Trotz der Differenzen mit der anderen Reisegruppe waren Ivan und ich vom Regenwald
begeistert. Es war faszinierend den Wald zu sehen, zu hören, zu riechen und zu spüren. Doch nun hieß es Abschied nehmen und wir freuten uns auf das nächste Abenteuer in Canaima am Randes des Ayan-Tepuis.
Schon am Frühstückstisch sahen wir ein neues Gesicht. Es war Arnaldo, ein Taxifahrer aus Ciudat Bolivar. Er hatte die Aufgabe uns von hier in das 400 km östlich gelegene Ciudat Guiana zu bringen. 8 Stunden Fahrt lagen vor uns, die wir aber Dank der bequemen Federung des klimatisierten Flossen-Chevroletts problemlos hinter uns brachten. Arnaldo war ein ruhiger Mensch, vielleicht wegen der Sprachprobleme, vielleicht auch weil er sah, daß wir noch recht müde waren. Er brachte uns in ein von Cacao-Tours reserviertes Hotel in der Innenstadt, aber dennoch nicht weit vom Flughafen entfernt. Im Hotel war schon eine Nachricht hinterlegt, wann wir uns am Flughafen tags darauf ein zu finden haben. Am Abend gingen wir noch ein wenig am Ufer des Orinoko spazieren.
Nach kurzem Flug mit der nationalen Fluggesellschaft Servivensa erreichten wir am späten Vormittag Canaima. Schon aus der Luft war zu erkennen, daß diese Stadt nur aus einem Hotel und ein paar wenigen Häusern entlang einer unbefestigten Straße bestand. An der Rollbahn standen 2 Museumsflugzeuge der Serie Douglas DC3, die zwischen 1938 und 1965 gebaut wurden. Es war nur ein Leichtes, die wenigen Meter zum Hotel zurück zu legen. Am Empfang erhielten wir neben den Zimmerschlüsseln noch einen Gutschein für eine Fahrt mit dem Einbaum über die Lagune und für den nächsten Tag einen für einen Rundflug zum Salto Angel. Im Hotel fehlte es an nichts: Klimaanlagen, Swimming-pool, schön angelegter Garten und in den einzelnen Bungalows dunkelbraune Rattanmöbel. Auch an den Mahlzeiten gab es nichts auszusetzen: Büffet, frisches Obst an jedem Tisch und vieles mehr. Eigentlich ein paradiesisches Ambiente. Irgendwie hatten wir aber von Anfang an das Gefühl, hier
fehl am Platze zu sein. Der Großteil der Gäste trug die Nase etwas höher als wir. Designer-Outdoorhosen und -Hemden, gesteift mit Bügelfalten und Safarihut, dazu perfekt gestylte Fingernägel und der Duft von Channel-No.5 und Christian Dior in der Luft. Wir machten, daß wir davon kamen und warteten am Ufer der Lagune auf die 20 minütige Rundfahrt mit dem Einbaum. Danach unternahmen wir zu Fuß eine kleine Exkursion in die nahe Umgebung. Auf der staubigen Straße war nun niemand mehr von den Luxus-Touris zu finden. Die einheimischen Kinder unterbrachen ihr Ballspiel und verfolgten uns mit ihren Blicken. Es ist wohl ungewöhnlich, daß sich hier in dem Dreck einer der "Reichen" verläuft. Wir kehrten erst wieder zum Abendessen zurück um danach an der Bar über den Kulturschock zu diskutieren. Auf der kleinen Bühne gegenüber dem Pool spielte eine Gruppe Indios einheimische Musik und tanzten in "traditionellen" Kostümen Folklore. Es ist ein Wahnsinn, zu was sich die Indios alles überreden lassen. Für 1.200 DM (ca. 612 €) pro Person für 48 Stunden Aufenthalt in Canaima muß den Touristen schon etwas geboten werden. Wir wollten dies nicht weiter unterstützen und zogen uns zeitig in unseren Bungalow zurück.
Am nächsten Morgen, die Folklore-Gruppe begann gerade mit dem Reinigen der Gästezimmer, war für 10:00 Uhr der Rundflug angesagt. Der wiederum wurde zu einem Abenteuer nach meinem Geschmack. Schon bei der Ankunft am Flugplatz war zu erkennen, daß die beiden DC3-Propellermaschinen keine
Museumsstücke, sondern reguläres Transportmittel waren. 18 Sitzplätze, zwischen türlosem Cockpit und uns ein offener Laderaum mit Netzen. Träge, aber mit lautem Gedröhne hob das alte Ding ab. In mir stieg ein Gefühl von Humphrey Bogart auf, während das Öl langsam einen Streifen über die Motorenverkleidung zog. Ich steckte meinen Finger durch den etwa 2 cm breiten Spalt, der zwischen dem Fenster und Rahmen klaffte. Unter uns lag nun ewiger Regenwald, ein Fluß schlängelte sich dazwischen und am Horizont erhoben sich die mächtigen Wände des Ayan-Tepuis. In Büchern haben wir gelesen, daß auf dem Plateau des Tafelberges ein völlig anderes Klima herrscht und eine noch unerforschte Flora und Fauna zu finden ist. Der Zutritt ist jedoch untersagt. An den über 1000 m senkrechten Felswänden toben die fürchterlichsten Fall- und Aufwinde. Ich hatte in meinem Leben schon so manchen unruhigen Flug, aber das war mit Abstand der Höhepunkt. Egal aus welchem Fenster man sah, entweder man erkannte nur Himmel oder nur Regenwald und in der nächsten Sekunde alles umgekehrt. Mal wurde man in den Sitz gepreßt und gleich drauf drückte der Mageninhalt gegen die Kehle. Von den 10 Bildern, die ich vom Salto Angel zu fotografieren versuchte, erkannte man bei 8 entweder meine Oberschenkel oder die Hutablage über meinem Kopf, die beiden anderen waren verwackelt. Ein halbes Jahr nach unserem Flug starben 9 Menschen beim Absturz einer der beiden Maschinen am Fuße des Wasserfalls.
Der Nachmittag stand zu unserer freien Verfügung. Ivan und ich versuchten uns selbst einen
Weg zu den Wasserfällen zu bahnen. Immer auf der Suche nach irgendwelchem Getier. Wir erklommen
einen Berg und hatten einen fantastischen Blick auf die Lagune. Nach dem Abendessen distanzierten wir uns wieder von den Aufführungen der Zimmermädchen bzw. der Folkloregruppe. Die Indios arbeiteten den ganzen Tag, morgens als Reinigungskraft, nachmittags in der Wäscherei und abends zur Unterhaltung der Touristen. Wann sich Familienleben abspielt ist genauso ungewiß, wie die Antwort auf die Frage, ob sich die Indios ihr Leben im Zeitalter des Fortschritts so vorstellten. Wir sind uns nicht ganz sicher, aber die Kinder in El Playon schienen uns glücklicher.
Am nächsten Tag flogen wir über Porlamar zurück nach Caracas und nach einer Übernachtung im Hotel mit der Alitalia wieder sicher nach Hause. Unsere Gedanken gefüllt mit neuen Eindrücken und vielen Fragen.