Schon früh morgens klettern wir im Licht der aufgehenden Sonne die wie Aspis
leuchtenden Felsen am Wasserfall nach oben. Es bietet sich ein grandioser Ausblick, doch nach
unserer Rückkehr werden uns 2 Überraschungen offenbart: Erstens, der Wasserstand ist sichtlich gesunken und zweitens hat Hilario an Bord eine Schlange entdeckt, die sich aber verkrochen hat, als er sie fangen wollte. Dies bedeutet, daß wir zuerst versuchen müssen, den Fluß wieder hinunter zu kommen. Blieben wir stecken, hieße das, Boot ausleeren und versuchen es über die Steine zu heben, oder auf die nächste Regenzeit im April zu warten. Danach können wir uns dem 2. Problem widmen: Boot ausleeren bis die Schlange gefunden und frei gelassen ist. Das 1. Problem haben wir um 11:00 Uhr ohne Schaden überstanden und wir fahren den Rio Marieta wieder bis zu seiner Mündung hinab und im Ventuari weiter flußaufwärts. Ständig halten wir Ausschau nach einer Sandbank, um uns dem 2. Problem - der Schlange - widmen zu können. Jedoch finden wir bis zum Abend keinen Platz, um das Boot zu entleeren. Zum Aufbau des Nachtlagers finden wir auch nur eine Stelle an der Mündung eines Bachlaufs mit einer steilen Böschung. Über Wurzel müssen wir in den Wald klettern um unsere Hängematten in den Bäumen fixieren zu können.
18.11.2004
Ich finde die Lage des heutigen Lagers am Morgen doch ganz toll, denn aus meiner Hängematte kann ich auf den rund 6 Meter tiefer gelegenen Fluß und auf das Bongo werfen. Bald sind all unsere Sachen wieder im Boot verpackt und wir sind abfahrbereit. Doch nichts bewegt sich. Beim anlegen hat sich das Boot unbemerkt in den Schlick des Baches gegraben. Über Nacht ist nun der
Wasserstand wiederum um etwa 10 cm gefallen und somit liegt das Boot nun entsprechend tiefer - in der Mitte auf einem umgestürzten Baum und sonst wie einbetoniert auf der gesamten Länge im Schlamm. Für uns heißt es nun ausladen, um das Boot leichter zu machen, doch das Boot muckt sich keinen Millimeter. Also rein ins Wasser und heben. Im 20 cm tiefen Wasser versinken wir bis zu den Hüften im Schlamm. Laut blubbern die Faulgase aus dem Schlick an die Wasseroberfläche. Doch was soll´s. Warten bis zur nächsten Regenzeit können wir nicht. Nach 1 ˝ Stunden ist das Boot frei und die Benzinfässer wieder an Bord. Später machen wir an einer steinigen Insel fest, um uns und die Kleidung vom Schlamm zu befreien.
Wir passieren Cano Asita, das erste Dorf der Ye´kwana-Indianer. Die Gemeinde gegenüber dem gleichnamigen Bach zählt nur 12 Einwohner, die gerade mit dem Bau eines Hauses beschäftigt sind. Ein Interview wollen sie keines geben, doch für ein paar Angelhaken und -schnüre dürfen wir Fotos machen.
Eine Stunde später erreichen wir Cano Negro und ein junger Mann, der am Rio Paru als Lehrer arbeitende Bantista, begrüßt uns am Ufer. Der Paru ist von hier in 4 Stunden Indianer-Fußmarsch zu erreichen. Er muß erst einmal die anderen fragen, ob sie bereit sind, auf meine Fragen zu antworten. Sie sind es und wir werden ins Gemeindehaus mit 4 langen Tischen geleitet. Während des Interviews mit unterschiedlichen Männern hören wir draußen einen Mann mehrfach rufen. Es ist das Signal für das gemeinsame Mittagessen. Nach und nach werden von vielen Personen Gefäße mit unterschiedlichen Früchten, Soßen und 3 Töpfen mit Tapirfleisch auf einen der großen Tische gestellt. Eine Gruppe Buben und junge Männer setzt sich mit Gitarren und einer Küchenreibe auf eine Bank und stimmen ein Lied im Lateinamerikanischen Rhythmus an und singen von den Ye´kwana.
Danach werden vom zur Zeit ranghöchsten Mann - Commisario und Capitan sind beim Alkalde in San Juan -, der Lehrerin und einem Musiker ein Gebet gehalten. Zuerst gehen die Kinder, dann die Männer und schließlich die Frauen in geordneten Reihen zum Essenstisch und lassen sich die Teller füllen. Auch uns und Hilario, der wie immer am Boot geblieben ist, wird etwas gebracht. Am Ende des Essens werden von den Mädchen die Reste der Früchte und Getränke wie Kartoffelsaft, Mango- und Bananensaft, sowie zum Testen Jarake - gegorener Ananassaft - gereicht. Das Interview läuft so als gesellschaftliches Tischgespräch weiter. So stellt sich heraus, daß die Ye´kwana vom Frühstück bis zum Abendessen alles gemeinsam machen. Morgens bestimmt der Ranghöchste den Ablauf des Vormittags und wer für den nächsten Tag auf die Jagd geht. Ist alles erledigt, kann nachmittags jeder machen, was er will.
Die Ye´kwana in Cano Negro haben als bislang erste Gemeinde auf unserer Reise noch weitere Sitten und Rituale. So wird am Anfang eines jeden Jahres ein neuer Bereich des Conucos vorbereitet, das abschließend mit einem Fest gefeiert wird. Nach der Geburt eines Kindes, wird es vom Schamanen aus dem Haus geholt und an den Cano Negro gebracht. In einer feierlichen Zeremonie das Kind mit Wasser übergossen und erhält somit so eine Art "Taufe". Die Eltern müssen zuvor einige Liter Jarake ansetzen und im Anschluß an die Taufe ein Fest abhalten. Verstorbene werden nicht in Särgen, sondern in Bananenblättern gehüllt beerdigt und die daran beteiligten Totengräber dürfen 1 Jahr nicht an Festlichkeiten teilnehmen. Ansonsten läuft das Leben nach dem Tode eines Bewohners wie gewohnt weiter. Ostern und Weihnachten ist zwar bekannt, jedoch gibt es keinerlei Feierlichkeiten. Es ist zu vermuten, daß die oben genannten Rituale von den Missionaren eingeführt wurden und bis zum heutigen
Tage beibehalten werden. Ein Ritus hat jedoch sicherlich seinen Ursprung vor den Zeiten der Missionierung. Es ist ein Brauch, in der ein pubertierendes Mädchen zur Frau wird oder besser gesagt ihre erste Menstruation bekommt. Vom Beginn der ersten Blutung darf das Mädchen für 7 Tage das Elternhaus nicht mehr verlassen und wird danach vom Schamanen abgeholt und auf das Conuco geführt, um Kraft zu schöpfen. Anschließend werden alle Mädchen und Frauen von den Männern in einer bestimmten Reihenfolge (noch nicht, schon und nicht mehr menstruierend) unter Hieben mit Stöcken zurück ins Dorf getrieben, wo sie über hoch gespannte Seile springen müssen, bis das zur Frau werdend Mädchen unter Erschöpfung zusammen bricht. Ihre Eltern müssen für das anschließende Fest zwei 100-Liter-Fässer Jarake brauen, und nebeneinander ins das Gemeinschaftshaus stellen. Zum eigentlichen Fest stellen sich Frauen und Männer getrennt in einer Schlange je vor ein Faß und gibt abwechselnd dem Mädchen so lange von dem Gebräu zu trinken, bis es bewußtlos zusammen bricht. Für 3 Monate muß sie nun das Dorf verlassen und wird erst danach als richtige Frau anerkannt. Mit der Information, daß die Bewohner des Dorfes irgendwann in Zukunft ein Kulturhaus bauen wollen, beende ich meine Fragen und war froh, nun doch ein Volk gefunden zu haben, die noch Traditionen, wenngleich nicht gerade emanzipierte, festhalten.