes Weideland mit wenigen mageren Kühen. Gegen Mittag erreichten wir einen kleinen Rasthof, und wir konnten erstmals Kontakt geminderten Komforts und Hygiene genießen. Unter dem Wellblech genossen wir aus Blechtellern Hühnersuppe und tranken dazu eine Flasche Sinalco. Nach etwa einer Stunde setzen wir die Fahrt fort. In La Tigrera brachte es Jeff fertig, eine Palette mit warmen Bierdosen, gegen eine eisgekühlte zu tauschen. Hier hatten wir die letzte Gelegenheit uns in einem Eisenwarenladen mit wichtigen Dingen wie Angelhaken usw. einzudecken. Hier verließen wir auch die Hauptstrasse und bogen in südlicher Richtung auf eine Sandpiste. Bis hierher hatten wir noch nichts von Regenwald gesehen, doch plötzlich tauchten vor uns die ersten Bäume auf. Wir waren erstaunt, wie sich die Vegetation so schnell verändert. Bis jetzt trockene Hitze und nun feucht-heisse Schwüle. Aus der staubigen Sandpiste wird eine lehmig matschige Bahn mit Pfützen, bei denen wir befürchten schon bald stecken zu bleiben. Doch der Landcruiser wühlte sich durch den Morast und nach geraumer Zeit erreichten wir Las Trincheras, dem letzten auf dem Landweg erreichbarem Indianerdorf am Rio Caura und Basiscamp von Cacao.

Am Ende des Dorfes - und auch der Straße - befand sich hinter einem Holztor das Basis-Camp Baumhaus von Cacao-Tours für die Rio Caura-Tour. Auf dem weitläufigen Gelände befindet sich ein etwas größeres Haupthaus mit einem Büro, Lagerraum und einer großen Küche, 2 kleinen Häusern, die praktisch nur aus 2 kleinen Zimmern bestehen, und eine offene Rundhütte, in der man seine Hängematten aufhängen konnte. Auf einem Felsen hat man eine große Terrasse, von der man einen herrlichen Ausblick auf den langsam dahin fließenden Fluß hat, sowie eine kleine Rundhütte als Bar gebaut. Am Ende des Grundstückes entdecken wir einen großen Baum, auf dem man in etwa 10 Metern Höhe begonnen hatte ein Baumhaus zu bauen. Wir können es uns nicht nehmen lassen, gleich die Leiter hinauf zu klettern, zumal uns Jeff bat, uns erst einmal um zu schauen, da er noch etwas erledigen mußte. Das Baumhaus bestand erst aus einer 4 mal 3 Meter großen überdachten Plattform ohne Geländer. Wir setzten uns hoch oben auf den Boden des Baumhauses und genossen die Ruhe und die Aussicht.

Doch die Ruhe wurde schon bald durch ein Stimmengewirr von der Terrasse herüber jäh gestört. Es war wohl noch eine weitere Reisegruppe angekommen. Zunächst konnten wir nur einige wenige erkennen, doch schon wenig später war die ganze Terrasse gefüllt mit bunt gekleideten Leuten unterschiedlichen Alters. Die Gruppe bestand aus 12 Wienern und einem Grazer, die eine Venezuela-Rundreise buchten und von einer 10-tägigen Trecking-Tour aus den Anden bei Merida hierher kamen. Einige sahen etwas blaß aus und hatten spröde Lippen. Wie wir später heraus fanden, hatten sie sich auf der Tour einen Virus eingefangen und hatten zum Teil massive Schwierigkeiten mit der Verdauung.

Inzwischen kam Jeff wieder auf uns zu. Er berichtete uns, was wir selbst ja schon sahen, von der neuen Gruppe und daß leider kein Platz mehr im Rundhaus für unsere Hängematten sei. Er fragte uns, ob es uns stören würde, wenn wir für die Nacht eines der beiden Zimmer in dem kleinen Haus beziehen möchten. Nun, da wir sahen, wie eng es tatsächlich wurde, überlegte wir zunächst, ob wir es uns nicht oben im Baumhaus gemütlich machen sollten. Jedoch hatten wir Bedenken wegen des fehlenden Geländers und der Tatsache, daß wir gewöhnlich unser Europäisches Gedärm in den Tropen mit Hochprozentigem zu desinfizieren pflegten. So waren wir also einverstanden und brachten unsere Rucksäcke in das Zimmer im 1. Stock des kleinen Hauses, das wir über eine schmale Außentreppe erreichten.

Langsam begann es auch zu dämmern und kurze Zeit später Rio Caura: Blick von der Terasse war es stock finster. Irgendwo ausserhalb des Camps brummte das Stromaggregat. Wie uns Jeff erklärte, profitiert das Dorf Las Trincheras von Cacao, denn Ihnen wurde von den Bewohnern das Grundstück überlassen und dafür erhalten sie den Strom. Aber Jeff mußte uns auch noch mehr beichten. So erfuhren wir, daß Guido, der Tourguide der Österreicher, ebenfalls von Montezumas Rache ereilt wurde und sich zu schwach für die Caura-Tour fühlte. Und so kam es, daß unsere 2-Mann-Gruppe sich plötzlich um mehr als das 6-fache vermehrte. Was das für uns bedeutete, war uns bis dahin nicht bewußt. Nach der Tour war jedoch eindeutig klar, weshalb Guido zu schwach war. Aber dazu noch später.

Bei einem gemeinsamen Treffen der beiden Reisegruppen, wurde uns die Planung der nächsten Tage bekannt gegeben. Unter anderem wurde uns mitgeteilt, daß wegen Platzmangels auf den Booten für je 2 Personen nur ein wasserdichtes 50-Literfass zur Verfügung steht. In diesem Faß müssen aber auch noch die Hängematten für jeden untergebracht werden. Die Mitnahme von weiteren Dingen sollte dementsprechend nur auf das notwendigste beschränkt werden. Jeff mußt uns aber auch noch beichten, daß wir an dem großen Tisch auf der Terrasse keinen platz mehr haben, da nur 12 Stühle zur Verfügung stehen. Gut, anfangs waren wir darüber etwas enttäuscht, doch im nach hinein stellte sich dieser Umstand nur zu unserem Vorteil heraus. Wir durften schließlich mit den Einheimischen, die für Cacao arbeiteten, kochten und das Camp versorgten, zusammen essen, was nicht nur unbegrenzt Nachschlag bedeutete. Obwohl wir mangels Spanischer Sprachkenntnisse überhaupt nichts verstanden, hatten wir mit Händen und Füßen und Dank Jeff´s Übersetzungen jede Menge Spaß. Es hatte sich im Dorf herum gesprochen, daß es in der Küche von Cacao recht lustig zu geht, und so kamen immer mehr Einheimische, unter anderem auch der Dorfvorstand, dessen Namen mir leider entfallen ist. Ivan und ich sorgten für das leibliche Wohl und wechselten uns immer gegenseitig beim Holen der Getränke aus der Bar ab. Jeweils eine Flasche Bier zwischen jedem Finger, also immer acht pro Gang. Der Verbrauch blieb natürlich bei den Österreichern nicht unbeobachtet und wir wurden gefragt, ob unsere Heimat wohl in Bayern läge, was natürlich auch den Tatsachen entspricht. So wurde es ein sehr langer Abend und es floß reichlich Cerveza durch aller Schlünder. Irgendwann, es war schon ruhig im Camp, gingen wir alle ins Bett.