Die Nacht in der Hängematte war richtig gemütlich. Wir sind zwar schon zeitig wach, doch müssen am Rumpf des Holzbongos noch ein paar Löcher gestopft werden. Beim Verlassen des Hafens die üblichen Kontrollen und weiter geht die Fahrt wieder erst ein Stück dem Atabapo hinunter und dann auf dem Orinoko weiter nach Osten.
Am späten Nachmittag ist es dann endlich so weit. Wir erreichen den Kontrollpunkt Sta. Barbara und somit auch das Delta von Ventuari. Für uns alle ist dieser Trip das erste Mal, doch auf Grund seiner Erfahrung kann Hilario die gefährlichen Untiefen umfahren. Die Navigation durch das Gewirr von Inseln und Flußarmen übernimmt Crapi anhand einer Landkarte und mit Hilfe von GPS. Bei einer kleinen Ansiedlung namens Chipiro gibt es nur noch einen Fluß: den Ventuari. Er fließt uns aus Nordosten entgegen, doch da inzwischen der Tag langsam zur Neige geht, sucht Hilario einen geeigneten Platz, um unser Nachtlager aufzubauen. Die Suche dauert nicht lange und an der Mündung eines kleinen Flusses findet sich eine große Sandbank. Schon bei der ersten Begutachtung läßt sich erkennen, daß wir nicht alleine sein werden. Eindeutige Fußspuren im Sand mit einer wellenartigen Vertiefung dazwischen weisen auf Kaimane hin. Doch sie scheinen klein und harmlos zu sein. Wir bauen unser Zelt auf und versuchen uns erfolglos im Angeln. Die Kaimane können wir nicht ausmachen. Wir warten noch bis es nach dem Abendessen ganz dunkel ist und werden es dann mit den Taschenlampen noch einmal probieren, denn Kaimanaugen reflektieren das Licht orangefarben. Und siehe da, es liegen 3 Kleine im Wasser am Ufer. Ihre Elterntiere können wir nicht sehen. Wir versuchen sie mit der Haut eines Hähnchens aus dem Wasser zu locken, doch sie schwimmen weg. Wir lassen schließlich die Haut liegen und wollen morgen nachsehen, ob sie sie sich doch noch geholt haben.
11.11.2004
Die Kaimane haben sich die Haut geholt und wir hatten auch noch weiteren Besuch auf
unserer Sandbank. Ein Ameisenbär, den Fußspuren im Sand zufolge, war hier, um nach etwas Eßbarem zu suchen. Nach einem Bad im Fluß nehmen wir wieder auf dem Boot das Frühstück ein und beobachten, wie nur wenige Meter von uns entfernt eine Gruppe Flußdelfine den kleinen Cano hinauf zieht. Wenig später machen wir uns wieder auf den Weg stromaufwärts. In Kanaripo, einer kleinen Ansiedlung, in der eine Filmgesellschaft ein Camp errichtet hat, machen wir kurz Halt um Hallo zu sagen. Besucher waren schon lange keine mehr da gewesen und wir treffen nur Frauen mit ihren Kindern an. Die Männer sind beim Fischen. Ich beobachte die Kinder und setze einen weiteren Grund unserer Reise in die Tat um. In den meisten Dörfern finden sich Fußballplätze, doch der dazu gehörige Ball fehlt. Die Erfahrung habe ich bei unserer letzten Reise gemacht und habe eine Aktion "Fußball für den Regenwald" ins Leben gerufen. Insgesamt 9 Fußbälle mit Ballpumpen konnte ich aus Deutschland mit herüber bringen. Den ersten davon übergab ich nun einem Kind, das mich mit glänzenden Augen anstrahlte und nur auf das zustimmende Nicken seiner Mutter gewartet hat. Sie begleiten uns zum Abschied ans Boot. Später biegt Hilario in einen kleinen Fluß ein, der zum Fischen geeignet sein müßte. Tatsächlich brodelt es in den überschwemmten Uferzonen, wo Räuber jagen. Doch unsere Angeln bleiben leer. Wir entschließen uns dann doch lieber zu Baden. Denn wir sind vollkommen durch geschwitzt.
Weiter geht die Fahrt auf dem Ventuari bis wir zu einer Flußgabel kommen, aus der der Guapucci sein grünes Wasser aus dem Norden bringt. Wir fahren ein paar Kilometer hinein und füllen dort unsere Frischwassertanks wieder auf. Wir wollen heute noch nach Cucurital kommen, um Agusto, einen Bekannten Hilarios zu besuchen. Unterwegs dorthin statten wir den Bewohnern Bicua´s noch einen kurzen Besuch ab und kaufen dort Casave, ein Brot aus geriebenem Maniok.
Agustin wohnt im gleichnamigen Camp von Cacao-Tours in Cucurital und soll dort immer nach dem Rechten sehen. Auf dem Rundgang über das weitläufige Gelände fallen mir sofort tote Gavilane (Raubvögel) auf, die über einem Stab hängen und vor sich hinverwesen. Sie haben mehrere Hühner gerissen und sollen auf diese Weise bewirken, weitere Gavilane vom Hühnerraub abzuhalten.
Für uns endet hier erst einmal unsere Reise. Das Brett für die Halterung unseres Aussenborders ist gebrochen. Neben dem unaufhörlichen Wassereinbruch, droht uns auch noch der komplette Verlust des Motors. Das Brett muß ausgetauscht werden.
12.11.2004
Wir treffen uns nach einer Nacht in Hängematten mit Caki, einem Maco-Indianer. Mit ihm will Hilario das Brett wechseln. Bei einem Originalholzbongo ist dies jedoch nicht ein normales Brett, sondern wird, wie auch die Paddel, aus den Fächerwurzeln geschnitten. Caki weist Hilario den Weg zu einer Insel, auf der er weiß, daß es solche Bäume gibt. Während wir im Gänsemarsch durch den Wald stapfen, hören wir schon von weiten das Schlagen einer Axt. Natürlich schauen wir auch dort vorbei. Ein Indianer hat einzig mit Macheten und Axt bewaffnet einen riesigen Baum gefällt, um sich daraus einen Bongo zu bauen. Seit 3 Monaten ist er nun damit beschäftigt und ein Ende ist noch nicht in Sicht. Caki hat derweilen einen Baum gefunden, aus dem man ein geeignetes Brett heraus hacken
kann. Mich fasziniert mit welcher Genauigkeit die Hiebe der Axt und Macheten entlang der eingezeichneten Markierungen sitzen. Was mit einer Motorsäge vermutlich in wenigen Minuten erledigt wäre, dauert mit unseren Hilfsmitteln Stunden. Doch irgendwann fällt die Holzscheibe aus der Wurzel und wir machen uns auf den Weg zurück nach Cucurital.
Hilario und Caki schlagen das gebrochene Brett aus dem Heck des Bongos und nehmen sie als Schablone für das Neue. Uns bleibt dabei nur zu schauen, warten und uns von den Puripuri wieder beißen zu lassen. Ein vorbeiziehender Flußdelfin bringt uns auf die Idee zu baden. Einerseits werden die juckenden Bißstellen gekühlt und andererseits wir auch von den Attacken geschützt. Kurz vor Einbruch der Nacht werden die Arbeiten am Bongo unterbrochen und Hilario und Caki fahren mit uns in eine Lagune auf der anderen Seite des Flusses um unser Abendessen zu fischen.
13.11.2004
Eineinhalb Tage dauert es bis unser Boot wieder repariert ist. Für mich Gelegenheit die nähere Gegend nach schönen Fotomotiven abzusuchen. Unterstützt werde ich durch den kleinen Nelson, Sohn von Caki. Er führt mich hinter sein Haus, wo er wohl selbst einen Hühnerstall gebaut hat, und zeigt mir weiter hinten im Wald große Eidechsen, Fledermäuse und, und, und. Als Dank schenke ich ihm eine Rolle Angelschnur und im Gegenzug schnitzt er mir im Nu 3 Bongos nebst Außenborder und Paddel.