Mawas Gebiet

18.02. bis 20.02.2009

 

Libanesisches Gebirge Heute ist frühes Aufstehen gefragt, denn wir haben erstens eine große Entfernung noch zurück zu legen und zweitens sind noch einige Besorgungen zu machen. So räumen wir im Morgengrauen unser restliches Zeug zusammen, das gleich nach dem Frühstück in 3 Pickups geladen wird, die in der Zwischenzeit vorgefahren sind. Etwa gegen 8:00 Uhr verlassen wir die Ökolodge Richtung Palangkaraya ins Office der BOS. Dort treffen wir uns mit Matthias, der in einem Nahe gelegenen Hotel übernachtet hat. Für ihn muss noch eine Ausnahmegenehmigung für das Bereisen des Mawas-Schutzgebietes besorgt werden. Und dies dauert und dauert. In der Zwischenzeit werden wir mit Kaffee versorgt und ich verbringe die Zeit mich im Office umzusehen. Es hängen einige Bilder an den Wänden, jedoch interessieren mich mehr die 2 Satelliten-Übersichtskarten der Region. Deutlich sieht man weiter im Osten rechtwinklig verlaufende Entwässerungskanäle. Wir werden heute abend in Ansätzen das Ausmaß dieses ökologischen Frevels zu Gesicht bekommen. Aber davon später.

Nach 2 Stunden trifft ein Angestellter der BOS mit den erforderlichen Papieren für Matthias ein. Sofort besteigen wir wieder die Pickups und machen uns auf den Weg Richtung Mandomai. Unterwegs kaufen wir noch als Spende für die Schule in Tuanan Malblöcke und Schreibhefte. Helmut besorgt noch einen Globus, um den Kindern zu zeigen, von woher wir kommen und wo sie leben. Die Strasse Richtung Süden ist in einem sehr schlechten Zustand und verläuft größtenteils auf einer Brücke. Der Grund hierfür liegt am sumpfigen Untergrund, der einen stabilen Straßenbau verhindert.

In Mandomai steigen wir in ein Speedboot um, das uns über Mantangai nach Tuanan bringt. Dort kommen wir gegen 4 Uhr nachmittags an. Wir werden schon erwartet. Das Dorfoberhaupt begleitet uns vom "Hafen" zur nahegelegenen Schule. 15 Kinder in rot-schwarzen Schuluniformen stehen aufgereiht und begrüßen uns mit einem Lied. Danach überreichen wir unsere Geschenke. Helmut überbringt die Botschaft, dass die Passauer Berufsschule die Patenschaft für die Schule übernommen hat und dass die Bezahlung des Lehrers gesichert ist. Er überreicht dem Dorfvorstand und dem Lehrer und im Anschluss dürfen wir die Schulhefte und die Stifte, die uns die Steiner Stiftefabrik Faber-Castell großzügig zur Verfügung gestellt hat. Danach wird uns noch ein Mittagessen gereicht, das für uns vorbereitet wurde.

Libanesisches Gebirge Wir halten uns nicht lange auf, denn wir waren schon sehr verspätet in Tuanan angekommen und wir müssen noch ein ganzes Stück weit fahren. Gesäumt von nahezu allen Dorfbewohnern besteigen wir wieder das Speedboot zurück nach Mandomai, wo wir in kleinere Boote umsteigen. Schmal, etwas undicht und mit einem Dieselmotor ausgestattet, dessen Ende des Auspuffrohres nur wenige Zentimeter hinter dem Auslassventil endet, knattern wir mit Ohrenbetäubenden Lärm durch die Entwässerungskanäle in die hereinbrechende Nacht. Als ich mich nach den Anderen umsah, erkannte ich, dass ein Großteil des Dieselgemisches außerhalb des Motors explodiert. Weit nach Sonnenuntergang erreichen wir das BOS-Camp "new hope" oder auch "Camp release". Es werden wohl beide Namen gebraucht.

Für Helmut, Werner, Bodo und mich stand schon am Abend fest, dass wir unser Nachtlager auf der Terrasse aufschlagen. Matthias und die Mädels schlafen in etwas muffigen, aber sauberen Zimmern. Früh Morgens werden wir durch das Geschrei der Gibbons geweckt. Nebel zieht zwischen dem Schilf und den Resten des Regenwaldes und die aufgehende Sonne lässt alles in einem etwas mystischen Licht leuchten. Das Camp liegt unmittelbar am Rande des Naturschutzgebietes Mawas. Hier ist auch die Grenze zwischen noch intaktem Regenwald, dem Sohatu-eine-Millionen-Hektar-Reisprojekt und den Bereichen, die in den Jahren 1996 bis 1999 durch Torfbrände vernichtet worden sind. Nach dem Frühstück machen wir einen Ausflug mit dem Boot durch die Sümpfe. Laut knatternd durchfahren wir zwischen riesigen Schilf ein verwirrendes Kanalsystem. Immer wieder kommen wir an Fahnen vorbei, die für die hinduistischen Einheimischen Schutz und Glück bedeuten sollen. Für den Regenwald bedeuten sie jedoch illegale Rodung. Überall finden wir frisch geschlagene Baumstämme. Unsere Fahrt geht weiter durch den Sumpf, vorbei an einem Hinduistischen Gebetshaus, das mitten in eine Lagune gebaut wurde, bis wir an das BOS-Camp Bagantung ankommen. Hier endet auch Borneos "längste Brücke". Scherzhaft ist damit ein Steg gemeint, den BOS-Mitarbeiter immerhin 24 km weit durch den Wald bis Tuanan gebaut haben. Uns fällt allen ein etwa 20 m hoher Baum auf, dessen Spitze gekappt wurde und statt dessen eine Art Sitzfläche montiert ist. Unzählige Bretter wurden am Stamm leiternartig nach oben genagelt. Wir fragen nach dem Sinn und erfahren, dass von dort oben der einzige Handy-empfang zu finden ist. Hierzu sei zu erwähnen, dass in vielen Regionen die Generation "Festnetztelefonie" gänzlich übersprungen wurde.

Libanesisches Gebirge

Nach einer Pause fahren wir wieder zurück in unser Camp und der weitere Nachmittag steht uns zur freien Verfügung. Die Möglichkeiten der Freizeitgestaltung sind hier zugegebener Maßen sehr eingeschränkt, jedoch was für die einen vielleicht langweilig scheint, weckt in mir eine Faszination: beobachten, riechen, lauschen, nachdenken. Ich glaube, diese Faszination hat mich zu dem gemacht, was ich heute bin: Umwelt- und Naturschützer. Sie erweckte in mir die Erkenntnis, dass der Mensch nur ein winziger Baustein der Natur ist, jedoch glaubt alles beherrschen zu müssen und dabei nicht merkt, dass er durch sein Verhalten nicht nur das Fortbestehen der globalen Tier- und Pflanzenwelt akut gefährdet, sondern auch seiner eigenen Spezies. Am späten Nachmittag besteigen wir noch einmal die Boote und lassen uns ohne Motorkraft in der Strömung flussabwärts bis zu einer kleinen Ansiedlung treiben. Obwohl uns der Sonnenuntergang einen wunderschönen Anblick bietet, so bedeutet er Kahlschlag pur. Bis zum Horizont, hinter dem die Sonne rotglühend versinkt, steht weit und breit kein Baum mehr. Wieder im Camp angekommen legen wir uns nach dem Abendessen auf die Stege und genießen den Anblick Millionen funkelnder Sterne.

Der nächste Morgen bietet uns wieder das gleiche phantastische Szenario: Nebelschwaden und das Gebrüll der Gibbons. Beim Frühstück springt eine Horde Nasenaffen durch das Geäst unmittelbar am Camp vorbei. Gegen 9.00 Uhr beginnen wir unsere Rückreise und machen noch einmal Halt in Sohatus Ökofrevel. Während seiner Regierungsphase plante er 25.000 Indonesier von Sumatra nach Borneo um zusiedeln und hier in der Region Libanesisches Gebirge Reis anbauen zu lassen. Schon gleich zu Beginn der Rodungsarbeiten war jedoch schon klar, dass auf diesem torfigen Untergrund niemals Reis gedeihen wird. Trotz dieses Wissens ließ er dennoch die 10.000 Quadratkilometer Sumpfregenwald abholzen und bescherte der Region kurzfristig wirtschaftlichen Aufschwung, welcher an den unzähligen, inzwischen wieder still gelegten Sägewerken entlang des Kapuas zu erahnen ist. Nur noch vereinzelt sind welche in Betrieb und verarbeiten das illegal geschlagene Holz. Kontrollieren kann das niemand. Es sind zu wenige Regierungsbeamte, die noch dazu schlecht bezahlt werden, die dieses riesige Gebiet "kontrollieren" und die für den einen oder anderen Rupie schon mal die Augen zudrücken. Wir erfahren das alles von Helmut, während ich versuche der Böschung des Entwässerungskanals nach oben zu klettern, um mir einen Überblick zu verschaffen, der mir aus dem Boot nicht möglich ist. Egal wohin ich sehe - Nord, Süd, Ost oder West - kein Baum weit und breit, nur ein bisschen Buschwerk. Ich versinke bis zu den Knien im losen Boden, der genauso aussieht, wie der Sack Torf, der bei uns im Gartenmarkt zu erwerben ist. Statt zu versuchen, diesen Sumpf wieder auf zuforsten, werden zig Entwässerungskanäle gegraben, um eventuell später Ölpalmen zu pflanzen, die dann wahrscheinlich auch noch als nachhaltig zertifiziert werden. Welch´ ein Irrsinn! Durch das Trockenlegen der Sümpfe werden mehr Methan und Kohlendioxyd freigesetzt, als die Bundesrepublik Deutschland im Jahr emittiert. Zusammen mit der Brandrodung wird das industriearme Land Indonesien dadurch hinter den USA und China zum dritt größten Verursacher klimaschädlicher Gase. Einen verzweifelten Versuch das Entwässern zu verhindern, unternimmt die englische Organisation "Wetland international", in dem sie die Kanäle mit Betonwänden zu mauern. Doch kaum ist an der einen Stelle ein Kanal zugemauert. Wird woanders wieder ein neuer Kanal gebaut.

Wir fahren mit unseren lärmenden Booten weiter nach Mantangai, wo wir wieder in das Speedboot umsteigen. Mit rasender Geschwindigkeit geht es jetzt 2,5 Stunden Richtung Banjarmasin. Der Bewuchs an den Ufern weckt in mir Erinnerungen an meine Reisen auf den Flüssen Südamerikas, nur mit einem ganz entscheidenden Unterschied: Es ist nur noch ein schmales Band von 50 oder 100 Metern Breite, vielleicht 200. Danach kommt nichts mehr; alles gerodet, brach liegend oder mit Ölpalmen bepflanzt. Abschied von der Artenvielfalt! Am frühen Nachmittag legt das Boot an und wir steigen in bereitstehende Autos um. Nach dem Mittagessen, einem bunten Allerlei bestehend aus Leber, Herz und Lunge, gegart und gebraten, setzen wir unsere Fahrt im immer dichter werdendem Verkehr nach Banjarmasin fort, wo wir um 16:00 Uhrankommen. Nach dem wir uns frisch gemacht hatten, treffen wir uns wieder gemeinsam zum Essen und gehen anschließend in eine benachbarte Discothek.