Die Anreise

04.11. bis 05.11.2004

 

T ja, nun sitze ich hier in etwas mehr als 10.000 m Höhe auf Platz 32 E eines Airbus A340-300. Unter uns das blaue Meer. Nach 4 Jahren darf ich wieder nach Südamerika. Der Bildschirm vor uns zeigt im Wechsel eine Landkarte und eine Info: 3701 km / 4:29 Std. / - 45 Grad / 10.363 m / Azoren / Kurs Südwest/Ziel Caracas. Ich weiß noch immer nicht genau, ob diese Reise ein Abenteuerurlaub oder eine "Dienstreise" wird. Ich freue mich auf Mario, auf den Fluß, auf den Wald und auf das Pfeifen des ... . Doch habe ich auch eine Aufgabe zu erfüllen. Im Gepäck habe ich mehrere Hundert Euro, die mir verschiedene Leute für unser Piaroa-Museum-Projekt anvertraut haben. Wie weit ist es fertig gestellt? Was wird daraus in einem Land voller Korruption werden? In Venezuela ist alles möglich, doch zuhause habe ich auch einen Ruf zu verlieren und mein begonnenes Lebenswerk steht auf dem Spiel. In meinem Kopf macht sich Unsicherheit breit.

 

Doch nun alles von Anfang:

Begonnen hat alles Ende 2000 als wir mit Mario Vogt die Humboldt-Route vom Orinoko zum Rio Negro fuhren. Ich habe sehr viele Fotos gemacht, die ich anschließend irgendwie Mario zukommen lassen sollte. Per Post dauert es etwa 7 Wochen und die Wahrscheinlichkeit, daß sie gar nicht ankommt ist ziemlich groß. So fragte ich damals Peter, ob er die Bilder per Email nach Puerto Ayacucho schicken könnte. Er fackelte nicht lange und sagte: "Komm, da machen wir gleich eine Homepage!" Gesagt, getan. Doch eine Homepage nur aus Bildern? Schon auf der Reise bekamen wir so viele Informationen von Mario über Intrigen und Ausbeutung gegenüber den Regenwaldindianern, daß ich dieses in unserer Homepage mit einbinden wollte. In den letzten 4 Jahren habe ich mich so sehr in das Thema: `die Probleme der Regenwaldbewohner im Zeitalter des technischen Fortschritts´ verrannt, daß mir eine reine Informationsseite nicht mehr ausreichte. Ich wollte mich mehr persönlich einsetzen und zusammen mit Mario Projekte im Regenwald starten, bei denen die Indianer die Straße in Puerto Ayacucho Hauptakteure sind und nicht das Gefühl bekommen, bevormundet zu werden. So hat Mario die Piaroa in Paria gefragt, was sie sich vorstellen könnten, um ihre Selbständigkeit zu fördern. Sie haben sich für ein Museum entschieden, in dem ihre Handwerkskunst und Dinge des täglichen Lebens ausgestellt werden. Zuhause habe ich dann in verschiedenen Projekten dafür geworben und gesammelt. In endlosen Mails haben Mario und ich alles vorbereitet und zusätzlich noch eine Expedition zum Oberlauf des Ventuari geplant, um auch dort nach den Wünschen der Indianer zu forschen. Die Liste der Erledigungen wurde länger und länger, doch ich kann bis zum Vorabend-Check-In alles schaffen. Doch dort schlägt nun die Stunde der Wahrheit: die Waage! 13,5 kg, 14,5 kg, und 26 kg macht zusammen 57 kg bei 40 kg Freigepäck abzüglich Toleranz bleiben 7 Kilo Übergepäck, macht 208 Euro.

Mit der Frage, ob nun alles nötig war, verlassen wir den Flughafen und fahren in eine Kneipe um das letzte Schäuferla für die nächsten Wochen zu essen. Die Nacht war kurz, denn um 7:15 Uhr geht die Maschine nach Frankfurt. Der Abschied ist wieder schlimm, denn mein Sohn Christoph hat es sich nicht nehmen lassen, mich zum Flughafen zu begleiten. Beim letzten in den Arm nehmen fließen die Tränen. Er hat Angst um seinen Papa. Ich kann meine unterdrücken, aber auch mir fällt es nicht leicht. Um 7:24 Uhr hebt die Maschine in Nürnberg ab. Das Umsteigen in Frankfurt klappt problemlos und fast pünktlich hebt unser Airbus von der Startbahn West ab. Über Paris, den Golf von Biscaya, La Curuna hinaus auf den Atlantik. Der rote Strich auf den Bordmonitoren sieht aus wie von einem Lineal gezogen. Auf die 2 Spielfilme, die während des Fluges gezeigt werden, kann ich mich nicht konzentrieren. Klappt es mit der Abholung? Mario hat mir gemailt, daß wir von einem Kollegen namens Mario abgeholt werden - Ist er es am Ende selbst? Nun, wir werden es ja sehen. Um 14:55 Uhr Ortszeit landen wir sogar eine halbe Stunde früher als geplant. Die Schlange am Einreiseschalter ist lange und so dauert es bis auch mein Reisepaß auf Echtheit und die Angaben auf Richtigkeit überprüft sind. Auch am Gepäckband dauert es. Die meisten sind schon weg, als endlich als letztes Stück mein roter Rucksack aus dem schwarzen Loch kommt. Der einzige Gepäckwagen, den wir bekommen konnten, war kaputt. Also schleppen! Hinaus in die Massen von `Change?´, `You need Taxi?´ und `Hotel?´. Wo ist Mario? Kein Mensch mit einem Zettel Mr. Zeh/Mr. Jenewein ist zu sehen. `Taxi?´, `Hotel?´, `Change?`. Ich krame Marios Telefonnummer aus dem Gepäck. "Was, du schon? Ich dachte um 17:20 Uhr!" Mario sagt uns, wo wir warten sollen und nach einiger Zeit werden wir von Mario Crapanzano - kurz "Crapi" - abgeholt. Er entschuldigt sich für die Verspätung, aber es lag wohl am Festplattencrash von Marios Computer, mit der Email über die geänderten Flugzeiten. Crapi bringt uns ins Hotel "Savoy" im Bezirk Sabana Grande von Caracas. Die 35 km lange Fahrt in die im Gebirge gelegene Hauptstadt geht problemlos, doch in der Stadt herrscht Chaos - Rushhour. Für 70.000 Bolivares (Ca 30 Euro) beziehen wir ein gepflegtes Zimmer im 4. Stock. Wir verabreden uns für den nächsten Morgen um 5:45 Uhr für die 12-stündige Fahrt nach Puerto Ayacucho.

 

Für venezolanische Verhältnisse überpünktlich kommt Crapi vor das Hotel gefahren. Wir warten schon lange im Foyer, denn der Jetlag ließ uns bereits vor 4 Uhr erwachen. Schnell sind unsere Rucksäcke im Kofferraum des Jeeps verladen und der Trip 700 km in Richtung Süden kann losgehen. Zu dieser Zeit herrscht auch schon wieder Rushhour, doch nachdem das Hotel am Kreisverkehr in Cagua südwestlichen Ende von Caracas liegt, betrifft uns dieses Chaos nur für kurze Zeit. Wir verlassen die Stadt in westlicher Richtung. In unterschiedlichen Kurven geht es stets bergab. Die feucht-warme Luft vom Meer und die stetigen Winde lassen hier oben am Hauptkamm der Küsten-Cordilleren ständig Wolken bilden, aus denen feinste Tröpfchen alles in einem feuchten Saum umschließen. Die Straße ist naß und Crapi muß vorsichtig fahren, da das heruntertropfende Öl der alten Truckmotoren die Schleudergefahr verstärkt. Überall am Straßenrand stehen Gedenkhäuschen verstorbener Unfallopfer. In den mehr oder weniger breiten Tälern hat sich meist Stahlverarbeitende Industrie angesiedelt.

 

Zunächst folgen wir dem Highway 1 Richtung Maracay und biegen bei Cagua auf den Highway 11 ab. Hier nehmen wir unser Frühstück - gefüllte Empadadas - ein und beobachten, wie draußen der Verkehr komplett zum Erliegen kommt. Etwa eine viertel Stunde bewegt sich kein einziges Fahrzeug. Auf Ampeln schaut kein Mensch, gefahren wird dort, wo Platz ist, und so hat sich auf der Ringstraße um das Einkaufszentrum ein in sich verkeilter Kreis gebildet. Erst als Beamte der Guardia Nacional Fahrzeuge über den Hof einer Firma leiten, kommt langsam wieder Bewegung in den Blechsalat. Weiter geht es über Villa de Cura nach San Juan de los Morros, wo sich ein Hawaii-Inseln gleichender Berg erhebt, der deshalb zum National Monument erklärt wurde. Die Täler, in denen nun meist Zuckerrohr angebaut wird, werden langsam weiter, die Berge niedriger und die Landschaft geht bei Ortiz langsam in das weite Land der Llanos über. Der Weg führt uns von nun an nur noch Richtung Süden. Vorbei geht es an Fincas und Haziendas, auf denen vorwiegend Viehwirtschaft betrieben wird, bis sich bei El Rastro ein großer Stausee fast bis zum Horizont ausdehnt. Der "Embalse de Guarico" dient als Wasserspeicher, der die Regen- und Trockenzeit ausgleichen soll, damit südlich von Calabozo Pico del Morros Reisanbau betrieben werden kann. Endlos fahren wir an den Reisfeldern vorbei, unterbrochen nur zeitweise von ein paar Feldern, auf denen magere Kühe weiden. Bei San Fernando de Apure überqueren wir den gleichnamigen Fluß über eine hohe Stahlbrücke. Die Landschaft ist nun Brett eben. Riesige überschwemmte Flächen werden von Sumpfpflanzen zu gewachsen. Rinder bahnen sich einen Weg durch den Sumpf - das Gebiet der Anakondas. Bei einem Tankstopp bei San Juan de Payara konnte ich nur wenige Meter von mir entfernt eine beim Überqueren eines Bachlaufs beobachten, doch noch bevor die Elektronik der Video-Kamera hochfuhr war sie schon wieder zwischen den Wasserpflanzen verschwunden. Den Fluß "Arauca" können wir noch über eine Brücke überqueren, doch um bei La Macanilla über den Capanaparo zu kommen, müssen wir die Fähre benutzen. Auf der anderen Seite beginnt der "Cinaruco-Capanaparo-National-Park" mit seiner steppenähnlichen Landschaft. Nur einer Sippe vom Stamm der Paniva-Indianer ist es noch erlaubt sich hier nieder zu lassen. Ein paar wenige Ansiedlungen in typischer Bauart liegen links und rechts neben der Straße. Das Ende des National-Parks liegt am Cinaruco, den wir ebenfalls mit der Fähre überqueren müssen.

 

Am Horizont erheben sich schon die Berge der Serrania de la Parguaza und wir beobachten wie sich dort ein riesiges Gewitter zusammen braut. Die ersten Tropfen fallen auf uns während wir in Lastwagen auf Fähre Puerto Paez auf die Fähre über den Orinoko warten. Wir beobachten das Anlegen und Entladen des Schiffes und meine Befürchtungen, daß es beim Verladen des roten Trucks zu Problemen kommen könnte, bewahrheiten sich. Der Winkel zwischen dem Ufer und der Auffahrrampe der Fähre war mit dem Überhang der Ladefläche nicht konform. Mit lauten Krachen und Knirschen hingen die Antriebsräder des Trucks in der Luft. Unterlegen von Planken und Gewichtsverlagerungen durch andere Fahrzeuge auf der Fähre halfen nicht, um genügend Reibung zum Fortbewegen zu bekommen. Schließlich vertäute man den LKW mit einem starken Seil an der Anhängerkupplung eines Toyota-Jeeps. Mit all den Registern, die das Getriebe zu bieten hat, kann er den Truck vorwärts ziehen. Während der Aktion haben wir gar nicht bemerkt, daß das Gewitter größtenteils schon wieder in sich zusammen gefallen ist. Für die letzten 80 km hat Crapi eine Stunde eingeplant, so daß er kurz nach 19:00 Uhr - es ist inzwischen schon stock finster - den Jeep in die Auffahrt zum Basiscamp AmazoniA lenken kann.

 

Hilario, unser Bootsmann der letzten Reise, öffnet uns das Eisentor und begrüßt uns wie alte Bekannte. Im Finstern steigen wir hinauf zum Haupthaus, wo Mario und Alvaro schon auf uns warten. Die vielen Fragen, die ich mitgebracht habe, können gar nicht auf einmal beantwortet werden. Die Zeit vergeht so schnell, daß Alvaro zum Aufbruch rät. Wir können später beim Essen weiter reden. So bringt man uns in ein nahegelegenes Hotel, in dem wir uns erst einmal frisch machen. Danach fährt Crapi mit uns zu der vereinbarten Pizzeria. Durch die lange Fahrt und dem immer noch nicht überwundenen Jetlag übermannt uns schon bald die Müdigkeit. Wir verabreden uns für den nächsten Morgen, um den weiteren Ablauf der Expedition und unseres Museumsprojektes zu klären.