Am frühen Nachmittag heißt es dann Abschied nehmen. Der Motor ist wieder fest
eingebaut und wir fahren weiter zu einem kleinen Hügel, Cerro Gavilan, den wir heute noch besteigen wollen. Die Anfahrt zu dem 150 Meter hohen Berg ist schwierig. 3 Anläufe in das dichte Ufergestrüpp erweisen sich als falsch. Ein zufällig dort rastender Indianer erklärt sich bereit, uns die richtige Uferstelle zu zeigen. Mit lautem Krachen der Äste legen wir mit dem etwas zu großen Bongo an. Vor mir fällt eine riesige Ameise auf das Brett. "Attention! Twentyfourhours!" ruft es aus dem Heck. Ihren Namen hat dieses Monster von den 24 Stunden andauernden Schmerzen, die im Falle eines Bisses auftreten und gegen die auch kein Schmerzmittel hilfen. Eigentlich sollte es auf den Hügel einen Weg geben, doch so genau ausmachen läßt sich keiner. Der fantastische Ausblick von einem Felsen läßt die Strapazen des schweißtreibenden Aufstiegs schnell vergessen. Vor uns liegt der Yapacana-Nationalpark und es ist erkennbar, daß zwischen dem Regenwald auch einige Savannen liegen. Nach einer Stunde sind wir wieder beim Boot. Die herein brechende Finsternis zwingt uns einen Lagerplatz zu suchen. Sandbänke sind hier rar gesät und deshalb entschließen wir uns auf eine Übernachtung im Wald. Die Plastikplanen über den Hängematten, die wir an den Bäumen befestigt haben, erweisen sich schon bald als nützlich und hilfreich, da der Himmel schon bald sein gesamtes Wasser über uns ergießt.
Am Morgen nieselt es nur noch für eine kurze Zeit. Nach dem morgendlichen Bad im Fluß statten wir der Kommune Porvenir Uno einen Besuch ab, kaufen Bananen, Paprika und Chillis und erkundigen uns nach dem Weg nach San Jose de Yureba. Auch hier findet sich ein Abnehmer für unsere Fußbälle. In engen Kehren schlängelt sich der Yureba durch den Wald; so eng, daß man an manchen Stellen den Gegenstrom durch die Bäume erkennen kann. Nach 2 Stunden erreichen wir San Jose. Es liegt noch etwas tiefer im Wald an einem Bach, der aber für unser Bongo zu klein ist. Es dauert
nicht lange, bis man uns entdeckt und mit einem kleineren Boot abholt. Wir fragen nach dem Maestro Mariano Lopez, dem Lehrer der 106 Seelen-Gemeinde, nachdem wir feststellen mußten, daß der Commisario und der Capitan nicht da sind. Er erklärt sich bereit auf meine Fragen zu antworten. Die Maco-Indianer sind praktisch Selbstversorger. Sie leben von dem, was der Conuko her gibt und vom Verkauf davon in Pto. Ayacucho, sowie dem Verkauf von Dachblättern und Chicichici. Seit der Missionierung vor ca. 100 Jahren sind alle katholisch und haben alle Traditionen und Riten verlernt. Einen Schamanen haben sie nicht mehr. Es gibt auch keine Feste mehr zu feiern und lediglich bei der Geburt eines Kindes wird ein Lied gesungen. Paare finden sich wie bei uns durch verlieben innerhalb
der Gemeinde, wobei aber darauf geachtet wird, daß nicht Beziehungen innerhalb einer Familie entstehen. Sie gilt als geschlossen, wenn der Vater des Mädchens seine Zustimmung erteilt, nach dem der Junge bei ihm um ihre "Hand angehalten" hat. Das erste Kind wird ungefähr mit 16 Jahren geboren, welches dann mit 4 bis 7 Jahren 3 Jahre lang in die Primator-Schule im Ort geht. Dort lernen die Kinder dann die Grundrechenarten, Lesen und Schreiben und die Amtssprache Spanisch. Es gäbe zwar auch die Möglichkeit eine weiterführende Schule in San Fernando de Atabapo oder San Juan de Manapiare zu besuchen, jedoch wird dies nie durchgeführt. Hauptaufgaben des täglichen Lebens sind Fischen, Jagen und das Bestellen des Feldes. Und geht dieser Lebenszyklus zu Ende, werden die Macos in einfachen Kisten ohne Zeremonie vergraben. Früher hat man sie noch in Palmblätter gewickelt und in Bäume gehängt. Wünsche und Träume für die Zukunft haben sie keine. Sie leben das Heute und sind dabei glücklich.
Während des Interviews im Schulhaus versammeln sich immer mehr Menschen und uns wird gestampfte Ananas zur Erfrischung gereicht. Wir wollen uns noch die Herstellung von Casave und Maniok zeigen lassen, aber die meisten sind nicht da, denn heute ist Sonntag. Und sonntags wird nicht gearbeitet - wieder ein durchschlagender Erfolg der Missionare. Wir machen einen abschließenden Rundgang und lassen uns das Dorf zeigen. Dabei stoßen wir auf eine archäologische
Kostbarkeit: in einem Stein erkennen wir Petroglyphen, die vor einigen tausend Jahren von einem unbekanntem, längst untergegangenem Volk eingemeiselt wurden. Hier in Yureba wird der Stein zum Trocknen der Wäsche benutzt und auf die Sensation angesprochen, wird uns achselzuckend entgegnet: `Die waren schon da, als unser Volk hierher kam´. Für die Macos hier hat dieses Erbe der Vergangenheit keinen fassbaren Wert.
Keiner im Dorf läßt es sich nehmen, uns zurück zu begleiten. Das Bongo, das uns zu unserem Boot bringt, ist grenzenlos überfüllt. Nur wenige Millimeter trennen die Wasseroberfläche von der Oberkante der Bordwand. Wir überreichen noch ein paar Dankesgeschenke und verlassen Gemeinde mit dem Gefühl, daß die Missionierung vor ca. 100 Jahren die Traditionen dieses Dorfes zerstört hat, die Maco-Indianer sich inzwischen daran gewöhnt haben und zufrieden sind. Sie sehen keinen Anlaß daran etwas zu ändern.