Nyaru Menteng

15.02. bis 17.02.2009

 

Wir werden schon erwartet. Vor dem Flughafen von Palangkaraya steht ein Bus, den die BOS von der britischen Fernsehgesellschaft BBC für eine Dokumentationsreihe erhalten hat. Mit ihm fahren wir in die Stadt zu einer Zweigstelle der BOS Indonesien, denn wir benötigen für die spätere Reise ins Mawas-Naturschutzgebiet Ausnahmegenehmigungen. Während wir warten, bemühen sich einige der Mitarbeiter Kühlboxen und Eis für Marikas Medikamenten-Koffer herbei zu schaffen. Irgendwann erhalten wir eine Mitteilung, dass sich die Erteilung der Papiere wohl noch etwas hinaus zögern würde und wir zwischenzeitlich nach Nyaru Menteng gebracht werden. Die Bescheinigungen würden uns dann in 2 Tagen auf der Durchfahrt nach Mandomai ausgehändigt werden. Auf der Busfahrt in das etwa 40 km nördlich gelegene Dorf kaufen wir noch ein paar Nahrungsmittel und Getränke ein, denn in der Ekologe, in der wir die nächsten Tage nächtigen, ist Selbstversorgung angesagt. Bevor wir jedoch in unser Nachtlager fahren, will Helmut noch der Orangutan Auffangstation Nyaru Menteng I einen Besuch abstatten, um zwischenzeitlich die Medikamente für die weitere Kühlung abzugeben.

Lone Dröscher-Nielsen in der Orangutan Auffangstation Nyaru Menteng / Borneo Normalerweise hat man dorthin keinen Zutritt und Helmut geht alleine hinein, während wir am Tor warten müssen. Von der Ferne können wir unzählige kleiner Orangutans erkennen, die gerade aus dem Kletterwald zurück kehrten. Auf dem weitläufigen, gepflegten Gelände sind mehrere weiß getünchte Häuser und verschieden große Metallkäfige zu erkennen. Direkt vor uns in wenigen Metern Entfernung ist ein kleines Bärengehege mit 2 Malaienbären. Schon nach kurzer Zeit, kommt Helmut zurück, um uns mitzuteilen, dass wir von der Leiterin der Station Lone Dröscher-Nielsen erwartet werden. Er ermahnt uns jedoch eindringlich von den Orangutans weit entfernt zu bleiben. Erstens kennt ihr Immunsystem unsere Keime nicht und zweitens sollen die Affen zur Auswilderung vorbereitet werden und deswegen möglichst wenig Menschenkontakt haben. Als weiteres sind in der Auffangstation mehrere Orangutans, die von Menschen entweder gequält oder in einer unwürdigen Umgebung gehalten wurden. Für sie bedeutet der Anblick ihres "Feindbildes" Mensch eine besondere Stresssituation.

Auch für uns sind die nächsten Minuten eine besondere und aufregende Situation: Wir werden von Lone Dröscher-Nielsen, die wir bislang nur aus einigen Dokumentationsreihen im Fernsehen kannten, in ihrem Büro begrüßt. In Kennerkreisen ist sie auch so etwas wie die "Dian Fossey von Borneo". Als sie dann die Jalousien ihres Büros öffnete, standen vor uns etwa 60 bis 70 Winzlinge, die noch etwas in den Klettergeräten und auf der Wiese herumtollten. Wir kamen nicht mehr von den Auslösern unserer Kameras los. Inzwischen war auch David, der Tierarzt, ins Büro gekommen, um die Medikamente in Empfang zu nehmen. Er wirkte, als wäre Weihnachten, so strahlte sein Gesicht. In den vergangenen Monaten hat sich zwischen Helmut und Lone einiges an Gesprächstoff angesammelt. Und so hatten wir noch viel Zeit die Orangutans beim Spielen zu beobachten. Etwas später trat David auf uns zu, um uns vor der Malaria zu warnen, die derzeit in einer besonders schwerwiegenden Form in der Umgebung grassiert. Sie greift das cerebrale Nervensystem, sprich das Gehirn, an und ist schwer bis überhaupt nicht zu therapieren. Die Krankenstation sei schon voll und in den letzten Wochen sind schon mehrere Orangutans der Krankheit grauenvoll erlegen. Den besten Schutz gewährt ausschließlich der aktive Mückenschutz durch Tragen entsprechender Kleidung und die Einnahme von Malarone® in Kombination. Kurz vor Einbruch der Dunkelheit verlassen wir die Auffangstation und fahren zur Ekolodge, in der wir die nächsten Tage übernachten werden. Sie befindet sich an einem der wenigen Reste ursprünglichen Regenwaldes, dessen Ausmaße jedoch kaum der Rede mehr wert sind. Doch es reicht, dass noch ein paar wenige Gibbons Zuflucht darin finden. Deren Rufe, die Umgebung und ein Wetterleuchten hinter den Hügeln bilden zusammen eine Kombination von scheinbarer Urtümlichkeit, wenn man nicht von der gnadenlosen Zerstörung nur wenige hundert Meter entfernt wüsste.

Übergabe von Spendengelder Am nächsten Morgen fahren wir wieder zurück in die Orangutan-Auffangstation nach Nyaru-Menteng und treffen uns dort mit Lone und David zur offiziellen Übergabe der Spenden. Wie bereits erwähnt wurden neben Bargeld von den Orangutan-Patenschaften, die Helmut Huber über seinen Verein "Fans for nature e.V." erhalten hat, auch 2 Notfallrucksäcke und eine Vielzahl von Medikamenten und Laborutensilien durch Marika und Eveline von Helmuts Partnerverein "Fans for nature - Austria" aus Innsbruck übergeben. Auch wir vom Nürnberger Verein "Lebensraum Regenwald e.V." haben uns finanziell am Spendenmarathon beteiligt. Als Dank führt uns Lone nach den obligatorischen Dokumentationsfotos in der Station herum. Um die Tiere vor unseren Keimen zu schützen, müssen wir einen Mund- und Nasenschutz tragen. Als erstes besuchen wir die Tierklinik mit Labor, Röntgenraum, dem Op und dem dazugehörigen Aufwachraum. In ihm werden notwendige Operationen von Verletzungen durchgeführt, welche die armen Orangutans von Wilderern oder den Beschützern der Palmöl-Plantagen erleiden. Verletzungen durch Schusswaffen, Degen und Säbeln, Hämmern und Äxten, Verletzungen durch Gefangenschaft wie Ketten und Käfige genauso wie Verbrennungen. Uns werden eine Vielzahl von Bildern der Grausamkeiten gezeigt. Auf dem weiterem Gelände stehen Dutzende Käfige mit einzelnen Orangutans, die auf ihre Genesung oder auf die Auswilderung warten, und auch solche, in denen die kleinen Orangutan übernachten. An einer Mauer der Futterstation hängt eine große Tafel mit einem ausgeklügeltem Ernährungsplan, um die notwendige Abwechslung auf der Speisekarte und auch an Nährstoffen zu gewährleisten. Für uns wird es nun auch Zeit das Mittagessen einzunehmen. Auf einer überdachten Terrasse wird uns ein Gericht aus Reis, frittierten Fischköpfen, Palmwurzelgemüse mit einer immens scharfen Soße gereicht. Schweißperlen stehen danach dem einen oder anderem auf der Stirn.

Waschkörbe dienen als Babykrippen Auf der Ladefläche zweier Pickups machen wir uns nach dem Essen auf den Weg zur nahegelegenen Säuglingsstation, in der die kleinsten Affen von Helferinnen mit der Flasche getränkt werden. Am Boden des leeren Raumes stehen eine Vielzahl von Waschkörben, die als Wiege für die Knirpse in Windeln dienen. Hinter dem Haus führt ein Fußweg zum so genannten Kindergarten, wo die Kleinen im Beisein von Erzieherinnen herumtollen und die ersten Kletterversuche unternehmen dürfen. Teils neugierig, teils verschüchtert und ängstlich beobachten uns die Affenkinder ebenso aus sicherer Entfernung, wie wir sie. Dass unsere Anwesenheit unerwünscht ist, verdeutlicht ein Kleiner, in dem er in das Geäst über uns klettert und auf uns herab uriniert. Hier muss noch einmal verdeutlicht werden, dass kein einziges Tier im Gegensatz zu unseren Zoos hier zur Welt gebracht wurde, sondern vielmehr jedes einzelne Individuum aus einer Gefangenschaft befreit, neben ihrer ermordeten Mutter gefunden oder gar von ihrer eigenen Mutter ausgesetzt wurde. Dieses Verhalten hat keineswegs etwas mit Barbarei zu tun, sondern als ein letzter Ausweg einer verzweifelten Situation. Orangutans verhalten sich genauso fürsorglich, wie die Mütter unserer Kinder. Sollte durch Brandrodung oder Abholzen die Nahrungsgrundlage für ein Überleben zerstört sein, so legen Orangutan-Mütter in Verzweiflung teilweise ihre eigenen Kinder an den Straßenrand und warten bis jemand das kleine Baby mitnimmt. Ob dieses Kind nun in einer Orangutanauffangstation landet oder in einem Käfig eines Perversen - es hat zumindest eine Überlebenschance. Die Mütter ziehen sich dann zum Sterben wieder in den brennenden Wald zurück oder verhungern.

Nach der Ankunft in der Hauptstelle von Nyaru Menteng warten wir auf die Rückkunft der Affen aus dem Klettergarten. Tagsüber wird den Kleinen das Klettern beigebracht und ihnen versucht verständlich zu machen, dass sich ihr Leben in freier Wildbahn in den Wipfeln der Bäume abspielt. Sie kennen es nicht, jedoch ist es für ein Überleben nach der Auswilderung unerlässlich. Als sie mit ihren Erzieherinnen aus dem etwa 100 Hektar großem Waldgebiet zurück kehren, kicken bei uns wieder unaufhörlich die Verschlüsse unserer Fotoapparate. Zu süß ist ihr Anblick. Wir verabreden uns noch mit Lone und David für den Abend und fahren zurück zur Ekolodge. Nach dem Essen, das Lone für uns gekocht hat, sehen wir uns noch auf dem Laptop den aktuellsten Film der BBC über Nyaru Menteng an.

Fütterung der Tiere in Katja-Island Der nächste Tag beginnt mit einer 15-minütigen Wanderung zum Fluss Rungan, um im mit Boot eine Auswilderungsinsel im Fluss anzusehen. Auf der 102 Hektar großen Insel namens "Katja-Island" leben 48 Orangutans, davon 4 dominante Männchen. Bodo und ich haben das Glück in einem der Boote Platz zu finden, mit dem das Futter für die Tiere transportiert werden. Die Insel ist zwar groß genug für die knapp 50 Tiere, bietet jedoch nicht genügend Nahrung für alle. Deshalb muss nachgefüttert werden. Und somit haben wir das Glück, viele Tiere und auch den Kampf um die besten Stücke zu filmen und zu fotografieren. Jedoch hat unsere Umrundung der Insel dadurch knapp eine Stunde länger gedauert als die der anderen. Als wir wieder zur Ekolodge zurück kehrten wartete dort Matthias Müller von der Borneo-Urangutan-Hilfe. Er ist schon seit 5 Wochen unterwegs um ganz Borneo zu umrunden und den Zustand der Wälder zu dokumentieren. Gegen Mittag holt uns wieder der Bus ab und bringt uns in eine weitere Zweigstelle der BOS Nyaru Menteng. Sie befindet sich auf freiem Gelände mit nur wenig Buschwerk. Die Gegend wurde dem großen Feuer aus den Jahren 1998/1999 zum Opfer. Hier befinden sich die Großen, solche die den Gewehren und dem Feuer entkommen konnten. Jedoch ist ihre jetzige Situation nicht wesentlich besser. Hier leben erwachsene Orangutans, die entweder an Infektionskrankheiten leiden oder Dominante, die deshalb nicht ausgewildert werden können. Von Helmut erfahren wir mehr über ihre Gestiken, was es bedeutet, wenn sie schmatzen, spucken und grunzen. Sie haben Angst vor uns, stehen im Stress, denn Lebewesen unserer Gattung fügten ihnen großes Leid zu. Andere sitzen stoisch in der Ecke, wieder andere vollziehen immer wiederkehrende Bewegungen. Ein Zustand, den man Hospitalismus nennt. Nach dem Artenschutz-Gesetz dürfen sie aber auch nicht eingeschläfert werden. Wir ziehen uns deprimiert zurück und erkundigen uns, weshalb sich so viele Affen in Nyaru Menteng befinden und nicht mehr zurück in den Wald gebracht werden. Es liegt am fehlenden Geld. Helmut rechnet uns eine Auswilderung vor. Vom Erkundungstrupp, über Transport- und Personalkosten bis hin zur Miete eines Transporthubschraubers kommen da schnell 40 bis 50 Tausend Euro zusammen. Geld, das nicht in ausreichender Menge zur Verfügung steht.

Wir fahren zurück zur Ekolodge und verpacken unsere Sachen wasserdicht, denn morgen geht es mit dem Boot in die letzten Sumpfregenwälder Borneos, dem Mawas-Gebiet.